Polizei probt den Ernstfall

„Bist du behindert?“ Wortgewaltig und mit Händen und Füßen wehrten sich die Fußballfans, die im Fall der Übung von Polizisten gemimt wurden, gegen das Durchgreifen der Polizei. Ein realistisches Übungsszenario.
 
Die Hundertschaft räumt den Bus. Die Fans waren schon auf der Fahrt nach Goslar auffällig geworden.

Umgang mit Fußballproblemfans auf dem Osterfeld trainiert

„Bist du behindert?“, „Nimm deine Drecksgriffel von mir!“ oder „Ey, was soll der Scheiß, lass deine Hände von meiner Tasche!“. Diese Kraftausdrücke entstammen nicht etwa einem Fernsehfilm über den rauen Alltag in einem großstädtischen Problembezirk, sondern waren realistischer und schauspielerischer Bestandteil einer Großübung, die gestern von der Polizei auf dem Osterfeld in Goslar durchgeführt wurde.

Die Einzeldiensthundertschaft mit Beamten der Polizeiinspektionen Salzgitter/Peine/ Wolfenbüttel und Goslar hatte sich dort für eine Übung zum Themenbereich „Polizeilicher Umgang mit Fußballproblemfans“ zusammengefunden. Einem Szenario, das leider Alltag an Fußballwochenenden in der gesamten Republik ist, und die Beamten der Polizei stets vor handfeste Herausforderungen stellt. Allein im Bereich der Polizeidirektion Braunschweig müssen sechs Fußballvereine betreut werden, die von der Bundes- bis zur Regionalliga aktiv sind.
Das Übungsszenario, das Hundertschaftführer Krüger, Erster Polizeihauptkommissar aus Salzgitter, zu diesem Zweck erarbeitet hatte, ist der Realität angelehnt. Ein Bus mit offensichtlich gewaltbereiten Fußballfans ist auf dem Weg zu einem Spiel in Goslar. Bereits auf der Hinfahrt, als die Fußballfans auf einer Raststätte stoppten, fielen sie durch ihr extremes und ordinäres Verhalten auf. Aus diesem Grund postierte sich die Polizei an den Toren der Stadt um den Bus zum Osterfeld zu eskortieren. Dort wurde dann der weitere Umgang mit den vermeintlichen Problemfans, die im Zuge der Übung von Polizeibeamten gemimt wurden, durchgespielt.
Wie der Goslarer Polizeihauptkommissar Torsten Ahrens erläuterte ist die Betreuung von Fußballspielen grundsätzlich Aufgabe der Bereitschaftspolizei. Diese Einheit ist jedoch auch an anderer Stelle gefragt, weshalb die Einzeldiensthundertschaft von Zeit zu Zeit unterstützend tätig wird.
Bei ihrer Arbeit ist die Hundertschaft in drei Züge aufgeteilt. Dabei gibt es die Beamten, die „direkt am Mann arbeiten“. Sie sind quasi fürs Grobe zuständig und müssen die renitenten und gewalttätigen Fans zur Ordnung rufen. Andere Polizisten sind derweil für die Beweisführung zuständig. Mit Kameras filmen sie das Vorgehen ihrer Kollegen, um stichhaltige und rechtssichere Beweise für mögliche Strafprozesse zu sammeln. Die so genannten „Bearbeiter“ werden dann am Ende der „Bearbeiterstraße“ tätig. Sie nehmen die Personalien auf, durchsuchen die Taschen und entscheiden individuell, ob der betreffende Fußballfan das Spiel besuchen darf oder ausgeschlossen werden muss. Bei diesem Entscheidungsprozess spielen natürlich auch mögliche Vorstrafen eine Rolle, oder ob der Fan bereits in ähnlichen Zusammenhängen in Erscheinung getreten ist.
Nach der Räumung des Busses wurden die Fans zum Stadion geleitet, auch dort kam es erneut zu Ausschreitungen. Ebenso beim Einlass und während des Spiels. Dort zündeten einige Fans Feuerwerkskörper und störten den Spielverlauf.
Grundsätzlich, so erläuterte es Goslars Inspektionsleiterin Polizeidirektorin Christiana Berg gegenüber dieser Zeitung, handele es sich bei dieser Übung um eine Fortbildung, die stetig von den Beamten der Polizei durchlaufen werden muss.
In diesem Fall hat die Übung aber auch noch einen relativ aktuellen Hintergrund. Am 9. November empfängt der Goslarer SC die 2. Mannschaft von Hannover 96. Zu diesem Spiel erwarten die Ordnungshüter zwischen 400 bis 600 Fans der so genannten „Ultras“, einer organisierten Fanszene. Die „Ultras 96“ und die „Brigade Nord“, die sonst für Stimmung bei den Bundesligaspielen des Vereins sorgte, hat sich in einem über Jahre schwellenden Prozess von der Clubführung, um Präsident Martin Kind, entfernt. Die Fronten sind derart verhärtet, dass die „Ultras“ der Profimannschaft ihre Unterstützung entzogen, und seither zu den Spielen der U23-Mannschaft in der 4. Liga reisen. Inwieweit diese Fans beim Spiel in Goslar für Probleme sorgen könnten, kann noch nicht abgesehen werden. Laut Polizeidirektorin Christiana Berg sei es aber nicht schlecht die „Abläufe bei einem solchen Einsatz geübt zu haben.“
An der Übung in Goslar waren rund 126 Polizeibeamte beteiligt. 45 davon gehören der hiesigen Polizeiinspektion an. Verantwortlich für die Führung der Goslarer Kräfte ist PHK Torsten Ahrens, beim Übungsszenario übernahm Polizeioberkommissar Dirk Faulborn diese Aufgabe. Die Übung dauerte etwa fünf Stunden. Unterstützt wurde die Polizei dabei von der Stadtbus Goslar GmbH, die einen Omnibus zur Verfügung stellten.