Verbesserung der Qualität steht immer im Fokus

Professor Dr. Klaus Orth (links) und Dr. Florian Pröve sind Spezialisten auf dem Gebiet der Hernien-Operationen. (Foto: Strache)
 
Um die Bruchpforte nachhaltig zu verschließen werden Netze eingebaut.

Die Asklepios Harzkliniken Goslar haben seit September ein zertifiziertes Hernienzentrum / Ein Gespräch mit den leitenden Ärzten

Nicht nur Knochen können brechen. Brüche können auch in der Bauchdecke entstehen. Beispielsweise an der Leiste oder am Nabel. Bei einem Bauchwanddurchbruch, der in der Fachsprache Hernie genannt wird, handelt es sich um einen Riss des weichen Bauchwandgewebes, der häufig über lange Zeit unbemerkt bleibt. Davon geht eine immense Gefahr aus. Bei einer Hernie legen sich Eingeweide durch eine Spalte in der Bauchdecke, die sogenannte Bruchpforte, in eine Ausstülpung, den Bruchsack. Professor Dr. Orth, Chefarzt des chirurgischen Zentrums für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirugie und sein Kollege Oberarzt Dr. Florian Pröve sind erfahrene Operateure auf dem Gebiet der Hernienbehandlung und haben sich zum Ziel gesetzt das medizinische Spektrum der Harzkliniken Goslar zu erweitern. Seit dem 3. September ist das Goslarer Hernienzentrum nun zertifiziert. Beobachter-Redakteur Maximilian Strache hat sich mit den beiden Medizinern getroffen und ein Gespräch über der Vorteile der Zertifizierung für die Patienten geführt und die Gefahren, die von Hernien ausgehen können, beleuchtet.

Herr Professor Orth, Herr Dr. Pröve, seit dem 3. September haben die Harzkliniken ein zertifiziertes Hernienzentrum. Welche Anforderungen werden an diese Zertifizierung gestellt?

Dr. Pröve: Die Anforderungen an die Zertifizierung durch die Deutsche Hernien-Gesellschaft sind zunächst an eine bestimmte Anzahl von Operationen pro Jahr gekoppelt. Die Zahl liegt zwischen 250 bis 300 Hernien-Operationen. Das Spektrum umfasst Leisten-, Narben-, Nabel und Zwerchfellbrüche. Hinzu kommen aber noch eine Vielzahl anderer Kriterien die erfüllt werden müssen und einer strengen Kontrolle unterliegen. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass die Bezeichnung „Hernienzentrum“ nicht geschützt ist. Es geht also um die Zertifizierung mit einem Qualitätssiegel, das in dieser Form in Deutschland relativ neu ist.

Wie sieht die Kontrolle ob alle Anforderungen eingehalten werden denn aus?

Dr. Pröve: Die Kontrolle erfolgt über die gemeinnützige Gesellschaft Herniamed. Das ist ein bundesweites Netzwerk von besonders engagierten Hernienchirurgen und Kliniken. Hauptelement des Herniamed-Projekts ist eine internetbasierte Qualitätssicherungsstudie, in die alle durchgeführten Hernienoperationen nach fundiertem wissenschaftlichen Standard eingegeben werden. Diese Registrierung ermöglicht eine Nachverfolgung der Operationen von bis zu zehn Jahren.

Und welchen Vorteil hat die Zertifizierung für die Patienten hier vor Ort?

Dr. Pröve: Für die Patienten liegt der Vorteil zum einen ganz klar darin, dass sie immer von ausgewiesenen Spezialisten behandelt werden. Bei jeder OP muss entweder der Leiter des zertifizierten Hernienzentrums oder sein Stellvertreter anwesend sein. So wird zudem auch sichergestellt, dass Chirurgen im Rahmen ihrer Ausbildung immer einen erfahrenen Operateur an ihrer Seite haben. Und ein weiterer Vorteil für die Patienten liegt natürlich auch darin, dass durch die Integration in die Qualitätsstudie eine stetige Kontrolle der verwendeten Materialien gewährleistet ist. So stehen unter anderem die künstlichen Netze die eingebaut werden und die Fixierungssysteme wie Tacker oder ähnliches unter ständiger Beobachtung. Damit stellen wir sicher, dass nicht so etwas passiert, wie es im vergangenen Jahr mit Brustimplantaten der Fall war. Bei vielen Frauen, die sich einer solchen OP unterzogen hatten, mussten die Implantate wieder entfernt werden.

Mindestens 250
Eingriffe pro Jahr

Und wie viele Operationen haben Sie jetzt in Goslar konkret?

Dr. Pröve: Also wir haben in den letzten Jahren schon immer mindestens 250 Hernien-OP's gehabt. Deshalb war der Schritt zur Zertifizierung auch die logische Folge, weil wir wussten, dass wir die Voraussetzungen erfüllen.

Welche Gefahr geht denn beispielsweise von einem Bauchwandbruch aus?

Dr. Pröve: Grundsätzlich bergen alle Brüche die Gefahr, dass Darminhalt beziehungsweise Inhalt aus dem Bauch eingequetscht wird, von der Blutversorgung abgetrennt wird und in der Folge abstirbt. Deshalb sollte ein Bauchwandbruch, um bei dem Beispiel zu bleiben, auch operiert werden.

Gibt es noch andere Gründe für eine Operation, angenommen die Situation ist jetzt nicht so akut, wie sie eben von Ihnen geschildert wurde?

Professor Orth: Es gibt natürlich auch kosmetische Gründe für eine Operation. Manche Hernien sind recht groß und wölben sich vor, da ist es aus kosmetischer Sicht, aber natürlich auch aus medizinischer Sicht - solche Hernien können Schmerzen verursachen - sinnvoll operativ einzugreifen.

Männer sind häufiger betroffen als Frauen

Wie häufig kommt es denn statistisch gesehen zu Bauch-, Narben-, Nabel- und Leistenbrüchen?

Dr. Pröve: Also es ist so, dass Leistenbrüche vermehrt bei Männern auftreten. Das Verhältnis zu Frauen mit einem Leistenbruch liegt bei 8 zu 1. Narbenbrüche treten bei etwa 20 Prozent der Patienten auf, die im Zuge einer OP einen großen Schnitt am Bauch bekommen haben. Diese Zahlen sollen dadurch minimiert werden, dass in Zusammenarbeit mit der Deutschen Hernien-Gesellschaft Studien aufgelegt werden um den Verschluss des Bauches dauerhaft zu verbessern. In Dänemark und Schweden gibt es beispielsweise schon seit längerer Zeit Hernienregister und es hat sich gezeigt, dass dies zu einer nachhaltigen Steigerung der Qualität geführt hat.

Professor Orth: Und die Zertifizierung hat an dieser Stelle noch einen weiteren, einen globalen Aspekt und das ist die Nachkontrolle. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass man seine Ergebnisse kontrolliert. Nur so kann eine stetige Verbesserung der Behandlungsmethoden erreicht werden.

Es dreht sich also bei der Zertifizierung vor allem um die Verbesserung der Qualität?

Professor Orth: Genau. Durch die Nachkontrolle können wir uns selber überprüfen. Treten zum Beispiel bei einem Patient, auch lange nach der Operation, Probleme auf, können wir anhand unserer Dokumentationen nachvollziehen, was falsch gelaufen ist, und unsere Schlüsse für die Zukunft daraus ziehen. Wir sehen dann zum Beispiel, ob die Operationsmethode verbessert werden muss oder ob wir vielleicht ein anderes Material verwenden müssen.

Welche Symptome deuten denn auf einen Bauchdeckendurchbruch hin? Und gibt es Möglichkeiten das zu Hause selber zu kontrollieren beziehungsweise festzustellen?

Dr. Pröve: Also als Laie ist das natürlich nicht so einfach festzustellen. Die meisten Patienten, die bei uns in die Sprechstunde kommen, klagen meist über einen ziehenden Schmerz in der Bauch- oder Leistengegend. Das sind die ersten Symptome. Und wenn dieser Bruch dann zunimmt kommt es zu einer Wölbung, die tastbar ist. Bei Menschen mit Übergewicht ist das natürlich deutlich schwieriger zu ertasten als bei normalgewichtigen.

Jetzt kann man häufiger lesen, vornehmlich im Internet, dass vor allem Menschen mit einer Bindegewebsschwäche von Hernien betroffen sind. Zum einen, stimmt das, und zum anderen, gibt es Möglichkeiten dieses Risiko zu minimieren?

Dr. Pröve: Es gibt viele Risikofaktoren, die zu einem Bruch führen können. Das Menschen mit dieser so genannten Bindegewebsschwäche zu Bauchdecken- oder Leistenbrüchen neigen, ist aber zunächst einmal nur eine These. Es gibt auch Menschen, die keine Bindegewebsschwäche haben und trotzdem einen Bruch erleiden. Sie müssen sich den menschlichen Körper wie ein Gefäß vorstellen. Und in diesem Gefäß gibt es einige Sollbruch-Stellen.

Professor Orth: Hinzu kommt auch noch, dass es auch angeborene Brüche gibt. So zum Beispiel den Nabelbruch. Dabei handelt es sich um eine natürliche Öffnung, bei der es dazu kommen kann, dass diese sich nicht komplett schließt. Das kann auch schon bei Säuglingen auftreten. Ob operiert wird, hängt stark davon ab, wie groß diese Öffnung ist. Im Laufe eines Lebens kann es also auch dazu kommen, dass sich die Öffnung vergrößert und folglich Probleme bereitet. Genau das gleiche gibt es auch beim Mann mit der Leiste. Dort befindet sich die Durchtrittsstelle vom Samenstrang und den Hodengefäßen. Und diese natürliche Lücke verschließt sich normalerweise. Es kann aber auch vorkommen, dass sich die Lücke eben nicht verschließt. Dann kann es später zu einem Leistenbruch kommen.

Alle gängigen
Operationsmethoden

In den vergangenen Jahren hat sich ja viel auf dem Gebiet der Hernienoperations-Methoden getan. Wurden früher die Brüche einfach zugenäht, was nicht so erfolgreich war, werden heute Netze eingesetzt. Welche Operationstechniken werden denn hier in den Harzkliniken in Goslar angeboten?

Dr. Pröve: Wir bieten alle gängigen, also offenen und minimalinvasiven (Endoskopie) Operationsmethoden an. Die Wahl, welche Methode angewendet wird, ist von Patient zu Patient und von Fall zu Fall natürlich unterschiedlich. Wichtig ist, dass die Menschen wissen, dass sie bei uns hervorragend aufgehoben sind und es keinen Grund gibt, wegen einer Hernien-OP in ein anderes Krankenhaus, meinetwegen in einer Großstadt, zu gehen.

Jetzt sprachen sie vorhin eine Sprechstunde an. Wann ist diese Sprechstunde, und wer kann diese Sprechstunde besuchen?

Dr. Pröve: Die Sprechstunde ist immer montags und mittwochs, und jeder kann kommen. Es empfiehlt sich aber vorab telefonisch einen Termin abzuklären. Da sind wir auch wieder bei einem weiteren Vorteil, welche die Zertifizierung den Patienten bietet.

Und welches ist das?

Dr. Pröve: Wir sind verpflichtet den Patienten innerhalb von zwei Wochen einen Untersuchungstermin zu geben und spätestens nach vier Wochen einen OP-Termin. Dabei kommt es natürlich auch immer darauf an, wie akut der vorliegende Fall ist.

Spielt es eine Rolle, ob ich privat oder gesetzlich versichert bin?

Professor Orth: Nein das spielt überhaupt keine Rolle.

Welche Pläne verfolgen sie denn für die Zukunft?

Professor Orth: Wir wollen uns stetig verbessern um unsere Patienten bestmöglich zu versorgen. Unser Ziel ist es, die Harzklinik noch attraktiver zu machen, was auch Auswirkungen auf die Lebensqualität in der Region hat.


Hintergrundinformationen:

Professor Dr. med. Klaus Orth (55) verfügt über ein sehr breites Spektrum der gesamten Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, einschließlich Schlüssellochoperationen. Hier zählt er zu den Pionieren dieser Operationstechnik. Zu seinen Spezialgebieten gehört die Chirurgie von Leber, Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse, besonders auch bei bösartigen Tumorerkrankungen oder Tumorabsiedelungen (Metastasen). Prof. Orth promovierte 1986 an der Universität Homburg/Saar und war langjährig als Oberarzt an der Universität Ulm tätig. Mit seiner OP-Erfahrung von fast 15.000 Operationen - im Laufe von fast 30 Berufsjahren - erwarb er sich außergewöhnlich große Erfahrungen im Bereich der Allgemein-, Viszeral-, Onkologischen und Thoraxchirurgie.

Dr. med. Florian Pröve (41) ist Facharzt für Allgemeinchirurgie und Viszeralchirurgie. Als Oberarzt der Abteilung Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie hat er sich in der Harzklinik Goslar in dem Thema Hernienversorgung und Schilddrüsenoperation etabliert. In dieser Abteilung wurde innerhalb der letzten Jahre systematisch die Kooperation zwischen nationalen und internationalen Hernienzentren ausgebaut und gepflegt.