„Wir kommen, um mit euch durchzudrehen."

Daniel Schulz beim crowdsurfing auf dem Feuertal-Festival. Foto by Tom Row
 
Auf dem Mera Luna Festival. Foto by Mandy Privenau
 
UNZUCHT Bandfoto by Holger Bücker
 
UNZUCHT Bandfoto by Holger Bücker

Unzucht-Frontmann Daniel Schulz im großen Boulevard Seesen Interview

„Wir kommen um mit euch durchzudrehen."

Unzucht-Frontmann Daniel Schulz im großen Boulevard Seesen Interview



Der gebürtige Bad Grunder Musiker Daniel Schulz hat mit seiner Band Unzucht und ihrem neuen Album „Rosenkreuzer“ den Einstieg in die deutschen Top-100 Album-Charts geschafft. In der Veröffentlichungswoche (4. Oktober) stieg die Band mit ihrem neuen Longplayer direkt auf Platz 61 ein. Als Chartnachbarn grüßten quasi über Nacht auf einmal Musikstars wie Moby, Black Sabbath oder Unheilig. Ein großer Erfolg für das Rockquartett, bedenkt man, dass die Band erst seit 2009 besteht. Boulevard Seesen hat sich mit Frontmann und Sänger der Band Daniel Schulz über das neue Album, den Tour-Stress, den wachsenden Erfolg und das Leben als Rockstar unterhalten.


Daniel, Hand aufs Herz, hattet ihr bei der Produktion eures neuen Albums „Rosenkreuzer“ auch nur annähernd damit gerechnet in den Top 100 der deutschen Albumcharts zu landen?

Nach dem unglaublich erfolgreichen letzten Jahr haben wir uns ganz vorsichtige Hoffnungen gemacht, dass wir es vielleicht in die Top 100 schaffen könnten. Aber nachdem die Veröffentlichung von Mitte September auf Oktober verlegt werden musste, haben wir eigentlich nicht mehr damit gerechnet, weil der Oktober einer der Monate ist, in denen viele der ganzen großen Bands und Künstler ihre Alben veröffentlichen. Da sind dann natürlich die ersten 20 bis 30 Plätze unerreichbar. Denn gegen Korn, Caspar oder Helene Fischer können wir natürlich nicht anstinken. Für Szenebands wie uns, ist es zum Beispiel im Sommerloch einfacher zu charten. Als dann die Meldung kam, dass wir nicht nur in den Top 100 sind, sondern auch noch mit Platz 61 komfortabel im Mittelfeld platziert sind, war die Freude natürlich riesengroß.


Im Vergleich zu eurem Debütalbum „Todsünde 8“ ist „Rosenkreuzer“ härter undvon der Stimmung auch düsterer geworden. War das geplant oder hat sich das beim Schreiben der Songs einfach so ergeben?

Das hat sich tatsächlich einfach so ergeben. Wir schreiben aus dem Bauch heraus und planen das nicht vorher. Die Band hat sich einfach in diese Richtung entwickelt und ist auch vom Songwriting her homogener und eindeutiger geworden. Aber es ist trotzdem der typische Unzucht-Sound, der, egal wie hart die Musik ausfällt immer von unseren eingängigen Melodien getragen wird und weiter sehr abwechslungsreich und unberechenbar ist. Wir lassen einfach die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen in unserer Musik zu.


Deine Texte wirken sehr nachdenklich. Was inspiriert dich?

Einfach das was ich tagtäglich erlebe, höre und sehe. Die Texte sind oft nachdenklich, aber eigentlich immer positiv, auch wenn sie oft von schweren Zeiten im Leben handeln. Zum Beispiel ist letztes Jahr einer meiner besten Freunde und Gitarrist meiner Soloband Hagen Höpfner plötzlich verstorben. Natürlich beeinflusst so ein schreckliches Erlebnis. Deswegen kreisen viele Texte um die Vergänglichkeit und dem Versuch der Hinterbliebenen irgendwie weiterzumachen. Aber das sehr einfühlsam und mit viel Wärme und Hoffnung. Das kommt in unserem Video „Nur die Ewigkeit“ sehr gut rüber, das wir wieder mit unserem Freund und Kameramann Christian Beer gedreht haben und das sehr emotional und schön geworden ist.


Auf Amazon habe ich zahlreiche sehr positive Resonanzen über das Album gefunden. Liest du dir solche Rezensionen durch, und wenn ja, was löst das in dir/euch aus?

Das ist natürlich superschön zu lesen, dass den Leuten gefällt was wir machen. Das wir sie emotional berühren und ihnen was mit auf den Weg geben. Ich hab oft gehört, dass die Songs vielen in schwierigen Situationen geholfen haben, das sie Hoffnung machen, trösten oder einfach nur Spaß machen. Das sind natürlich unglaublich große Komplimente die einen oft sprachlos machen und uns sehr viel bedeuten. Die Kritiken in der Fachpresse sind auch fast ausschließlich positiv bis euphorisch, was uns natürlich sehr freut. Aber das kann sich auch wieder ändern, deswegen sollte man diese Sachen zwar genießen aber nicht zu sehr an sich ran lassen.


Zwischen eurem Debüt und dem neuen Album habt ihr euch ja nicht viel Zeit gelassen. Hattet ihr einfach so unglaublich viele Songs, oder wolltet ihr euren Fans einfach schnell etwas neues präsentieren und den Schwung aus den zahlreich erfolgreich gespielten Konzerten mitnehmen?

Wir hatten ehrlich gesagt fast gar keine Songs, weil wir vor lauter Touren nicht zum komponieren gekommen sind. Aber es gab natürlich reichlich Ideen. Jeder von uns nimmt fast ständig Songideen auf oder schreibt sich Phrasen und Gedanken in sein Notizbüchlein. So war es uns möglich fast das komplette Album innerhalb von zweieinhalb Monaten zu schreiben. Wir hatten uns vorgenommen unser zweites Album ein Jahr nach dem ersten zu veröffentlichen um den Schwung zu nutzen, aber wichtiger als Termine einzuhalten ist natürlich gute Songs abzuliefern. Das uns das so rasend schnell gelungen ist, ist schon ein gutes Gefühl. Während De Clerq und ich noch die Melodien und Texte schrieben, waren Fuhrmann und Blaschke schon im Studio um Bass und Schlagzeug aufzunehmen.


Ihr seit ja in den vergangenen zwölf Monaten richtig viel unterwegs gewesen. Neben den Touren im Herbst 2012 (u. a. mit Mono Inc. und Megaherz und bei den „Dark End Festivals“) habt ihr Anfang dieses Jahres sogar eine erfolgreiche Co-Headliner-Tour mit euren Freunden von „Lord of the Lost“ gespielt. Wie bereitet ihr euch auf eure Touren vor, und wie viel vom viel gerühmten Rock 'n' Roll Livestyle lebt ihr auf euren Konzertreisen?

Vorbereiten tun wir uns tatsächlich kaum, wenn man mal von dem organisatorischen Dingen absieht. Klar, wir spielen die neuen Songs vorher rund, aber es gibt keinerlei Bühnenproben oder Ablaufproben oder so was. Jeder von uns ist Rampensau genug um zu wissen, was er wann auf der Bühne zu machen hat. Die Touren sind unglaublich spaßig aber auch mega anstrengend. Ein durchschnittlicher Arbeitstag auf Tour hat für uns 18 Stunden. Das geht damit los, meist so um die 500 Kilometer zum Auftrittsort zurückzulegen, dann sofort aufzubauen, den Sound zu checken, schnell eine Kleinigkeit essen, umziehen und vorbereiten, und dann ab auf die Bühne. Das alles ist schon Rock'n'Roll genug, aber natürlich lieben wir es auch mit unseren Fans und befreundeten Bands zu feiern, was es natürlich nicht einfacher macht am nächsten Tag wieder in die Gänge zu kommen. Aber dank dem glorreichen Dreigestirn Adrenalin, Endorphin und reichlich Koffein schafft man das, und wenn man dann wieder zu Hause ist schläft man eben drei Tage durch (lacht).


Wie reist ihr auf Tour? Mit eigenem Van oder konntet ihr inzwischen schon auf einen großen Nightliner (großer Reisebus / Anm. d. Red.) und schicke Hotels umsteigen?

Ab und zu haben wir den Luxus eines Nightliners in dem man ja wunderbar schlummernd in die nächste Stadt chauffiert wird. Aber meistens sind wir momentan mit einem Kleinbus unterwegs. Das heißt selber fahren und wenig Schlaf.


Seit Jahren schon klagt die Plattenindustrie über sinkende Verkaufserlöse und der dadurch verbundenen Schwierigkeit neue Künstler aufzubauen. Deshalb verdienen viele Musiker und Bands ihr Geld inzwischen fast ausschließlich mit dem Spielen von Konzerten und dem Verkauf von Merchandise. Wie ist das bei euch, könnt ihr inzwischen vom Musik machen leben?


Das stimmt. Man kann zwar prima für die Musik leben, aber davon zu leben ist eine ganz andere Nummer. Wir alle setzen alles auf eine Karte, und ich lebe ja schon seit über 12 Jahren von der Musik. Allerdings in dem ich auch in anderen Bands singe oder Gesangsunterricht oder Bandworkshops gegeben hab. Das alles tritt jetzt mehr und mehr hinter Unzucht zurück, weil die Unzucht immer besser anläuft, aber die goldenen Zeiten der Musikbranche sind definitiv vorbei und man muss echt kämpfen und Mut zur Lücke haben. Doch wenn man es wirklich ernst meint, kann man es immer noch schaffen.


Aktuell seid ihr jetzt auf Tour durch die Republik. Bis Ende des Jahres werdet ihr noch in Städten wie München, Frankfurt, Berlin und Leipzig auftreten. Im Januar setzt ihr die Tour dann fort. Was können die Fans auf der Tour erwarten?

Wie immer den „unzuchttypischen“ Vollwahnsinn vor, auf und hinter der Bühne. Nur im Gegensatz zur letzten Tour höher, schneller, weiter. Wir können das erste mal eine volle Showlänge spielen, da wir dieses mal ja alleiniger Headliner sind.


Bei all dem Stress mit der Band. Hast du da überhaupt noch Zeit dich um die Organisation von Walpurgis-Rock zu kümmern? Wenn ja, was planst du für die kommende Ausgabe?

Zeit hat man natürlich nie, aber wenn einem eine Sache wichtig genug ist, muss man sie sich halt nehmen. Ich fange gerade an das Walpurgisrock Openair 2014 zu planen und es wird da anknüpfen wo wir in den letzten Jahren aufgehört haben, nur dass wir wieder einen Schritt weiter gehen, was das Line Up und die Organisation angeht. Es gibt einen neuen Hauptveranstalter für das Walpurgisfest in Bad Grund und wir alle sind guter Dinge und haben uns sehr viel vorgenommen.

Und wann werdet ihr denn mal wieder im Harz ein Konzert geben?

Das steht noch nicht fest, aber wir haben ja gerade das ausverkaufte und schweißtreibende Konzert in der JFS-Seesen gespielt und auf unserer Rosenkreuzer-Tour sind wir am 5. Dezember zumindest in der Region und zwar im "Exil" in Göttingen.
Ich hoffe, das man sich da dann sieht und gemeinsam abhebt, denn wie heißt es doch so schön in dem Titelsong unseres neuen Albums: „Wir kommen um mit euch durchzudrehen."


Das Interview führte Maximilian Strache, Fotos: Mandy Privenau, Holger Bücker und Tom Row