Zehn Tage elektrisch

Giovanni Graziano hat sein Auto für zehn Tage gegen ein Elektroauto getauscht. Bisher zieht der Goslarer SPD-Politiker ein sehr positives Fazit. Und auch mit dem Landen gab es bisher keine Probleme, wie hier in Seesen „Am Markt“.
 
Unter der Haube ist für den Laien kaum ein Unterschied auszumachen. Lediglich die Dimensionen eines Verbrennungsmotors fallen größer aus. Graziano berichtet über seine Erlebnisse übrigens auch in einem Blog.

Goslarer Kommunalpolitiker Giovanni Graziano tauscht seinen Benziner gegen ein Elektrofahrzeug

Für zehn Tage tauscht der Goslarer Ratsherr Giovanni Graziano sein benzinbetriebenes Auto gegen ein Elektrofahrzeug.

Möglich macht dies eine Aktion der Metropolregion Hannover, Braunschweig, Göttingen und Wolfsburg, die Kommunalpolitikern im Zuge des „Schaufensters Elektromobilität“ ein elektrisch betriebenes Auto zur Verfügung stellt. Die Aktion ist aber nicht als reine Werbekampagne zu verstehen, sondern soll auch Verbesserungspotentiale aufzeigen.
Seit Dienstag pendelt Graziano nun mit seinem VW e-up zwischen seinem Wohnort Goslar und seinem Arbeitsplatz in der Seesener Jugendfreizeitstätte, und um es in wenigen Worten zusammenzufassen: Graziano ist begeistert. „Allein schon das geräuschlose Dahingleiten ist ein Erlebnis“, sagt Graziano, merkt aber gleichzeitig an, dass andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer seinen schmucken Flitzer mitunter „gar nicht kommen hören“.

Auf leisen Sohlen zwischen Goslar und Seesen

Der Goslarer Sozialdemokrat bewegt sich mit seinem Elektrogefährt also auf sehr leisen Sohlen, was er aber nicht als grundsätzliches Manko werten möchte. „Mit entsprechender Nachrüstung akustischer Signale dürfte das Problem der auditiven Wahrnehmung schnell zu beheben sein“, ist sich der Sozialpädagoge sicher.
Und auch den sehr hohen Einstiegspreis für Elektroautos sieht Graziano zwar gegenwärtig noch als Hürde, ist aber überzeugt, dass hier vor allem richtungsweisende Entscheidungen der Politik gefragt sind. „Ich könnte mir da ein Modell vorstellen, ähnlich wie damals mit der Abwrackprämie“, sagt Graziano. Das heißt, dass Autofahrer, die ihr bisheriges benzinbetriebenes Fahrzeug gegen ein Elektroauto tauschen, beim Vertragsabschluss mit einer einmaligen Sonderprämie belohnt werden. Zu denken wäre aber auch an umfassende steuerliche Vergünstigungen, wie sie beispielsweise sehr erfolgreich in Norwegen praktiziert werden. Dort hat der elektrisch betriebene Supersportwagen „Tesla S“ erst vor kurzem das Alltagsauto VW Golf vom Spitzenplatz der Zulassungsliste verdrängt.

Für E-Autos wird keine Kfz-Steuer fällig

Wie Sabine Flores von der Metropolregion erklärt, kommen aber auch in Deutschland Besitzer oder Käufer von Elektroautos bereits in den Genuss von steuerlichen Vergünstigungen. „Für die nächsten 20 Jahre wird für ein Elektroauto keine Kfz-Steuer erhoben“, bestätigt Flores gegenüber dem „Beobachter“. Und auch die weiteren Kosten für den Betrieb eines Elektroautos unterbieten die eines Verbrennungsmotors um Längen. Werden bei einem durchschnittlichen Benziner Kosten zwischen acht bis zehn Euro pro 100 Kilometer fällig, „so sind es bei einem E-Fahrzeug unter drei Euro“, sagt Flores.
Dabei sind es auch nicht in erster Linie die Kosten, die potentielle Autokäufer bisher noch vom Erwerb eines E-Autos abhalten. Vielmehr ist es die vergleichsweise geringe Reichweite, die Skeptiker in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt.
Giovanni Graziano kann mit seinem Tausch-Fahrzeug bei voll geladenem Akku rund 150 Kilometer fahren. Die Strecke Seesen-Goslar ist damit locker sechsmal ohne Nachladen machbar.
In Goslar hat Graziano das EFZN direkt vor der Haustür. Dort kann er das Fahrzeug über Nacht aufladen. Und auch in Seesen, in direkter Nachbarschaft zu seiner Arbeitsstätte, befindet sich auf den Parkflächen „Am Markt“ eine Ladestation der HarzEnergie, die ebenso wie die Säule auf dem Gelände des EFZN mit Strom aus regenerativer Erzeugung gespeist wird.
Dennoch sieht Graziano bei der Infrastruktur genauso wie Sabine Flores erheblichen Ausbaubedarf. „Für eine flächendeckende Akzeptanz der Elektromobilität muss das Ladestationennetz verbessert werden“, sagt Graziano und Flores ergänzt: „Die Reichweiten-Angst vieler Skeptiker ist zwar schon heute absolut unbegründet, weil 90 Prozent der Europäer täglich nur eine Strecke von 50 Kilometern zurücklegen, dennoch muss es das langfristige Ziel sein, die Abstände zwischen Ladestationen klar zu verringern.“
Aktuell fühlt sich Graziano mit seinem VW e-up aufgrund vieler Skeptiker auch noch ein wenig in der Rolle eines Revoluzzers: „In unserer Gesellschaft muss der Dialog, wie unsere Mobilität in Zukunft aussehen soll, viel umfassender und offener geführt werden als bisher, sonst werden wir in diesem Prozess abgehängt“. Soll heißen, jeder Einzelne sollte sein eigenes Mobilitätskonzept einmal grundlegend überdenken.
Die Aktion der Metropolregion, Kommunalpolitiker als Multiplikatoren für die Vorzüge der Elektromobilität einzusetzen, ist in diesem Prozess auf jeden Fall schon einmal ein richtiger Ansatz.