Diagnose Brustkrebs: Ein Besuch im Brustzentrum Goslar

Im Brustzentrum Goslar arbeiten die verschiedenen Fachabteilungen interdisziplinär. In der so genannten Tumorkonferent tragen alle Beteiligten die Ergebnisse der Befunde zusammen und werten diese gemeinsam aus. (Foto: mammo-programm)
 
Das Brustzentrum in den Asklepios Harzkliniken ist seit 2005 durch OnkoZert zertifiziert. Im Brustzentrum werden jährlich 200 bis 250 Oprationen durchgeführt. (Foto: Strache)
 
Dr. med Hanno Klingemann ist Chefarzt der Frauenklinik und des Brustzentrums. (Foto: Strache)

Früherkennung ist der beste Weg, Leben zu retten / 200 bis 250 Fälle pro Jahr / Modernste Untersuchungstechniken

Von Maximilian Strache, Goslar

Jährlich erkranken nach Informationen der Deutschen Krebshilfe bundesweit mehr als 59.500 Frauen an Brustkrebs. Damit ist Brustkrebs das häufigste Krebsleiden bei Frauen. Fast 30 Prozent der Krebserkrankungen bei Frauen betreffen die Brust, gefolgt von Darm- und Lungenkrebs. Die Zahl der Neuerkrankungen in Deutschland nimmt seit 1980 stetig zu. Die Zahl der Sterbefälle durch Brustkrebs liegt seit 1990 aber nahezu konstant bei etwa 18.000 Frauen jährlich. Die Gründe dafür liegen vor allem in einer verbesserten Diagnostik und Früherkennung sowie des Einsatzes neuer Medikamente und schonenderer Operationsmethoden.
In den Asklepios Harzkliniken Goslar gibt es seit 2005 ein zertifiziertes Brustzentrum, das sich auf die Früherkennung, Diagnose, Operation und Nachsorge von Patientinnen mit Brustkrebs spezialisiert hat. Leiter und Chefarzt des Zentrums ist Dr. med. Hanno Klingemann. Er hat das Zentrum maßgeblich mit aufgebaut und gilt als ein ausgesprochen erfahrener Operateur.
Die europaweite Einführung von Brustzentren mit einheitlichen Leistungen und Qualitätsstandards vor etwa zehn Jahren fußt auf einer in den 90er Jahren in den USA durchgeführten empirischen Untersuchung. Die Forscher haben die komplette Anzahl der in verschiedenen Kliniken durchgeführten Brustkrebsbehandlungen mit der Quote der erfolgreichen Behandlungen ins Verhältnis gesetzt. Aus diesen Ergebnissen folgerten die Wissenschaftler eine eindeutig signifikante Abhängigkeit der Heilungserfolge von der Anzahl der behandelten Fälle. Konkret haben die Forscher ermittelt, dass die Heilungs­chancen bei mehr als 130 Fällen pro Jahr und pro Einrichtung am größten sind.
In den USA führten die Ergebnisse der Studie zu einem raschen Umdenken in Bezug auf die Behandlung von Brustkrebs. Europa folgte dieser Entwicklung erst einige Jahre später. Die ersten Länder, die sich in Europa mit der Einführung einheitlicher Leis­tungen und Qualitätsstandards befassten, waren Schweden, England und Italien. Im Jahr 2004 verfügte die EU-Kommission, dass alle Länder der Europäischen Union einheitliche Standards erarbeiten und einführen müssen.
In Deutschland ist OnkoZert für die Zertifizierung von Kliniken als Brustzentrum zuständig. Bei OnkoZert handelt es sich um ein unabhängiges Institut, das im Auftrag der Deutschen Krebsgesellschaft das Zertifizierungssystem zur Überprüfung von Organkrebszentren und Onkologischen Zentren gemäß den entsprechenden fachlichen Anforderungen betreut.
Die Asklepios Harzkliniken waren deutschlandweit eine der ersten Institutionen, die sich um die Zertifizierung bewarben. „Die Kriterien sehen es vor, dass mindestens 150 Fälle pro Jahr behandelt werden müssen; liegen die nicht vor, braucht der Antrag gar nicht erst gestellt werden. Das ist die Mühe nicht wert“, so Dr. Klingemann.
In Goslar werden inzwischen 200 bis 250 Patienten behandelt. Der Einzugsbereich der Klinik beschränkt sich jedoch nicht allein auf den Landkreis Goslar. „46 Prozent unserer Patienten kommen aus den angrenzenden Landkreisen und zum Teil auch aus noch größerer Entfernung“, sagt Klingemann.
Die Akzeptanz der Goslarer Einrichtung hängt nach Angaben Klingemanns vor allem mit dem hervorragenden Renommee zusammen, das sich die Klinik in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Die Quote der brusterhaltenden Operationen liegt zwischen 85 und 90 Prozent. Ein anderer wichtiger Bestandteil des Erfolges ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen. Der erfahrene Mediziner spricht in diesem Zusammenhang von einem „gelebten Zentrumsgedanken“.
Um als Brustzentrum zertifiziert zu werden, muss eine Klinik neben den entsprechenden Fallzahlen eine gro­ße Spannbreite medizinischer Fachrichtungen vorhalten. Neben einer Frauenklinik müssen auch die Bereiche Strahlentherapie, Hämatoonkologie und Onkologie, Radiologie, Nuklearmedizin, Pathologie, Genetische Beratung und Sozialer Dienst abgedeckt sein. Darüber hinaus sind Brustzentren verpflichtet, eine speziell ausgebildete Breastnurse zu beschäftigen. Das Fehlen einer dieser Abteilungen oder Mitarbeiter würde eine Zertifizierung durch OnkoZert ausschließen beziehungsweise zum Entzug einer bereits vorhandenen Zertifizierung führen.
„Deshalb“, so Dr. Klingemann, „ist die Behandlung in einem Brustzentrum auch erheblich teurer als in einer nicht zertifizierten Einrichtung.“ Neben den Kosten für das Fachpersonal und die hochqualifizierten Ärzte müssen die technischen Gerätschaften immer mit dem aktuellen Forschungsstand Schritt halten. „Wenn ein neues Gerät auf den Markt kommt, dessen Funktion und Leis­tung die der Vorgänger übertrifft, sind wir verpflichtet, dieses Gerät unverzüglich anzuschaffen.“ Ein eindrucksvolles Beispiel für die technische Ausstattung der Klinik geben die zur Früherkennung eingesetzten Verfahren. Im Brust­zentrum Goslar werden neben der Mammographie auch die Kernspinntomographie sowie die technisch gesteuerte Vakuumbiopsie zur Früherkennung eines Brustkrebsleidens eingesetzt.
Dem Zentrumsgedanken kommt vor allem bei der Früherkennung eine entscheidende Rolle zu. Die Ärzte in den Harzkliniken sind in der Lage, innerhalb von zehn Minuten eine sichere Diagnose zu stellen. „Da wir hier mit allen entscheidenden Fachrichtungen Hand in Hand arbeiten, können wir in kürzester Zeit eine gesicherte Diagnose stellen“, erklärt Klingemann. Eine entnommene Gewebeprobe beispielsweise wird unverzüglich in die ein Stockwerk tiefer gelegene Pathologie gebracht. Dort machen sich die Experten sofort an die Arbeit und liefern den Ärzten um Chefarzt Klingemann schnellstmöglich fundierte Befunde. Dabei wird im Brustzentrum mit der sogennanten Doppel-Befundung gearbeitet. Das bedeutet, dass zwei Mediziner unabhängig voneinander einen Befund abgeben. Stimmen diese beiden Befunde nicht zu hundert Prozent überein, wird ein dritter Befund eingeholt.
Das Brustzentrum ist verpflichtet, den Patienten bei einem positiven Befund innerhalb von 14 Tagen nach Diagnosestellung ein stationäres Bett anzubieten. Ein unheimlicher Aufwand, der die Klinikleitung veranlasst, stets ausreichend Betten vorzuhalten. Auch diese Vorgabe verursacht immense Kosten, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht nur durch viele Behandlungen und Fälle kompensiert werden können.
Die Behandlung in einem Brustzentrum ist aber nicht mit der Beendigung des stationären Aufenthaltes abgeschlossen. Die Nachricht eines positiven Befundes ist einschneidend. „Das Leben, so wie man es sich vorgestellt hat, ist zunächst einmal vorbei“, weiß Dr. Klingemann, „deshalb ist es besonders wichtig, dass die Patienten sofort eine professionelle und einfühlsame Betreuung erhalten und nicht mit ihrer Situation alleine gelassen werden.“ An dieser Stelle stehen dann die Breastnurse und die Psychoonkologin bereit. Die Patienten werden nicht nur sprichwörtlich „an die Hand genommen“, sondern sie werden umfassend informiert und auf die Herausforderungen vorbereitet. Die psychologische Betreuung und der Einsatz des Sozialen Dienstes reichen sogar so weit, dass den betroffenen Patienten von der Wahl der richtigen Kleidung bis hin zur Wahl einer typentsprechenden Perücke geholfen wird. Im Anschluss an die stationäre Behandlung erhalten die Patienten eine Wiedereingliederungshilfe in den Alltag. Auch die betroffenen Familien finden im Brustzentrum stets ein offenes Ohr für ihre Ängste und Bedürfnisse.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Brustzentrum Goslar zeigt sich vor allem auch in der wöchentlich stattfindenden Tumorkonferenz. Jeden Mittwoch treffen sich alle involvierten Abteilungen um 14.15 Uhr, um über jeden einzelnen Befund ausführlich zu sprechen. Auch der einweisende niedergelassene Arzt wird in diese Konferenzen aktiv eingebunden. Neben den vier Operateuren des Brustzentrums finden sich also auch der Hämatoonkologe, Röntgenologe, der Strahlentherapeut, die Nuklearmediziner sowie die Breastnurse ein, um sicherzustellen, dass alles für die Patienten getan wird. Diese Tumorkonferenzen sind ebenfalls Bestandteil der Zertifizierungsvorgaben von OnkoZert. Des Weiteren werden regelmäßige Quali­tätskontrollen durchgeführt, um die hohen Standards zu gewährleisten.
Besonders stolz ist Dr. Hanno Klingemann auf die hervorragende Quote bei der Früherkennung. „Wenn wir den Krebs frühzeitig erkennen, sind die Heilungschancen enorm groß. Kann man den Krebs erst richtig durch Abtasten mit der Hand fühlen, ist es meist schon zu spät. Deshalb kann ich immer wieder nur daran appelieren zur Vorsorge zu kommen“, so Klingemann.
Das Brustzentrum bietet zu diesem Zweck auch Spezialsprechstunden an. Dort können sich interessierte Frauen und Männer regelmäßig beraten lassen.