Der Tag startet mit einer kalten Dusche

Katharina Mehrkens (5. von links) bei der Kinderstunde in Jenotepe in Nicaragua.

Die 19-jährige Katharina Mehrkens berichtet über ihre ersten Wochen in Nicaragua

Die 19-jährige gebürtige Hahäuserin Katharina Mehrkens weilt seit Anfang Dezember in Nicaragua und leistet dort ihren „Internationalen Jugendfreiwilligendienst“ in dem Projekt „Vida Nueva“ (auf deutsch „Neues Leben“). Im „Beobachter“ berichtet sie nun fortlaufend über ihre Erlebnisse in dem fernen Land in Mittelamerika.



Die lange Vorbereitung für meinen „Internationalen Jugendfreiwilligendienst“ (IJFD) in Jinotepe, Nicaragua, hatte am 2. September endlich ein Ende gefunden, und ich konnte mich in mein Abenteuer stürzen. Ich werde hier in Jinotepe, einer Stadt mit geschätzten 30.000 Einwohnen, für knappe elf Monate leben und in dem Projekt „Vida Nueva“ meinen Freiwilligendienst absolvieren.
Ich lebe als Gast im Haus einer alleinstehenden Nicaraguanerin namens Elizabeth und darf mich wirklich glücklich schätzen bei ihr wohnen zu können. Wir verstehen uns wirklich gut und hatten sofort einen Draht zueinander, trotz meiner anfänglich wirklich überschaubaren Kenntnisse der spanischen Sprache. Auch wenn der Lebenskomfort hier ein anderer ist, und ich jeden Tag ganz zwangsläufig mit einer kalten Dusche in den Tag starten muss, fühle ich mich bisher wirklich wohl und denke, dass ich im Laufe der Zeit hier ganz ankommen kann.
Das Projekt, in dem ich arbeite, betreut Frauen aus der Prostitution sowie ihre Kinder, die oftmals aus ihrer Tätigkeit entstanden sind. Meine Chefin, Mireya sowie meine Arbeitskollegin Helia, begleiten die Frauen seit vier Jahren und helfen ihnen dabei, aus dem Milieu auszusteigen und unterstützen sie beim Aufbau eines neuen Lebens. Das Projekt finanziert sich neben Spenden zum großen Teil durch Eigenfinanzierung. Um Geld einzunehmen, hat das Projekt beispielsweise eine eigene Backstube, in der wir regelmäßig mit den Frauen backen, damit sie anschließend die selbsterzeugten und typisch nicaraguanischen Backwaren auf dem Markt verkaufen können. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die „Schmuckwerkstatt“ die wir dann im Esszimmer meiner Chefin aufbauen und alle dafür benötigten Utensilien hervorkramen. Aber auch durch Anlässe, wie das Bekochen der Teilnehmer von Fremdseminaren, die in den Räumen der Projektstelle stattfinden, wird die Kasse von „Vida Nueva“ gefüllt.
Neben diesen Arbeitsbereichen lässt sich die Arbeit mit den Frauen und den Kindern des Projektes in drei Teile aufteilen: So gibt es den Bereich, in dem wir die Frauen an ihrem Arbeitsplatz, also im Stadtpark oder an der Straße aufsuchen und mit ihnen ein Gespräch aufbauen. Viele der Frauen kennen schon das Projekt und kommen zu regelmäßigen Veranstaltungen, die wir für Austausch, persönliche Betreuung und vieles weitere anbieten. Diese Frauen haben den Ausstieg aber noch nicht geschafft.
Schuld daran ist der Kreislauf in dem sie leben. Mit Alkohol betäuben sie ihre Sinne, damit sie ihre Hemmungen verlieren und ihren Körper verkaufen. Um das Geschehene zu vergessen, betäuben sie sich wiederum mit Alkohol. Es ist also häufig nicht nur der Ausstieg aus dem Milieu der geschafft werden muss, sondern auch die Bekämpfung der Sucht spielt eine große Rolle.
Dank des Projektes konnten bereits viele Frauen aus der Tätigkeit aussteigen und sich ein „Vida Nueva“, also ein neues Leben aufbauen. Diese Frauen umfassen den zweiten Arbeitsbereich. Auch für sie veranstalten wir regelmäßige Treffen zum Austausch, zum Gespräch, um das Erlebte zu verarbeiten und sie in ihrem Alltag zu unterstützten. Zusätzlich besuchen wir diese Frauen und auch ihre Familien regelmäßig zu Hause. Sie wohnen oft in anderen Städten, haben jedoch in Jinotepe gearbeitet, um von Bekannten oder von ihren Familien nicht gesehen zu werden. Bei ihnen zu Hause können wir dann individuell auf ihre Bedürfnisse eingehen.
Viele der Familien leben in Blechhütten, die keinen festen Boden haben. Dadurch leiden sie vor allem in der Regenzeit unter den äußeren Bedingungen.
Bereits mehreren Familien konnte durch die finanziellen Mittel des Projektes ein Hausbau ermöglicht werden. Das Projekt handelt dabei jedoch nach dem Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Familien müssen mindestens die Hälfte des Betrages selbst finanzieren und sind selbst am Bau des Hauses, das häufig nur aus zwei Räumen besteht, beteiligen. Der Hintergrund dessen ist, dass die Familien selbst Initiative ergreifen und aktiv werden sollen und ihnen nicht ein „Neues Leben“ vor die Nase gesetzt wird, was lediglich die Rahmenbedingungen verändern würde und nicht die Ursache. Sie sollen selbst ihr Leben verändern und neu gestalten.
Der dritte Arbeitsbereich umfasst die Arbeit mit den Kindern. Durch die Projektgelder können wir Zahnbürsten kaufen und die Kinder in die Zahnhygiene einweisen. Außerdem werden davon Bastelutensilien für kreative Nachmittage beschafft. Die Bastelstunden, in denen wir aber auch zusammen singen, dynamische Spiele spielen und Geschichten erzählen, finden in den neu erbauten Häusern der Frauen statt.
Zudem geben Helia und ich jeden Montag zeitgleich in einer Familie Unterricht. Während meine nicaraguanische Arbeitskollegin die Mutter, die mit über 50 Jahren Analphabetin ist, im Lesen und Schreiben unterrichtet, gebe ich ihren Kinder im Fach Mathematik Nachhilfe. Diese Familie ist ein gutes Beispiel dafür, wie wertvoll doch die Arbeit dieses Projektes ist und wie viel Veränderung es den Familien ermöglicht. Ich bin so dankbar hier sein zu dürfen und möchte an dieser Stelle meine Organisation, die Arbeitsgemeinschaft pfingstlich charismatischer Missionen e.V. (APCM), erwähnen.
Zudem wird mir dieses Auslandsjahr durch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugendliche (BMFSFJ) ermöglicht, welches die IJFD’s finanziell unterstützt, damit Jugendliche interkulturell lernen und ihren Horizont, über den deutschen hinweg, erweitern können.
Neben dem BMFSFJ unterstützt mich neben Freund, Bekannten und Verwandten auch der Seesener „Beobachter“. Mit dieser Unterstützung wird das Auslandsjahr in Nicaragua finanziert.