Ehemalige Prostituierte (56) muss sich wegen schweren Betruges verantworten

Hausfrau und Mutter betrieb „privates“ Reisebüro / Geld kassiert, aber Reisen nicht gebucht

Von Maximilian Strache,
Hahausen, Seesen

Mit einem sehr komplizierten Fall hatte sich das Schöffengericht Seesen unter dem Vorsitz von Richter Frank Rüger am vergangenen Mittwoch zu befassen. Auf der Anklagebank saß eine 56-jährige ehemalige Hahäuserin, die aufgrund gewerbsmäßigen Betruges im großen Stil den Ermittlungsbehördern ins Netz gegangen war. Bei der Urteilsfindung hatte das Schöffengericht aufgrund der Schwere der Taten Schwie­rigkeiten in einem juris­tisch vertretbaren Rahmen zu bleiben. Am Ende rang sich das Schöffengericht aber zu einem sehr milden Urteil durch, das die harten sozialen Umstände der Angeklagten berücksichtigte.
Der 56-Jährigen wurde von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, dass sie im Zeitraum von Anfang 2009 bis April 2010 verschiedenen Personen aus dem Bekanntenkreis Reisen angeboten habe, die jedoch nur in seltenen Fällen tatsächlich gebucht und angetreten wurden. Aus der Akte des Oberstaatsanwalts gingen insgesamt 24 Reisen hervor, die zwar bezahlt, aber nie gebucht worden waren. So ist den Geschädigten ein Gesamtschaden von 44.694 Euro entstanden.
Die Angeklagte räumte die Taten ein; auf die Frage, warum die mehrfach vorbestrafte Frau sich auf ein solch dubioses Geschäft eingelassen habe, antwortete sie jedoch, dass sie sich ihre Fehler selbst nicht erklären kann. Nach ihren Angaben sei sie in dieses Geschäft „reingerutscht“.
Zwar konnte sich Richter Rüger ein derartiges Verhalten kaum vorstellen, schenkte den Angaben der inzwischen in Lautenthal wohnhaften Frau aber Glauben, da er sie schon aus verschiedenen anderen Verfahren kannte.
Ferner beteuerte die Hausfrau und zweifache Mutter, dass sie keinen Profit aus den Geschäften mit den Reisen schlagen wollte. Mit dem eingenommenen Geld habe sie zunächst eigene Schulden getilgt und dann versucht, mit frischem Geld alte Reisen zu buchen und zu bezahlen. Irgendwann sei ihr die ganze Geschichte aber über den Kopf gewachsen
Um dem Oberstaatsanwalt und den Schöffen ein Bild über die Lebenssituation der Frau zu vermitteln, bat Richter Rüger die 56-Jährige, einen tiefen Einblick in ihr bewegtes Leben zu gewähren.
Unter Tränen schilderte die gelernte Sekretärin ihr zum Teil grauenhaft verlaufenes Leben. Schon im Kindesalter wurde sie von ihrer Mutter misshandelt. Trotzdem konnte sie sich berappeln und schloss nach absolvierter Schulzeit eine Ausbildung zur Sekretärin ab. In diesem Job arbeitete sie auch mehrere Jahre. Viele davon war sie in Berlin tätig. Als ihr Arbeitgeber jedoch pleite ging, rutschte die heute 56-jährige Mutter und Hausfrau immer tiefer ab. Sie landete schließlich im Rotlichtmillieu und schlug sich etwa zwölf Jahre ihres Lebens als Prostituierte durch.
Im Alter von 33 Jahren lernte sie ihren ersten Ehemann kennen, der sie aus dem Millieu herausholte. Doch das neue Glück war trügerisch. Ihr erster Ehemann begann das Trinken und drohte ihr und den zwei gemeinsamen Kindern, sie mit einem Gewehr zu töten.
Ein weiterer Schiksalsschlag ereilte sie dann vor rund 20 Jahren. Bei ihrer jüngsten Tochter, die heute etwa 21 Jahre alt ist, diagnostizierten die Ärzte einen nicht eingrenzbaren Defekt des Gehirns. Nach Angaben der Ärzte ist die Hälfte des Gehirns ihrer jüngsten Tochter „über Nacht“ zur Hälfte abgestorben. Die junge Frau wird niemals ein normales Leben führen können und immer auf fremde Hilfe angewiesen sein.
Und auch die älteste Tochter macht es ihrer Mutter nicht leicht. Heute ist sie 24 Jahre alt und verdingt sich als Pros­tituierte. Ein uneheliches Kind, das sie vor etwa drei Jahren zur Welt brachte, lehnt sie bis heute ab. Nun kümmert sich die Angeklagte um ihre verstoßene Enkelin.
Mit ihrem zweiten Ehemann, einem Schlosser, ist aus zwischenmenschlicher Sicht eigentlich alles in Ordnung. Doch nun hat auch ihr treusorgender Ehemann gesundheitliche Probleme. Bei ihm vermuten die behandelnden Ärzte eine seltene Form der Muskellähmung. Ein schleichender Prozess, der die familiäre Situation schwer belastet.
Der Oberstaatsanwalt verdeutlichte schon in seiner Begründung für das von ihm geforderte Strafmaß, dass unter den vorherrschenden Umständen eine rein juristische Bewertung der Taten nicht zielführend ist. In seinem Antrag betonte er mehrfach, dass die Angeklagte der Fixpunkt der Familie sei und dass eine Gefängnisstrafe die komplette Familie ins Unheil stürzen würde. Natürlich, und daran ließ der Staatsanwalt keine Zweifel, sei das Ende der Fahnenstange nun endgültig erreicht. „Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie sich keinen einzigen Fehler mehr erlauben dürfen. Sonst müssen sie ins Gefängnis“, so der Staatsanwalt in Richtung der Angeklagten. In seinem Antrag forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird.
Das Schöffengericht folgte diesem Antrag trotz der zahlreichen Vorstrafen der Angeklagten. Auch Richter Rüger unterstrich in der Urteilsbegründung mehrfach, dass die 56-Jährige jetzt letztmalig die Chance erhält, von verbrecherischen und betrügerischen Taten endgültig Abstand zu nehmen. Auf weitere Auflagen verzichtete das Gericht. Das veruntreute Geld will sie in Raten zurückzahlen.