Ein unermessliches Ausmaß des Grauens

In den Schützengräben mussten die Soldaten oft wochenlang ausharren. Viele von ihnen starben den Heldentod im Gefecht, außerdem starben viele junge Menschen an Krankheiten. Das Leben in Dreck und Schlamm und tageslanges Trommelfeuer setzten den Soldaten zu.
 
„Harriehäuser Schicksale im Ersten Weltkrieg – Eine Betrachtung zum „Heldentod für das Deutsche Vaterland“ hieß der Vortrag des Heimat- und Geschichtsvereins Harriehausen. Rund 70 Interessierte folgten der Einladung zu dieser bedrückenden Zeitreise.
 
Erschütternde Einblicke in den Ersten Weltkrieg gab Dieter Klosa.

Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus – Harriehäuser Heinz-Dieter Klosa berichtet über gefallen Soldaten

Der Erste Weltkrieg wurde von 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben. Der erste unsägliche Waffengang zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte weitreichende Folgen nach sich ziehen.

Exakt 100 Jahre nach Ausbruch dieses „Großen Krieges“ hatte der Heimat- und Geschichtsverein Harriehausen wenige Tage vor dem Volkstrauertag zu einem besonderen Vortragsabend auf Traupes Tenne eingeladen.
Der Vortrag stand unter dem Leitsatz: „Harriehäuser Schicksale im Ersten Weltkrieg – Eine Betrachtung zum „Heldentod für das Deutsche Vaterland“ für mehr als 40 junge Männer aus Harriehausen. Wer waren sie, und was haben sie erlitten?“
Der ehemalige Polizeipräsident der Stadt Hannover und in Harriehausen lebende Dieter Klosa berichtete an diesem Abend über das Schicksal der insgesamt 40 Harriehäuser, die nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Dazu hatte er in mühsamer Kleinarbeit die noch verfügbaren Unterlagen ausgewertet und mit Nachkommen gesprochen. Herausgekommen sind spannende Geschichten, die Schlaglichter auf den mörderischen Krieg werfen und noch heute tiefe Nachdenklichkeit auslösen.
Klosa schilderte besipielsweise den besonders tragischen Fall der Harriehäuser Familie Wacker, deren drei Söhne im Ersten Weltkrieg gefallen sind, zwei davon im Abstand von nur 14 Tagen. Hilfreich waren Klosa dabei die Aufzeichnungen des früheren Harriehäuser Pastors Wilhelm Behrens, der die Schicksale der Gefallenen im Buch „Begräbnisse“ niedergeschrieben hatte.

Große Kriegs-Euphorie 1914:
„Mir juckt die Säbelspitze“

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte eine große Euphorie, viele Männer meldeten sich freiwillig zum Krieg. „Mir juckt die Säbelspitze“– so und mit ähnlichen Sprüchen auf den Eisenbahnwaggons zogen die jungen Männer in den Krieg, nichts ahnend welches unvorstellbare Grauen vielen von ihnen bevorstand.
Klosa verstand es dabei, immer auch den geschichtlichen Hintergrund und die weltpolitischen Machtverhältnisse in den Vortrag einzubauen. Auch verwies er auf die Propaganda in der Presse. Auch der Seesener „Beobachter“ schönigte zu der Zeit die Kriegszustände, wie Klosa erzählte. Maschinengewehre, Artillerie und Flammenwerfer brachten alsbald vielen jungen Menschen den Tod. Wer einen Schuss ins Herz bekam, starb ohne Qual. Viele hatten weniger „Glück“.
Eine weitere teuflische Waffe, die in diesem Krieg zum Einsatz kam, war das Giftgas. Vor Ypern in Frankreich ließen die Deutschen am 22. April 1915 von fünf Minuten 150 Tonnen Chlorgas aus 6000 Stahlflaschen ab. Eine weißgelbe Giftwolke zog sich auf sechs Kilometer Breite gegen die französischen Stellungen. Da Chlorgas schwerer als Luft ist, sank es in die alliierten Gräben und Stellungen. Es gab dort Tausend Mann Verluste; die Soldaten hatten keinerlei Gasschutz.
Viele Harriehäuser wurden in den Kriegswirren vermisst, auch sie kehrten nie wieder heim. Erschütternd auch der Tod des 31-jährigen Maurers Albert Grothian: Ihm sollen beide Beine durch eine Granate abgeschossen worden sein. Seine Kameraden hätten ihn aber nicht zurücktragen können wegen der vielen einfallenden Granaten. Erst spät in der Nacht ist er ins Reservelazarett gebracht worden. Hier ist er am 19. September 1915 gestorben. Erst Ende Oktober erfuhren die Angehörigen von dem Tod.

„Dieser gute Kamerad Karl
Zickfeld starb in meinen Armen“

Obwohl der Erste Weltkrieg schon 96 Jahre zu Ende ist, lösten die Geschichten der gefallenen Harriehäuser Soldaten tiefe Emotionen bei den zahlreichen Besuchern des Vortrages aus. Das war insbesondere der Tatsache geschuldet, dass es Heinz-Dieter Klosa grandios verstand, den Bezug der Toten zu den Nachfolgefamilien zu knüpfen. So beispielsweise am Schicksal von Karl Zickfeld, dem Urgroßvater von Jörg Zickfeld, dem ehemaligen Vorstand der Volksbank Harriehausen und heutigem Redakteur des Gandersheimer Kreisblattes.
Sein Urgroßvater wurde durch zwei Bauchschüsse am 30. Oktober 1914 getötet. Am 10. November traf bei der Familie Koch in Harriehausen eine Feldpostkarte von W. Kappei aus Echte ein, auf welcher dieser mitteilt, dass „dieser gute Kamerad Karl Zickfeld“ morgens kurz vor 7.45 Uhr durch zwei Bauchschüsse getroffen und in seinen Armen gestorben sei.
Die Schicksale der Soldaten berührten die rund 70 Besucher auf Traupes Tenne sichtlich. So auch der Tod des 22-jährigen Julius Schlange. Am 6. Januar des Jahres 1915 begab sich Schlange um 12 Uhr in die Feuerstellung seiner Kompanie in Begleitung seines Majors und seines Adjutanten. Dabei wird er den Kopf über die Brustwehr des Schützengrabens erhoben haben. Ein Kopfschuss trifft ihn, der sofortiges Ableben zur Folge hatte.
Nahezu alle Familien in Harriehausen verloren in diesen vier Jahren des Schreckens Angehörige. Sie ließen ihr Leben sinnlos, all die Traupes, Zickfelds, Blötz’, Mackes, Schlanges, Niemeiers und wie sie alle hießen und ihre Nachfahren heute noch heißen. Fotos zeigten die jungen Männer stolz in ihren Uniformen und mit Pickelhaube.
Sie starben alsbald in der Hölle von Verdun, in der Skagerrakschlacht oder an der Somme. Sie wurden erschossen, verstümmelt, durch Giftgas in den Tod geschickt. Manche wurden gar im Stollen lebendig begraben. Wer überlebte, dürfte die Schreckensbilder nie wieder vergessen haben. Die Leiden waren vielfältig: Hunger, mangelnde Hygiene, Krankheiten, Läuse und Ratten, Ausharren in Erdlöchern, Leben in Dreck und Schlamm, tagelanges Trommelfeuer, ständige Angst vor Artillerietreffern und Verschüttung, bestialischer Leichengestank, Angst vor dem Lazarett, fehlende Informationen, mangelnde Orientierung und die Sinnlosigkeit immer neuer Offensiven.
Von den 155 im Ersten Weltkrieg kämpfenden Harriehäusern ließen nicht weniger als 40 ihr Leben – mehr als ein Viertel der jungen Männer, die meisten im besten Alter zwischen 18 und 38 Jahren. Und es sollte nur 21 Jahre dauern, ehe im Jahr 1939 ein zweiter Krieg begann, genauso zerstörerisch, sinnlos und voller tragischer Einzelschicksale. Erst 1945 sollte der unsägliche zweite große Waffengang ein Ende finden.
„Wir leben in einer glücklichen Zeit, sind seit 69 Jahren ohne Krieg“, schloss Dieter Klosa seinen mehr als zweistündigen Vortrag. Und es gab niemandem, der ihm in diesem Moment widersprechen wollte oder konnte. Heimatverein-Vorsitzende Heidi Opfermann, die einleitend die Begrüßung vorgenommen hatte, dankte Dieter Klosa für seine mühevolle Detailarbeit.
Die Geschichte wurde an diesem Abend mehr als lebendig. Das Grauen eines Krieges hatte die Besucher gefangen genommen – wenige Tage vor dem Volkstrauertag 2014 – 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltrkrieges...