Weiteres Rätsel um die Schlacht ist entschlusselt

Archäologen finden Beweis für eine Beteiligung der vierten Legion bei der Schlacht am Harzhorn

Nur sehr selten finden Archäologen Artefakte, die eine präzise Ver­knüpfung ihrer nicht schriftlichen Befunde mit der historischen Überlieferung erlauben. Die Untersuchungen am vor drei Jahren neu entdeckten römisch-germanischen Schlachtfeld des 3. Jh. n. Chr. am Harzhorn haben nun solch einen überraschenden Fund ans Tageslicht gefördert.
Denn obwohl das Schlachtfeld am Harzhorn vergleichsweise gut datiert ist, war es bisher nicht möglich, es zweifelsfrei mit einem historisch überlieferten Ereignis zu verbinden. Schon vor einem Jahr wurde bei der Prospektion in der näheren und weiteren Umgebung des Harzhorns ein weiterer Fokus des Kampfgeschehens aufgespürt, der eine hohe Konzentration an vorwiegend römischen Funden erbracht hat. Während das Fundspektrum am Harzhorn vorwiegend von römischen Distanzwaffen wie Katapultspitzen und Pfeilspitzen gekennzeichnet ist, wird das Bild der neuen Fundstelle geprägt von Nahkampfwaffen und Teilen römischer Ausrüstungen, von denen viele mit Wagen und Zugtieren in Verbindung stehen. Die meisten Waffen zeigen Beschädigungen, die einen Hinweis auf heftige Nahkämpfe geben. Zu den eindrucksvollsten Funden zählen zwei vollständige Pila, die berühmten schweren Wurf­lanzen der römischen Legionäre. Auch die beiden Pila wurden zuletzt im Kampf eingesetzt und gingen dabei verloren, wie die deutlichen Beschädigungen zeigen. Zu den markantesten Funden zählen weiterhin die Teile eines römischen Helmes sowie mehrere Lanzenspitzen, darunter ein besonders eindrucksvolles Exemplar, das einen der extrem seltenen Belege für germanische Waffen aus der Harzhornschlacht darstellt.
Das Highlight aber ist eine zwei Kilogramm schwere, vollständig erhaltene römische Pionieraxt aus Eisen, eine Kombination aus Axt und Hacke. Beim Restaurieren dieser sogenannten Dolabra kam auf der Breitseite eine Inschrift zu Tage, die erstmalig einen Hinweis auf die Zusammensetzung des am Harzhorn kämpfenden römischen Heeres gibt. In großen Lettern ist hier der Eigentümer der Dolabra vermerkt, die „LEG IIII“ – die vierte Legion. Einem Team von Epigraphikern ist es in den vergangenen Monaten gelungen, eine vollständige Deutung der geheimnisvollen Inschrift vorzulegen, die wichtige neue Informationen zu der Schlacht am Harzhorn liefert. Offenbar handelt es sich um zwei sich überlagernde Buchstabenfolgen, deren Inhalt sich auf die Beinamen der vierten Legion „flavia severiana alexandriana“ bezieht. Die vierte Legion Flavia felix war in Singidunum (heute Belgrad) in der Provinz Obermoesien stationiert und als eine besonders schlagkräftige Einheit an vielen militärischen Operationen des 3. Jh. beteiligt. Ein militärischer Einsatz von Einheiten der vierten Legion Flavia in Germanien ist auch durch einen Gedenkstein für den auf einer „expeditone germaniae“ gefallenen Soldaten Aurelius Vitalis in Speyer überliefert, auch wenn dabei unklar bleibt, ob ein Zusammenhang zu den Ereignissen am Harzhorn besteht. Mit den Neufunden ist der Beweis erbracht, dass das Harzhorn selbst nur ein Ausschnitt aus einer weiträumigen militärischen Operation der Römer ist. Die Beteiligung von Einheiten der vierten Legion ist ein zusätzlicher wichtiger Hinweis darauf, dass es sich bei den vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der Kreisarchäologie Northeim geborgenen Funden am Harzhorn um die Spuren eines Feldzuges von Kaiser Maximinus Thrax aus dem Jahr 235 n. Chr. handelt.
Die Niedersächsische Ministerin fur Wissenschaft und Kultur, Prof. Dr. Johanna Wanka, zeigte sich beeindruckt von der außergewöhnlichen Qualität und guten Erhaltung der neuen Funde und betonte, „dass sich hier Geschichte in einer Anschaulichkeit und Intensität präsentiert, die ihresgleichen sucht“. Weiterhin kündigte die Ministerin an, dass das Land die einmalige Chance, die dieser herausragende Fund bietet, nutzen werde, um noch 2013 im Rahmen einer großen Landesausstellung in Braunschweig das Harzhorn und das dramatische 3. Jh. an der Nordgrenze des Imperium Romanum in all seinen Facetten darzustellen.