Als eine Kuh am Schulunterricht teilnahm

Viele Herrhäuser nutzten die Gelegenheit und statteten dem Lesecafé, dass dieses Mal in ihrer Ortschaft Station machte, einen Besuch ab.

Lesecafé diesmal in Herrhausen – Dörfliches Leben früher und heute thematisiert – Großes Interesse

Im Dorfgemeinschaftshaus Herrhausen ging das jüngste Lesecafé über die Bühne, zu dem der Arbeitskreis „Jung und Alt“, Dorfchronist Torsten Warnecke, die AWO und der Paritätische Wohlfahrtsverband eingeladen hatten. Zur Einstimmung zeigte Torsten Warnecke alte Landkarten von Herrhausen – eine von 1670 und eine von 1757. Herrhausen erholte sich relativ schnell von den Folgen des Dreißig­jährigen Krieges, was es Johann von Koch zu verdanken hatte, denn vom wirtschaftlichen Aufschwung des Ritterguts profitierte auch das Dorf. Dominiert wurde es vom Kochschen Rittergut, dessen Gutshaus sogar die Kirche überragte. Zum Rittergut gehörte ein parkähnlicher Garten, der von einer hohen steinernen Mauer umschlossen wurde. In den Gärten des Dorfes standen zirka 1000 Obstbäume, die der Ernährung der Menschen dienten. Um den Kochschen Hof und das Pfarrhaus herum lagen die Felder des Rittergutes und der Klein- und Großköther, die im Drei-Felder-System bewirtschaftet wurden. Der Mühlenteich, der damals Schleikerteich hieß, war doppelt so groß wie heute, denn der obere Teil wurde nach 1849 zugeschüttet. 1757 gab es 80 Pferde, 82 Schweine 253 Kühe und 546 Schafe im Dorf.
Wer Pferde besaß, galt schon als reich, denn üblicherweise wurden Rinder für die Feldarbeit eingesetzt. Am verbreitetsten waren Schafe, denn sie waren genügsam und galten als Nutztiere des kleinen Mannes. Die Kleinkötherhäuser waren damals ärmlich, ziemlich alt und teilweise baufällig. Mensch und Tier lebte unter einem Dach, nur die wohlhabenderen Bauern konnten es sich leisten, einen Stall zu bauen. Die Tagelöhnerbehausungen hatten keine Fenster, sondern „Löcher“, die mit „Zeug“ oder Stroh ausgestopft wurden.
Im Jahr 1867 hat sich der Viehbestand ziemlich verändert. So gab es in Herrhausen 60 Pferde, 148 Kühe, 149 Schweine und 1.282 Schafe. Gelebt hat man überwiegend von der Landwirtschaft. Zusätzlich gab es im Dorf im Jahr 1872 zwei Müller, von denen einer auch Großköther war, einen Schmied, drei Schneider, zwei Schuster, drei Materialwarenhändler, einen Drechsler, zwei Tischler und drei Schlachter, von denen einer Hausschlachtungen machte, einen Maurer, einen Seiler, einen Stellmacher, drei Böttcher, einen Bäcker, einen Lehrer, einen Pastor und zwei Zigarrenmacher. Zigarren gerollt haben übrigens viele Herrhäuser im Nebenerwerb. Der Eisenbahnbau zwischen 1856 und 1872 – insbesondere der Bau der Strecke Seesen - Osterode – hat das Dorfleben verändert, da immer mehr seiner Einwohner Arbeitsplätze in den Fabriken Seesens fanden – beispielsweise in einer der vier Blechwarenfabriken, in der Eisengießerei oder in der Blumschen Zigarrenfabrik. Ursprünglich war für Herrhausen keine Haltestelle vorgesehen und Münchehof hätte auch keinen eigenen Bahnhof bekommen, wenn sich nicht die Kaufleute in der Region dafür eingesetzt hätten. Für die Bauern waren die Transportfahrten für den Eisenbahnbau eine zusätzliche Einnahmequelle. Eine Reise in die Landeshauptstadt Braunschweig war auch keine Tagesreise mehr, denn der Zug brachte es immerhin auf 50 km/h. Kämpfen mussten die Herrhäuser nicht nur für ihre Haltestelle, sondern auch für eine Trinkwasserleitung. So kam es dazu, dass der „Seesener Beobachter“ einen Leserbrief veröffentlichte, in dem ein Herrhäuser seinem Unmut Luft machte: die Bauern würden ihr Vieh durch die Nette treiben, was die Trinkwasserqualität keineswegs verbessere. So dürfe das nicht sein. 1907 wurde die erste Wasserleitung gebaut und in den 20er Jahren waren alle Häuser an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen. Im Jahr 1911 wurde Herrhausen elektrifiziert. Dadurch erschloss sich der Tourismus als neue Einnahmequelle für die Herrhäuser, denn es war zu dieser Zeit keineswegs selbstverständlich, dass es in Dörfern Strom und fließendes Wasser gab. Damit haben diejenigen, die Fremdenzimmer vermieteten, auch Werbung gemacht – und natürlich mit der Nähe Herrhausens zum Harz.
Nicht nur Torsten Warnecke berichtete Wissenswertes über Herrhausen, sondern auch die zahlreichen Gäste. Das Dorfgemeinschaftshaus war früher eine Schule. Sie diente auch als Wohnstube des Lehrers. Eine Kuriosität wusste eine ältere Dame zu erzählen – der damalige Lehrer besaß eine Kuh und die nahm am Unterricht teil, weil es keinen Platz für einen Stall gab. Das hatte auch Vorteile: „Im Winter war es immer schön warm“.
Einem Senior, der nicht singen konnte, ist in seiner Schulzeit etwas Abenteuerliches passiert. Am Musikunterricht sollte er nicht teilnehmen. Mit seinem Klassenkameraden, der auch nicht besser sang, musste er beispielsweise den Garten des Lehrers pflegen. Eines Tages mussten die Jungs ein Huhn schlachten. Oje, das hatten sie ja noch nie getan. Also nahmen sie ihren Mut zusammen und versuchten es. Doch leider trafen sie das Huhn nicht richtig, das versuchte zu flüchten. Das klappte aber auch nicht, weil sich der Junge auf es warf. Das gab ein Spektakel – „danach mussten wir nie mehr ein Huhn schlachten“, meinte der Herrhäuser trocken. Schade fanden es viele ältere Herrhäuser, dass nur noch wenige von der Landwirtschaft leben können – 1872 waren es noch 37 und heute sind es nur noch vier. Die Kinder spielen auch heutzutage nicht mehr draußen, sondern hocken lieber vor dem Computer. Da gäbe es ein langes Gesicht, wenn der Strom ausfällt und „das Internet nicht geht“. Sie selbst hätten als Kinder nach der Schule immer auf dem Feld helfen müssen, „aber Zeit zum Spielen hatten wir trotzdem“.