Feuersbrunst machte 30 Familien obdachlos

Als am Sonntagmorgen die Sonne aufging, fielen die Strahlen auf ein schreckliches Trümmerfeld, in dem die vom Unglück Verfolgten suchten und gruben, um noch etwas von ihrer Habe zu bergen. Doch nichts war verschont geblieben, denn der Brand hatte ganze Arbeit geleistet.
 
Nur noch Schutt und Asche – das große Feuer in Ildehausen zerstörte 1903 fast das halbe Dorf.

21. Februar 1903: Binnen Stunden war Ildehausen ein einziges Flammenmeer / Verdächtiger wurde freigesprochen

Genau 110 Jahre sind vergangen, seit das Dorf Ildehausen durch einen großen Band einen harten Schicksalsschlag erfuhr: Es war an einem Sonnabend; einem schneelosen, trüben Wintertag. Man schrieb den 21. Februar 1903, als das Unfass­bare geschah. In nur wenigen Stunden legten die Flammen einen Teil des Dorfes Ildehausen in Schutt und Asche – 30 Ildehäuser Familien wurden obdachlos. Trotz des verzweifelten Kampfes der Wehrmänner konnte die Katastrophe nicht verhindert werden. Heute, fast auf den Tag genau 85 Jahre nach der schrecklichen Feuersbrunst, soll noch einmal – mit den Worten des Chronisten – an den verheerenden Brand in der Ortschaft Ildehausen erinnert werden.
Als die Ildehäuser am Morgen des 21. Februar 1903 aus ihrem Schlaf erwachten, ahnten sie nicht, welches schwere Unheil am Abend über sie hereinbrechen sollte. Leise senkt sich die Dämmerung auf das stille Dorf. Hier und dort wird in den Häusern schon ein Fenster hell vom milden Licht der Lampen.
Vom Kirchturm hallen sechs klare Schläge über die Dächer des Dorfes und zeigen an, dass die siebente Stunde nach Mittag begonnen hat. Noch hängt der Klang des letzten Glockenschlages in der klaren Luft, als der gellende Ton des Feuerhorns ihn zerreißt und die Dorfbewohner aus dem behaglichen Gefühl des Tages Arbeit getan haben, je aufschreckt. Sie gehen vor die Tür und sehen zu ihrem Schrecken, dass eine schwarze Rauchwolke drohend über der Gastwirtschaft Menge steht. Nur wenige Augenblicke dauerts, dann züngeln rote Flämmchen unterm Hausdach hevor. Es brennt!
Verzweifelt versuchen die Bewohner der Gastwirtschaft, dem Feuer zu wehren, aber alle ihre Mühe ist umsonst. Höher schlagen die Flammen, fressen sich gierig an den reichen Strohvorräten satt und tanzen bald übermütig auf den Dachfirsten der Scheunen und Ställe. Schneller als jemand sich’s denken kann brennt das ganze Grundstück lichterloh.
Von den Ställen und Scheunen springen die Flammen auf das angrenzende Gehöft von Bauer Probst über, ohne sich viel um das Geschrei einer Frau zu kümmern, die krank im Bett lag und nun händeringend am Fenster um Hilfe ruft. Nur mit knapper Not kann sie dem Feuer entrissen werden.
Die linden Lüfte, die den ganzen Tag über von Süden über das Dorf geweht hatten, wurden gegen Abend von einem Sturm verdrängt, der nun mit vollen Backen in die Flammen bläst. Hand in Hand mit dem Sturm springt das Feuer in einem riesigen Satz über das Haus des Bauern Ludwig Menge.
So mutig auch die Feuerwehr dem Brand auf den Pelz rückt, sie muss vor seiner Wut weichen, und binnen weniger Stunden ist die Mitte des Dorfes ein einziges Flammenmeer, und weit in die Lande hinein leuchtet der helle Feuerschein am dunklen Nachthimmel. Höher und höher lodern die Flammen, immer wütender prasseln sie und immer gellender schreien die Tiere, die in ihrer Todesangst nicht wissen, wohin sie sich retten können, und die, mit Mühe und Not aus dem brennenden Stall geborgen, sich immer wieder losreißen und an den gewohnten Ort zurückrennen.
Es war eine furchtbare Nacht, eine Nacht, die man in Ildehausen so leicht nicht vergessen wird.
Der Sturm, der noch immer übers Dorf tobt, lässt keinen Gedanken an Rettung aufkommen. Ohnmächtig müssen die Feuerwehren, die aus allen Nachbarorten herbeigeeilt sind, zusehen, wie ein Gehöft nach dem anderen ein Raub der Flammen wird. Die schreckliche Hitze verwehrt ihnen, dem Brand so nahe zu kommen, dass man des Feuers Herr werden könnte. Doch gelang es den braven Feuerwehrmännern wenigstens, den roten Hahn von manchen Stellen, auf die er sich schon gesetzt hatte, wieder zu verscheuchen, und so ist es gekommen, dass in jener grausigen Nacht nicht das ganze Dorf vom Feuer verschlungen wurde. Wie der Blitz aus heiterem Himmel war das Unheil über die vom Brand zerstörten Häuser gekommen, und so rasend schnell hatten die Flammen um sich gefressen, dass ihren Bewohnern keine Zeit geblieben war, mehr als das Allernötigste zu retten.
Nach Mitternacht flaute der Sturm ab, und als es dann zu regnen begann, war die Macht des Feuers gebrochen, das viele Stunden furchtbar gewütet hatte. Zur Ruhe kam jedoch niemand in jener Nacht.
Als am Sonntagmorgen die Sonne aufging, fielen die Strahlen auf ein schreckliches Trümmerfeld, in dem die vom Unglück Verfolgten suchten und gruben, um noch etwas von ihrer Habe zu bergen. Doch nichts war verschont geblieben, denn der Brand hatte ganze Arbeit geleistet.
Nachdem das Feuer erloschen war, begann man sich Gedanken zu machen, wie der Brand entstanden war. Ein fremder Mann mit schwarzen Haaren und von kleiner Gestalt sollte im Dorf gewesen sein; just zu der Zeit, als das Feuer ausbrach. Bauer Garburg wusste zu berichten, dass dieser Mann bei ihm ins Fenster gerufen hatte, alles solle sich schleunigst retten, denn bald werde der rote Hahn auch auf seinem Dache krähen.
Einen Trost in ihrem Leid fanden die Abgebrannten, die ihre ganze Habe verloren hatten und von denen einige nicht versichtert waren, in der Hilfsbereitschaft, die sich überall regte. Heu, Stroh und Getreide wurden gespendet, und die Kaufleute in Seesen gewährten bereitwilligst Zahlungsaufschub, damit sofort das zum Leben Notwendigste beschafft werden konnte. In der St.-Andreas-Kirche in Seesen wurde am Karfreitag ein Kirchenkonzert veranstaltet, dessen Reinertrag den Brandgeschädigten übermittelt wurde. 3000 Mark stiftete der Landesfeuerwehrverband, und andere Körperschaften in der Stadt Braunschweig schlossen sich diesem Beispiel an.
Ungebeugt durch sein Schicksal ging das Dorf Ildehausen wieder an die Arbeit, und bald blühte neues Leben aus den Ruinen.
Noch in der Nacht des Brandes begannen Polizei und Staatsanwalt eifrig nach dem Brandstifter zu forschen, denn es galt zunächst als ,,ausgemacht’’, dass das Feuer angelegt worden war. Nach vielen Untersuchungen und Verhören glaubte man schließlich, eine Spur gefunden zu haben. Wenige Tage wurde ein Einwohner als der Brandstifter verdächtig in Untersuchungshaft genommen. Gegen ihn wurde Anklage wegen vorsätzlicher Brandstiftung erhoben, er wurde jedoch vor dem Schwurgericht in Braunschweig freigesprochen.