St. Gertrud birgt viele Geheimnisse

 
Vermutlich wurde die Jerze Kirche im zwölften Jahrhundert erbaut.

Pastor i.R. Wolfgang Meißner hat nach drei Jahren Recherche einen Kirchenführer über die Jerzer Kirche herausgebracht

Die evangelische St.-Gertrud-Kirche in Jerze steckt voller Geheimnisse. Woher stammt der Name? Welche Bedeutung haben die Tierkreiszeichen unter der Decke? Wie ist es dazu gekommen, dass der Hofdekorationsmaler Adolf Quensen aus Braunschweig für die Deckenmalerei verantwortlich zeichnete? Eine Antwort auf all diese Fragen will Pastor i.R. Wolfgang Meißner in einem Kirchenführer geben.

Gut drei Jahre hat er für die Recherche benötigt. Dazwischen liegen mehrere Monate Pause, in denen Wolfgang Meißner beinahe schon das Projekt beenden wollte. „Es war einfach kein Archivmaterial zu finden, sodass ich das Manuskript erst einmal zur Seite gelegt habe“, berichtet Meißner, der bereits vor vier Jahren ein Buch über die Mahlumer Kirche geschrieben hat. Anschließend erreichte ihn die Anfrage aus Jerze, ob er sich nicht einmal ausgiebig mit der Dorfkirche beschäftigen wolle.
Den Durchbruch brachte schließlich der Inhalt eines Aktenschrankes im Pfarrhaus in Ortshausen. Dort lagerten zahlreiche Rechnungsbücher aus dem 17. Jahrhundert. Die Stunden, die der Geistliche mit Lesen und Sichten des Materials beschäftigt war, kann er nicht nennen. „Es war schon ein gehöriges Stück Arbeit“, erzählt Meißner. Während der Autor in den Büchern viele interessante Dinge über das Bauwerk fand, half ihm ergänzende Literatur aus dem 19. Jahrhundert zur Geschichte weiter.
Die romanische Dorfkirche hat vermutlich ihren Ursprung in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts und ist wohl zusammen mit der Martinskirche in Bültum eine der ältesten Kirchen im Ambergau. Ein genaues Gründungsdatum ist urkundlich nicht belegt. Fest steht aber, dass das Kirchenschiff späteren Ursprungs ist.
Eine spannende Frage für Wolfgang Meißner war die Namensgebung. Schließlich ist die Zahl der nach St. Gertrud benannten Gotteshäuser und Klöster überschaubar. Die meisten davon sind im frühen Mittelalter gegründet worden. Einen Zusammenhang könnte es mit dem früheren Königsweg, der in unmittelbarer Nähe vorbeiführte, geben. „St. Gertrud ist auch die Schutzpatronin der Pilger und Reisenden“, weiß der Mahlumer. Gut vorstellbar sei für ihn, dass der Königsweg nicht wie vermutet über Ortshausen, sondern auf direkter Linie an Jerze entlangführte. „Vielleicht erschließen sich ja später noch Quellen, die diese Vermutung bestätigen, zumal die frühere Route des alten Königsweges keinesfalls bekannt ist und durchaus identisch sein könnte mit der Linienführung der heutigen Straße von Jerze nach Nauen“, ergänzt der 81-Jährige. Weiterhin ungelöst bleibt die Frage, ob es Angehörige der Templer waren, die für die Gründung des Ortes Jerze und der Kirche verantwortlich zeichneten.
Dem Besucher der Kirche fällt sehr schnell die ungewöhnliche Deckenbemalung im Mittelschiff auf. Ein goldleuchtender Strahlenkranz ist umgeben von den aus der Antike bekannten Tierkreiszeichen. „Es hat sicher, wie wir mit Bestimmtheit annehmen dürfen, nichts mit einem Horoskop oder dem Anschein von Aberglauben zu tun, sondern bindet den Betrachter ein in den Zyklus des Jahreslaufs, in dem die Erde die Sonne umkreist und durch die Strahlen der Sonne das Leben auf der Erde erst möglich macht“, führt der Schreiber aus. Damit werde der Strahlenkranz zum Symbol für das Leben. Die Deckenmalerei des Kirchen- und Hofdekorationsmalers Adolf Quensen aus Braunschweig stammt aus dem Jahr 1901.
Quensen führte innerhalb und außerhalb des Herzogtums Braunschweig Malerarbeiten in Sakral- und Profanbauten aus, unter anderem im Braunschweiger Dom, im Kaiserdom Königslutter, in der Burg Dankwarderode, im neuen Braunschweiger Rathaus sowie in einer Reihe von Dorfkirchen. So entstand auch eine Tierkreiszeichendarstellung in der Kirche von Apelnstedt bei Wolfenbüttel, die allerdings wieder übermalt wurde. Dieser historisierende Stil des späten 19. Jahrhunderts, für den Quensen stand, sei als nicht mehr zeitgemäß empfunden worden. „Darum dokumentiert die Kirche in Jerze heute ein wichtiges und einzigartiges Beispiel für die Arbeiten dieses Kirchenmalers in einer Braunschweiger Dorfkirche und unterstreicht damit seine kunsthistorische Bedeutung als Zeugnis dieser interessanten Epoche“, ist in dem Kirchenführer zu lesen.
Viele Blicke zieht auch das große Taufbecken auf sich, das direkt vor dem Altar steht. Der Bildhauer Carl Strümpel in Braunschweig hat es geschaffen. Von ihm stammt auch das Kruzifix über dem Altar. Auch der Altarraum blickt auf eine besondere Geschichte zurück. Bei den Umbauarbeiten von 1850/52 entstand durch den Einbau von zwei kleinen Seitenräumen eine Art apsis-ähnlicher Altarraum, der zugleich um drei Stufen erhöht wurde. Damit folgten die Jerzer einer altkirchlichen liturgischen Tradition, um die Besonderheit dieses Ortes hervorzuheben. Die Decke über dem Altar zeigt in der Mitte den Davidsstern, eingebettet in einen flammenden Strahlenkranz. Umgeben ist die gesamte Darstellung von einem großen kreisrunden Spruchband.
Herausgegeben wurde der Kirchenführer vom Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde Jerze. Die zahlreichen Bilder stammen von Pastor Johannes Hirschler. Die Broschüre ist gegen eine Spende von drei Euro bei der Druckerei Lühmann in Bockenem oder Pastorin Christina Sindermann erhältlich. Mehr als 20 Sponsoren waren an der Finanzierung beteiligt.