Auf Schnupperkurs

Die Stadt Seesen mit ihrer über 1000-jährigen Geschichte leidet seit Jahren unter einem anhaltenden Einwohnerschwund. Eine Fusion mit der benachbarten Samtgemeinde Lutter würde diese Entwicklung zwar nicht stoppen, die Handhabung der größten Probleme aber ein bisschen weniger schwierig machen.

Verwaltungen aus Lutter und Seesen klopfen Chancen einer möglichen Fusion ab

Bevor man sich auf eine langfristige Partnerschaft einlässt, empfiehlt es sich den Konterpart im Vorfeld ausgiebig zu beschnuppern. Diese Vorgehensweise sollte nicht nur ein guter Berater bei Liebesziehungen sein, sondern auch bei Zweckbündnissen jedweder Art. Die Samtgemeinde Lutter, die aktuell ihre Fühler nach möglichen Fusionspartnern ausstreckt, beherzigt diesen Rat und möchte, bevor es zu reellen Fusionsverhandlungen mit Liebenburg, Langelsheim oder Seesen kommt, die möglichen Partner zunächst richtig, und vor allem unverbindlich kennenlernen.
Aus diesem Grund führt die Verwaltungsspitze der Samtgemeinde seit der vergangenen Woche auch erste Sondierungsgespräche mit den möglichen Partnern. Erster Gesprächspartner war die Stadt Langelsheim.Heute folgt nun die erste Unterredung mit der Verwaltung der Stadt Seesen. Ein Treffen mit den Verantwortlichen aus Liebenburg ist dann für den morgigen Dienstag geplant.
Wie Lutters Verwaltungschef Peter Kühlewindt auf Nachfrage erklärte, haben die Gespräche zunächst reinen Informationscharakter. „In diesem Monat wollen wir mit allen drei Kommunen zwei Gespräche führen. Zunächst treffen sich nur die jeweiligen Verwaltungsspitzen. Bei einem zweiten Treffen werden dann die Verwaltungsausschüsse mitein­ander kommunizieren“, erläutert Kühlewindt den Ablauf.
Beim Gespräch am Montag möchte Lutters Samtgemeindebürgermeister zunächst die Ergebnisse des Arbeitskreises präsentieren. Dieser hatte in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach getagt (der „Beobachter“ berichtete), und ein Eckpunktepapier mit 30 Themenbereichen erarbeitet, das den Willen der Lutteraner Politik widerspiegelt.
Diese Themenbereiche kreisen beispielsweise um die Zukunft der Schule, der Feuerwehren, der Umgang mit den Dorfgemeinschaftshäusern oder die Handhabung der Jugendpflege. Von den Gesprächen erhofft sich Kühlewindt aber nicht nur, die Vorstellungen der Samtgemeinde erläutern zu können, sondern auch Informationen über die Vorstellungen der anderen Kommunen zu erhalten.
Seesens Bürgermeister Erik Homann erläuterte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Stadt zwar nicht über ein Eckpunktepapier verfüge, wie es der Lutteraner Arbeitskreis erarbeitet hat. Verwaltung und Politik aber dennoch klare Vorstellungen im Hinblick auf eine mögliche Fusion haben. „Es gibt ganz klar Punkte auf die es bei einer Fusion ankommt“, so Homann. Als Beispiele nennt er unter anderem die Frage nach der rechtlichen Konstruktion, sprich welche Verwaltungsstruktur soll ein mögliches Bündnis zwischen Lutter und Seesen erhalten?
Für Seesens Bürgermeister kommt da nur eine Einheitsgemeinde in Frage, da er sich davon höchstmögliche Effizienz verspricht. Ferner müsse aber auch über Themen wie die Straßenausbausatzung, die Gewerbe- und Grundsteuersätze sowie über den Standart bei Feuerwehrgerätehäusern, Sportplätzen und Dorfgemeinschaftshäusern gesprochen werden.
Für Seesens Verwaltungschef steht außer Frage, dass die Gespräche mit Lutter trotz der unterschiedlichen Größe auf „Augenhöhe erfolgen werden“. „Die Ausgangslage in Lutter ist mit dem Ratsbeschluss, Fusionsverhandlungen mit umliegenden Gemeinden aufzunehmen und der damit verbundenen Amtszeitverlängerung von Peter Kühlewindt, zwar eine andere als in Seesen, dennoch stehen wir den Absichten der Samtgemeinde sehr offen gegenüber“, so das klare Statement Homanns.
Die Stadt möchte sich in den Gesprächen auch nicht als großer Zampano gerieren, damit gar nicht erst der Eindruck entstehe, die Stadt Seesen würde die Samtgemeinde übernehmen wollen. Der Seesener Verwaltung und Politik, so erklärte es Homann, gehe es vor allem darum, dass, sollte eine Fusion zustande kommen, sich für alle Bürger, egal ob in Seesen oder Lutter, „wahrnehmbare Verbesserungen einstellen“.
Dabei warnt der Bürgermeister aber vor dem Schüren zu großer Erwartungshaltungen: „Eine Fusion hat zunächst einmal den Zweck Synergieeffekte zu schaffen und den Rahmen der kommunalen Gestaltungsmöglichkeiten ein wenig zu erhöhen. In Anbetracht stetig sinkender Einwohnerzahlen sind wir nämlich gefordert dieser Entwicklung zu begegnen“, so Homann. Zwar werden sich auch nach einer Fusion die Probleme nicht in Luft auflösen, sie werden aber „ein bisschen weniger schwierig zu handhaben sein“, wie es der Bürgermeister passend formuliert.
Grundsätzlich sei die Zukunft der Stadt Seesen aber nicht von einer Fusion abhängig. „Auch wenn wir zu keinem Ergebnis kommen, wird die Stadt weiterhin gut funktionieren“, sagt Homann. Mit Blick auf die Zukunft und die Einwohnerzahlen wäre eine Fusion mit Lutter aber ein sinnvoller Schritt.
Doch trotz klarer Sympathiebekundungen mit Blick auf eine Fusion, ist sich Bürgermeister Homann darüber ebenso bewusst wie sein Lutteraner Amtskollege, dass eine Verschmelzung der beiden Kommunen auch immer auf Widerstand stoßen wird.
So sei es den Bürgern beispielsweise nur schwer und plausibel zu erklären, warum sie beispielsweise die mögliche, durch eine Fusion hervorgerufene, Anpassung der Steuersätze zu ihrem Nachteil hinnehmen sollten. In einem solchen Fall würde die Verwaltung und Politik viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Eine Aufgabe, die angesichts der wahrscheinlich vielen vorhandenen Vorteile einer Fusion zwischen Seesen und Lutter, aber zumutbar sein dürfte.