Wenn der Wandel um sich greift

Der Leerstand von Geschäfts- und Wohnraum ist nicht allein Folge umgeleiteter Konsumströme, sondern ist eng verknüpft mit einem drastischen Wandel der Bevölkerungsstrukturen.

Ein Plädoyer für die geplanten Projekte des Integrierten Entwicklungskonzeptes (IEK) in der Samtgemeinde Lutter

Lutter. Es ist nicht allein dem Internet zuzuschreiben, dass Innenstädte landauf landab verkarsten, sich immer mehr Geschäfte aus der ländlichen Peripherie zurückziehen oder schlicht pleitegehen. Der Leerstand von Geschäfts-, Industrie- und Wohnimmobilien, besonders im ländlichen Raum, ist vor allem Folge einer sich drastisch verändernden Bevölkerungsstruktur.
Während die jungen Menschen die Dörfer und Mittelzentren auf der Suche nach Arbeit verlassen, um in den Einzugsbereichen der großen Städte ihr berufliches und persönliches Glück zu finden, bleiben die „Alten“ zurück. Eine Entwicklung, die besonders in den Landkreisen Goslar und Osterode zu beobachten ist. Wie diese Zeitung bereits vor einigen Wochen auf Grundlage der Ergebnisse des Zensus 2011 berichtete, ist inzwischen jeder vierte Einwohner in der Region Goslar älter als 65 Jahre. Tendenz steigend.
Grundsätzlich ist das nichts Schlimmes, die Menschen werden halt älter und bleiben länger fit. Eine positive Auswirkung unserer Wohlstandsgesellschaft mit nahezu unbeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung.
Doch diese Altersstruktur übt auf der anderen Seite unmittelbaren Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur auf dem Land aus. So unterscheiden sich unter anderem die Konsumbedürfnisse von Rentnern in wesentlichen Punkten von denen der jüngeren Bevölkerung.
Die Generation 65plus fragt beispielsweise angesagte Kleidung oder moderne Unterhaltungselektronik nicht in dem Umfang nach, wie es die oft als werberelevant bezeichnete Zielgruppe der 15- bis 49-Jährigen tut. Aus diesem Grund ist es für große Modeketten oder Fachmärkte, die eben diese populäre Unterhaltungselektronik vertreiben, nicht interessant, weil wirtschaftlich bedeutungslos, sich in der Provinz niederzulassen.
Zwar haben sie dies auch früher nicht getan, doch ist der Exodus von kleinen Fachgeschäften, die diese Bedürfnisse auf exzellente Weise über Jahrzehnte im ländlichen Raum bedient haben, als klares Indiz dafür zu werten, dass nicht nur das Internet die Konsumströme umleitet, Geschäftsschließungen bedingt und als letzte Konsequenz in dieser Spirale Arbeitsplätze zerstört, sondern auch die rückläufige Nachfrage vor Ort.
Als Beispiel kann an dieser Stelle auch die Schließung der Hahäuser Sparkassenfiliale im letzten Jahr dienen. Die Braunschweiger Banker haben die Kundenströme an diesem Standort über einen längeren Zeitraum untersucht und an dessen Ende konstatiert, dass sich die Filiale nicht mehr rechnet. Hahäuser Bankkunden müssen seither nach Lutter oder Seesen fahren um ihre Bankgeschäfte zu erledigen. Das ist zwar etwas unbequemer, nach gewisser Zeit aber wahrscheinlich eine reine Gewohnheitssache. Gewohnheitssache aber auch nur solange die Bürger mobil sind.
Ähnlich verhält sich das auch mit den Läden der Nahversorgung. Im Flecken Lutter gibt es einen Discounter, in Hahausen eine Bäckerei. Und damit hat sich die Sache eigentlich auch schon erledigt. Die Einwohner der Samtgemeinde fahren für den Konsum des täglichen Bedarfs entweder ins nahegelegene Seesen oder machen sich auf den Weg in die Kreisstadt. Und auch hier wieder, solange sie eben mobil sind.
Aus den beschriebenen Gründen zieht es potentielle Ladenbetreiber auch nicht in die leerstehenden Geschäftsimmobilien, die es in der Samtgemeinde Lutter inzwischen in großer Zahl und zu durchaus günstigen Preisen gibt. Ein Drogeriemarkt, egal ob von „Rossmann“ oder „dm“, würde im Flecken Lutter nicht die Nachfrage generieren können, die von Betreiberseite angestrebt wird.
Und auch ein weiterer Lebensmittelmarkt würde sich in Lutter nicht rechnen. Nicht, weil in Lutter weniger gegessen wird als anderswo, sondern einfach, weil der Bedarf älterer Menschen um ein vielfaches geringer ausfällt, als der einer fünfköpfigen Familie mit drei hungrigen Kindern deren Mäuler es zu stopfen gilt. Zudem verfügen Städte wie Seesen oder Goslar über ausreichend Supermärkte und Discounter um die Nachfrage der Bevölkerung zu decken.
Deshalb sind die Projekte, die nun im Rahmen des Integrierten Entwicklungskonzeptes (IEK) für die Samtgemeinde Lutter auf den Weg gebracht wurden (der „Beobachter“ berichtete am Sonnabend), genau die richtigen, weil sie sich in ihrem Kern exakt um die Themenfelder drehen, die in den kommenden Jahren einen weiteren Zuwachs an Relevanz erfahren werden.
Es gilt nämlich die vorhandenen dörflichen Strukturen in der Samtgemeinde den Bedürfnissen ihrer immer älter werdenden Bewohner anzupassen; um das Tempo des Einwohnerschwundes zumindest ein wenig zu drosseln.
Die Stichwörter „Barrierefreiheit“ oder „Mobilität“, die bei der Vorstellung der IEK-Projekte gefühlte hundert Mal fielen, sind solche notwendigen Strukturanpassungen.
Oder auch das Leerstandskataster und -management. Denn die hier aufgrund des Wandels der Bevölkerungsstruktur bisher betrachteten Auswirkungen auf die Geschäftswelt, lassen sich auch nahezu kongruent auf den Leerstand von Wohnungen übertragen.
So stehen nach Daten des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik 7,9 Prozent (169 Wohnungen) des gesamten Wohnungsbestandes in der Samtgemeinde Lutter leer. Für den Flecken Lutter weist die Statistik für Wohnraum mit 9,2 Prozent (109 Wohnungen) sogar noch einen höheren Leerstand auf, gemessen an der Anzahl der Wohnungen.
Die Frage, die sich nun angesichts dieser Tatsache stellt, ist, wie mit diesen leerstehenden Immobilien verfahren werden soll. Ein guter Ansatz könnte in diesem Zusammenhang tatsächlich das angesprochene und mit der Samtgemeinde Baddeckenstedt gemeinsam zu betreibende Leerstandsmanagement sein.
Dort würde sich eine extra für diese Themen qualifizierte Fachkraft mit den Immobilieneigentümern zusammensetzen um eine adäquate Nachnutzung des Leerstandes zu erarbeiten.
Zudem würde ein dem Management zugrunde liegendes Leerstandskataster, genaue Auskünfte über aktuelle Problemfälle geben.
So eine Strukturanpassung ist auch ein im Rahmen des IEK geplanter Mobilitätspool, der dafür Sorge trägt, dass die Bewohner der Samtgemeinde Lutter auch in Zukunft die angesprochenen Supermärkte, Bankfilialen oder Ärzte in Seesen und Goslar erreichen. Wäre dies nicht mehr gegeben, müssten sie den Wohnort wechseln.
Die Kommunalpolitiker der Samtgemeinde Lutter wären deshalb sehr gut damit beraten, sich intensiv mit den Projekten des IEK auseinanderzusetzen um entsprechende Maßnahmen zügig einleiten zu können.
Natürlich werden sie die Folgen des demografischen Wandels nicht umkehren, aber sie können dafür sorgen, dass die Samtgemeinde auch in 20 Jahren noch ein liebens- und lebenswerter Ort ist. Denn Verwaltungschef Peter Kühlewindt hatte mit seiner Aussage am Donnerstagabend vollkommen recht, als er betonte, dass die nun aufgelegten Projekte zukunftsweisend für die Samtgemeinde Lutter sind. Die IEK-Maßnahmen sind nämlich als äußeres Zeichen dafür zu werten, dass sich die Samtgemeinde nebst ihren Mitgliedsgemeinden dem umsichgreifenden Wandel stellen wollen. Ein wichtiger, ein existentieller Schritt.