13 Tage Brasilien – Von Traumstränden und Schlaglöchern

Ein fantastischer Blick auf die Copacabana bei Nacht. (Foto: bo)
 
Vor dem Spiel zwischen Deutschland und Ghana mit Hermano, Marcio und den beiden Bad Gandersheimern Wolfgang und Martina. (Foto: bo)
   
Am Strand von Fortaleza und... (Foto: bo)
 
...von Recife ließen es sich die Münchehöfer gutgehen. (Foto: bo)
   
Fans der USA vor dem Teamhotel „ihrer“ Nationalmannschaft. (Foto: bo)
 
Die Copacabana mit dem Fanfest im Hintergrund. (Foto: bo)

Harald Ahfeldt, Kai Strobel und Georg Kinat berichten über ihre Erlebnisse im WM-Gastgeberland

13 Tage Brasilien mit Besuch der WM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana und die USA: Drei Münchehöfer Ex-Fußballer berichten über einen erlebnisreichen WM-Besuch in Brasilien.

Vorwort
Brasilien ist gar nicht so weit weg, wie viele denken. Von Frankfurt nach Recife per Direktflug ist dieses Multi-Kulti-Schwellen-Entwicklungsland in nur neuneinhalb Stunden erreichbar, und die Zeitverschiebung von fünf Stunden (zurück) ist auch nicht weiter wild. Ein Visum wird nicht benötigt, nur ein gültiger Reisepass – also Flug buchen und ab in ein geheimnisvolles Land. Für die Münchehöfer, die zuletzt 2010 in Südafrika (WM) und 2012 in Polen und der Ukraine (EM) waren, war die Fußball WM 2014 eine gute Gelegenheit in einem 13-tägigen, wiederum sehr intensiven Trip, zumindest einen Teil des Riesenlandes kennenzulernen. Dabei sahen sie auch zwei Vorrunden-Spiele der deutschen Nationalmannschaft und sammelten viele Eindrücke. Vorweg gesagt: Es war eine tolle Reise – auch wenn am letzten Tag an der Copacabana ein Rucksack entwendet wurde. Dieses Ereignis konnte die vielen positiven Erlebnisse nur kurzfristig in den Hintergrund drängen. Die Münchehöfer sind sich einig, dass die nächste Fußball-WM in Russland 2018 fest auf dem Plan steht.
Was bleibt an Eindrücken: Super-Erlebnisse rund um den Fußball. Unglaubliche Begeisterung insbesondere der Brasilianer. Brasilien-Way of Life. Große Armut. Trotzdem sind alle Menschen freundlich und gut drauf. Schlechte Straßen. Geschwindigkeitsbegrenzer auf den Straßen. Radarkontrollen durch ganz viele fest installierte Anlagen. In Recife und Umgebung auch im Winter niemals unter 20 Grad Celsius. Keine langen Hosen oder Jacken erforderlich. Mückenplage in diesem Bereich nicht feststellbar. Mit Englisch kommt man nur teilweise zurecht.
Eine sehr große Hilfe war den Münchehöfern der Kontakt zu Dr. Ricardo Wanderley, dem Mitbesitzer einer Radiologischen Klinik in Campina Grande, einer Stadt in der Größe von Hannover zirka 150 Kilometer westlich von Recife. Diesen Kontakt knüpften die Münchehöfer als feststand, dass die deutsche Nationalmannschaft ihre Spiele im Nordosten des Landes, nämlich in Salvador, Fortaleza und Recife austragen würde. Und Ricardo zeigte sich äußerst gastfreundlich, nahm die Münchehöfer in seinem tollen Apartment auf und stellte Kontakte zu Verwandten und Bekannten her. Außerdem stellte er dem Seesener Trio seinen Fahrer Hermano zur Verfügung, der die nicht ganz einfachen und teilweise doch recht langen Fahrten problemlos meisterte. So geriet das Unternehmen Fußball-WM 2014 zu einem vollen Erfolg.

Der erste Tag (Dienstag) – Seesen/Frankfurt mit Pkw – Frankfurt/Recife mit Condor
Auch wenn die Beinfreiheit in den Condor-Flugzeugen in der Economy-Klasse nicht die größte ist, so verging der Direkt-Flug von Frankfurt nach Recife doch sehr schnell. Mit 30-minütiger Verspätung hob der Flieger um 10.45 Uhr ab, um nach nur neuneinhalb Stunden Flugzeit sicher gegen 15 Uhr Ortszeit in der Millionenmetropole des Nordostens, Recife, zu landen. Schwüle Wärme schlug uns entgegen, etwa 27 Grad Celsius. Und gleich Brasilian Way of Life – es dauert alles etwas länger – und niemand stört sich an irgendetwas. Es dauerte eine gute Stunde, ehe wir unsere Koffer auf dem Laufband entdecken konnten. Draußen wurden wir bereits von unserem Fahrer, Hermano mit schwarz-rot-goldener Deutschlandfahne und unseren Namen darauf erwartet.
Problematisch gestaltete sich die Fahrzeuganmietung. Wir hatten einen viertürigen Pkw für fünf Personen mit drei großen Gepäckstücken, Klimaanlage und NAVI/GPS bestellt. Von diesen Attributen konnte der Fiat-Uno nur vier Türen vorweisen. Ohne Klimaanlage geht es in Brasilien zumindest für Europäer gar nicht. Nach zwei Stunden hatten wir dann glücklicherweise einen adäquaten Wagen – einen Chevi-VAN – Mietpreis für zehn Tage zirka 1100 Euro. Aber diesen Wagen brauchten wir auch. Insgesamt legten wir knapp 3000 Kilometer mit diesem Fahrzeug zurück.
Nachdem wir im FIFA-Ticketcenter von Recife problemlos nach Passvorlage unsere Eintrittskarten für das Spiel gegen Ghana erhalten hatten, ging die Fahrt, gegen 18 Uhr hatte mittlerweile die Dunkelheit eingesetzt, weiter ins zirka 150 Kilometer entfernt gelegene Campina Grande. Einen Schreck bekamen wir, weil die Straßen in den Außenbereichen von Recife katastrophal sind. Plötzliche Riesenschlaglöcher, notdürftig reparierte Fahrbahnen, die nur eine Geschwindigkeit im Schritttempo zulassen, und ein sehr hohes Fahrzeugaufkommen mit vielen überlangen Lkw-Trucks, ließen uns nur langsam vorankommen. Mit zunehmender Fahrzeit wurden die Straßen besser und nach zirka drei Stunden waren wir im Apar­­tment unseres Gastgebers Ricardo – 13. Stock des 17-stöckigen Apartmenthauses – mit herrlichem Blick über See und die Stadt Campina Grande.
Das Haus übrigens war wie alle besseren Häuser oder Wohnanlagen gut gesichert mit Mauern, Stacheldraht, zwei automatischen Toren und Pförtner. Der Fahrstuhl mit Sicherheitskombination fährt direkt in das Apartment. Gegen 24 Uhr Ortszeit ist der Tag für uns nach einem landestypischen Mahl (Maniok-Wurzel/ Rindfleisch/brasilianisches Bier) beendet.

Der zweite Tag (Mittwoch) – Campina Grande – Klinik-Fest
Am zweiten Tag bereiteten uns die Embregadas (Bedienstete) von Ricardo ein köstliches Frühstück mit vielen Früchten, die Maniok-Wurzel steht auch hier bei den Speisen im Vordergrund, zu. Das Freischalten einer brasilianischen pre-Paid-Karte gestaltet sich als problematisch, klappte aber nach zahlreichen Versuchen unseres Gastgebers. Das Telefonieren von Brasilien nach Deutschland ist unglaublich teuer – hier sollte man sich vor dem Brasilien-Aufenthalt nach günstigen Lösungen im Internet erkundigen. Es gibt da einige Möglichkeiten. Das eigene Handy sollte nach Möglichkeit nur über Internetzugang (WiFi) genutzt werden – auch das Senden oder Empfangen von SMS ist kostenintensiv.
Bargeld kann man mit der EC-Maestrocard an Automaten gängiger Banken erhalten, allerdings muss die deutsche EC-Karte vor dem Besuch für einen Einsatz im Ausland aktiviert werden. Für drei brasilianischen Real oder Reais bekommt man einen Euro. Die Lebenshaltungskosten dürften in etwa so hoch wie in Deutschland sein. Mit dem Unterschied, dass die Einkommen des Großteils der brasilianischen Bevölkerung erheblich niedriger liegen.
Nachmittags besichtigen wir die Radiologische Klinik unseres Gastgebers und abends nahmen wir an dem Klinik-Fest, das dort zweimal im Jahr für die 150 Mitarbeiter und deren Angehörige ausgerichtet wird, teil. CaiPi und Rodizio do Brasil vom Feinsten mit Live-Musik lassen uns den Abend unvergesslich machen. Zum Abschluss noch über das Sao Joao-Fest, zum Namenstag Johannes des Täufers – Brasilianer sind grundsätzlich sehr gläubige Katholiken – und der zweite Tag ist super gelaufen.

Der dritte Tag (Donnerstag) – 650-Kilometer-Fahrt nach Fortaleza
Wir fahren früh morgens mit dem Chevi-VAN nach Fortaleza und müssen dazu zirka 650 Kilometer zurücklegen. Hermano – unser Fahrer – meistert dabei auch die schwierigsten Nebenstrecken. Tiefe Schlaglöcher, die bei unangemessenem Durchfahren leicht zu einem Achsbruch, wenigstens aber doch zu erheblichen Reifen- und Felgenschäden führen würden, werden von Hermano gekonnt um- oder durchfahren. Hinzu kommen in Ortschaften die Riesenfahrbahnerhebungen zur Geschwindigkeitsreduzierung und die stationären Radaranlagen. Hermano meistert alles – komfortables Fahren ist allerdings anders. Auf den Nebenstrecken sehen wir Tierkadaver, unter anderem tote Esel. Tiere springen aber auch unvermittelt auf die Straße. Die Fahrt ist schon abenteuerlich.
Nach rund zehn Stunden Fahrt haben wir Marcio, einen Cousin von Dr. Ricardo, und seine Frau Claudia in einem Vorort von Fortaleza, zirka 25 Kilometer zum Stadion, gefunden. Wir beziehen unser Apartment, das von Claudia vermietet wird. Dort herrscht buntes Treiben – verschiedene Nationalitäten – fast alles Fußballfans, viele Mexikaner. Abends essen wir im Alecrim, gehobene Qualität, zirka 20 Euro pro Person zahlen wir. Dafür gibt es Fisch oder Steak, reichhaltig und gut. Das brasilianische Bier schmeckt uns allerdings nicht so recht, es ist zu mild oder zu süß. Es gibt da allerdings einige Marken, die man gut trinken kann, zum Beispiel Skol oder Brahma.
Das Restaurant wird übrigens von einer Cousine von Dr. Ricardo, Doralice und ihrem Mann, Hans-Peter, einem Österreicher, der schon seit über 40 Jahren in Brasilien ist, betrieben. Hier sind wir auch in den beiden nächsten Tagen zum Essen.

Der vierte Tag (Freitag) – Harald hat Geburtstag
Die Spannung steigt langsam, morgen ist das erste Spiel, das wir ansehen werden. Deutschland gegen Ghana in Fortaleza – Spielbeginn ist um 16 Uhr Ortszeit. Harald hat Geburtstag und wir machen einen ruhigen Tag im Beach Park Fortaleza – einem üppigen Park am Strand. Kaffee wie in Deutschland ist in Brasilien nicht üblich. Der Cappuccino, den wir im Beach Park in einem Café bestellen, ist teuer und für unsere Verhältnisse kaum genießbar. Dafür entschädigen die Strandverhältnisse. Es ist hier wie in der Karibik – Palmen, Sand und Meer, alles top. Hohe Wellen laden zum Baden ein. Das Wasser hat eine Temperatur von zirka 25 Grad. Da stimmt einfach alles. Auch die Live-Musik passt.
Abends sind wir im Alecrim und warten auf Wolfgang und Martina Steinhoff aus Bad Gandersheim, die Anfang Mai mit ihrem Riesen-Wohnmobil von Hamburg nach Montevideo übergeschifft sind. Beide sind bekanntermaßen Weltreisende und wollen nun zwei Jahre lang Südamerika bereisen. Wir haben beide Karten für die Ghana-Partie. Das Zusammentreffen klappt an diesem Abend leider nicht mehr, weil das Navi die angegebene Anschrift nicht findet.

Der fünfte Tag (Sonnabend) – WM-Spiel Deutschland – Ghana
Wir sind um 11 Uhr zum Essen bei Marcio und Claudia eingeladen. Beide bewohnen zusammen mit ihren zwei Kindern ein komfortables Haus mit Blick auf den Ozean in diesem Vorort von Fortaleza. Es gibt einen großen Fisch und Steak. Leider sind Claudia und Marcio, der in seinem Antik-Möbel-Geschäft arbeitet – zum Essen nicht da. Dafür unterhält uns der Vater von Marcio, Paul Bonavista (89 Jahre alt), der sehr gut deutsch spricht – er hat 1952 in Heidelberg ein Semester Geschichte studiert, spricht fünf Sprachen und ist für viele Universitäten in der Welt eine Kapazität. Er ist Professor für brasilianische Geschichte und hält uns einen entsprechenden Vortrag. Sehr interessant.
Marcio kommt um 13 Uhr, die Zeit wird eng – um 16 Uhr ist Spielbeginn. Marcio, Sohn Paulinho, unser Fahrer Hermano und wir drei fahren ins Zentrum der 2,5-Millionen-Stadt Fortaleza, zum Stadion. Marcio fährt unseren Van wie ein Brasilianer fährt: Nicht zu langsam mit ständigem Fahrbahnwechsel, aber trotzdem sehr sicher. Da einige Strecken gesperrt sind, halten wir bei einem Park-and-Ride-Service. Der Bus ist überfüllt – alle wollen zum Stadion. Nach 30 Minuten Busfahrt steigen wir am vorgesehen Ort aus und müssen noch gut einen Kilometer zu Fuß in einem mit Gittern abgesperrten Fußgängerbereich zum Stadion. Ein Gedränge ohnegleichen. Und überall an den Seiten bieten die Anwohner Getränke und Speisen an. Jeder will etwas verdienen.
Etwa eine Stunde vor Spielbeginn treffen wir Wolfgang und Martina, alle richtig für das deutsche Spiel verkleidet. Kartenübergabe und ins Stadion. Wir sind alle im deutschen Block. Karten – Kategorie 3 – haben direkt über die FIFA 90 US Dollar gekostet – also erschwinglich. Superstimmung. Das Spiel und die Leistung des DFB-Teams sind allerdings nicht so berauschend. Am Ende sind wir froh, dass die Partie 2:2 ausgegangen ist. Wir treffen Wolfgang und Martina wieder in unserem Restaurant Alecrim und feiern anschließend in unserer 200 Kilometer entfernten Unterkunft weiter.

Der sechste Tag (Sonntag) – Fahrt nach Cabedelo (Joao Pessoa) – Am Atlantik
Das nächste Spiel der Deutschen findet in Recife statt. Deshalb fahren wir mit dem Pkw und unserem Fahrer Hermano nach Cebedelo, eine etwa 600 Kilometer lange Strecke. Die Landschaften wechseln ständig. Cabedelo hat zirka 50.000 Einwohner und liegt auf einer Landzunge, die in den Atlantik reicht. Die 800.000-Einwohner-Stadt Joao Pessoa, die östlichste Stadt Südamerikas, geht direkt in Cabedelo über. Wir wohnen in dem geräumigen Apartment von Dr. Ricardo in Cabedelo, mit großem Swimmingpool, direkt am Atlantik. Das kleinere Problem: es regnet und es sollte die vier Tage, die wir in Cabedelo waren, nicht mehr so richtig aufhören. Im Gegenteil, der Regen wurde von Tag zu Tag stärker, so dass kurzfristig sogar an eine Verlegung des Deutschland-Spiels gegen die USA gedacht worden war. Na ja, bei 25 Grad Außentemperatur und mehr kann es ruhig regnen. Baden im Pool oder Meer ist problemlos möglich. Wir bestellen Pizza und sind dann auch für den Tag geschafft.

Der siebte Tag (Montag) – Besichtigung Joao Pessoa
Die Angestellten machen uns ein schönes Frühstück, werden dann aber wieder nach Campina Grande abgezogen. Unser Fahrer Hermano ist ebenfalls mit dem Bus nach Campina Grande gefahren. Dort ist heute der Höhepunkt des Sao Joao Festes. Wir fahren alleine los und besichtigen die Altstadt von Joao Pessoa. Anschließend besuchen wir zwei große Shopping-Zentren, Manaira und Carrefour. In Cabedelo fahren wir bis zum Hafen und kamen dabei auch in die Armutsgebiete. Dr. Ricardo kam nachmittags mit seinem 15-jährigen Sohn Ricardinho. Wir schauten zusammen das dritten Vorrundenspiel der Brasilianer gegen Kamerun (4:1) und erlebten dabei die überschäumende Freude und Spontanität unserer Gastgeber.
Nach dem Essen in einem Self-Service-Laden buchen wir mit Hilfe von Ricardo die innerbrasilianischen Flüge (Recife-Rio und Rio-Salvador) und die Unterkunft in Rio. Eine Cousine von Ricardo hat ein Reisebüro in Natal und tätigt die Buchungen. Kurzfristig ist das allerdings etwas teurer. Die beiden Flüge kosten rund 500 Euro. Das Zimmer mit drei Betten, zweite Blockreihe Copacabana, kosten pro Nacht und Person 170 Euro mit Frühstücksbüfett. Es ist halt alles etwas teuer bei der WM.

Der achte Tag (Dienstag) – Verabschiedung von Ricardo – Fahrt nach Natal
Dauerregen, 23 Grad – wir verabschieden uns von unserem Gastgeber. Unglaublich, was Ricardo, den wir vorher nicht persönlich kannten, für uns getan hat. Unser Fahrer, Hermano, trifft ein und wir fahren nach Natal. Dort findet das dritte Vorrundenspiel zwischen Uruguay und Italien statt. Wir hoffen auf Karten auf dem Schwarzmarkt. Die Hoffnung war jedoch nicht realistisch. Offensichtlich zahlen die Uruguayer jeden Preis für Eintrittskarten. Der Erste, der noch Karten hatte, wollte 600 US-Dollar für eine Karte. Sehr viele Leute waren auf der Suche nach Karten. Wir waren nicht bereit, derart hohe Preise zu zahlen und haben uns dann das Spiel in einer Kneipe, die absolut überfüllt war, angeschaut. Riesenerlebnis, Riesenstimmung – Uruguay schickt Italien nach Hause und alle Zuschauer in der Kneipe waren auf der Seite der Urus. Stadion in Natal, die Umstände und der Kneipenbesuch waren die Reise wert. Dafür haben wir zirka fünf Stunden Fahrzeit – hin- und zurück – in Kauf genommen.

Der neunte Tag (Mittwoch) – Recife – Stechmücken – Bauarbeiten
Wir wollen nach Olinda und Recife. In Cabedelo werden wir ein wenig von Stechmücken geplagt. Es handelt sich um Mücken, wie auch hier in Deutschland. Zudem gibt es kleinere Plagegeister, allesamt aber ungefährlich. Vom Dengue-Fieber haben wir zwar in Deutschland gehört – scheinbar spielt das aber in Recife und Umgebung keine Rolle.
Rund um unser Apartmenthaus in Cabedelo stehen, wie auch in anderen Orten, Rohbauten. Tätigkeiten von Bauunternehmern konnten wir bisher nicht feststellen. An diesem Morgen aber tut sich etwas, wenn auch ganz gemächlich und sehr viele Bauarbeiter sind auch nicht da. Ricardo hatte gesagt, dass derartige Bauten etwa in drei Jahren fertiggestellt werden.
Wir fahren über Olinda, ehemals von den Holländern gegründet und einige Jahrzehnte beherrscht – einige schöne bunte Häuser im Stadtkern, nach Recife, Einwohnerzahl mit Umland etwa 3,6 Millionen. Wir besuchen den riesenlangen Sandstrand, nur getrennt von einer vierspurigen Straße türmen sich direkt angrenzend sehr hohe Häuser und Hotels auf. Eines davon ist das TULIP-Hotel, vor dem sich eine Menschenmasse versammelt hat. Das Hotel ist abgesperrt von Polizei und Militär, also schwer gesichert. Auf Nachfrage hören wir, dass das US-Team von Jürgen Klinsmann jeden Moment erwartet wird und schon rollt der US-Bus vor den Eingang, gesichert von zig Fahrzeugen davor und dahinter. Jürgen Klinsmann steigt als einer der ersten aus und grüßt ganz höflich. Ruckzuck sind alle Spieler im Hotel verschwunden. Wir fahren noch zum etwa 20 Kilometer entfernten Stadion. Dauerregen. Übrigens waren am Stand von Recife Schilder mit Haiwarnungen aufgestellt. Zurück geht’s nach Cabedelo. Reparaturwerkstätten en masse und andere kleine Läden säumen die Straßen. Es ist die Hölle los – verkehrs- und lärmmäßig.

Der zehnte Tag (Donnerstag) – Deutschland-USA in Recife – Arena Pernambuco
Heute ist das große Aufeinandertreffen Löw gegen Klinsmann. Der Regen hört und hört nicht auf. Im Gegenteil, nachdem wir losgefahren sind, wird der Regen immer stärker. Unser Fahrer Hermano zweigt in Recife plötzlich nach links ab und wir fahren sehr kleine, recht unwegsame Straßen bei sintflutartigen Regenfällen. Uns wird schon ganz anders. Die Zeit verrinnt. Der Anstoß rückt näher und wir sind in der Botanik. Hermano muss Passanten nach dem Weg fragen. Plötzlich ist die Straße zu Ende. Wir müssen umkehren. Ein Brasilianer, den Hermano nach dem Weg fragt, fährt vorweg und plötzlich taucht ein Hinweisschild Stadion auf. Das war wirklich eine gute Abkürzung. Die Parkplatzsuche am Stadion ist schwierig. Gut, dass wir unseren Fahrer haben. Für ihn haben wir keine Karte. Er bleibt im Fahrzeug. Überraschung auf dem Weg zum Stadion: Wolfgang und Martina sind auch da, suchen noch nach Tickets, die allerdings viel zu teuer sind auf dem Schwarzmarkt. Wir sprechen kurz, machen Fotos, müssen dann aber weiter. Wir sind eine gute Stunde vor Spielbeginn im Stadion und finden Plätze direkt hinter der deutschen Trainerbank. Vor uns nur eine freigehaltene Sitzreihe für DFB-Funktionäre. Hier bleiben wir während des Spiels und haben eine Supersicht auf Jogi Löw, seinen Kader sowie das gesamt Spielgeschehen. Trotz der Regencapes sind wir am Ende völlig durchnässt, aber glücklich. Superplätze und 1:0 gewonnen. Tolle Stimmung und auch die zahlreichen US-Anhänger sind glücklich, nachdem die USA trotz der Niederlage Platz zwei und damit das Achtelfinale erreicht hat. Alle liegen sich in den Armen.

Der elfte Tag (Freitag) – Flug Recife/Rio – Zuckerhut – WM-Studio
Es heißt Abschied nehmen von unserem Fahrer Hermano. Er fährt uns ein letztes Mal von Cabedelo nach Recife zum Flughafen. Vorher tanken und Auto abgeben. Wir haben Glück, dass wir durch die überflutete Stadt überhaupt zum Flughafen kommen. Ganze Straßenzüge stehen teilweise mehr als einen Meter unter Wasser. Eine Durchfahrt ist äußerst kritisch, aber wir wagen es und kommen durch, so dass wir unseren Flieger um 7 Uhr noch mit ausreichend Zeit bekommen. Fluggesellschaft ist Avianka – sehr gut. Ledersitze – große Beinfreiheit – freundliche Bedienung.
In Rio ist Top-Wetter. Der internationale Flughafen ist rund 20 Kilometer von der Copacabana entfernt. Wir fahren mit dem Taxi. Straßen völlig verstopft. Festpreis für das Taxi 35 Euro. Die Fahrt dauert 75 Minuten.
Wir fahren mit dem Taxi zur Zuckerhutstation. Lange Wartezeiten. Unendliche Schlange von Leuten sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Station und der Rückfahrt. Trotzdem lohnt es sich: Riesenaussicht auf Rio bei Nacht. Rückfahrt zur Copacabana mit Taxi. Supersteaks direkt an der Copacabana gegessen und dann noch das Glück gehabt, ins WM-Studio vorgelassen zu werden. Wir hatten die Dachterrasse schon von unserem Hotel aus gesehen und fragten beim Rückweg zu unserem Hotel den vierschrötigen Portier, der hinter der Eisenvergitterung saß. Plötzlich kam jemand von der Eurovision, die in diesem Gebäude offensichtlich die Studios betreibt und wir wurden eingelassen. So konnten wir uns ausführlich informieren und umsehen und standen plötzlich da, wo sonst Oliver Kahn und Mehmet Scholl stehen. Nämlich auf der Dachterrasse des WM-Studios mit herrlichem Blick auf die Copacabana und den Zuckerhut. Unglaublich.

Der zwölfte und letzte Tag (Sonnabend) – Corcovado/Christusstatue – Fanfest an der Copacabana – Anzeigeerstattung bei der
Tourist-Polizei

Diesen Tag, unser letzter richtiger Urlaubstag, hatten wir uns etwas anders vorgestellt. Aber durch verschiedene unglückliche Umstände kam es dazu, dass uns nach dem Spiel auf der Großleinwand an der Copacabana vermutlich durch professionelle Trickdiebe ein Rucksack entwendet wurde, in dem sich auch Wertsachen befanden. Eigentlich wollten wir nach dem Spiel gleich weiter ins Maracana-Stadion, in dem Uruguay und Kolumbien aufeinander getroffen waren.
Da die Karten für dieses Spiel auf dem Schwarzmarkt utopische Preise erlangten, wollten wir nach dem Spiel, wenn die Fans das Stadion verlassen, ins Stadion und uns dieses zumindest noch von innen anschauen. Stattdessen landeten wir bei der Touristenpolizei. Die Anzeigenerstattung dauerte seine Zeit. Der Beamte, Thiago Campos, nahm die Sache sehr akribisch auf. Bleibt zu sagen: keinerlei Wertsachen mitnehmen, am besten alles im Hotel lassen. Aber am letzten Tag, nachdem bis dahin alles wunderbar gelaufen war, waren wohl die Vorsichtsmechanismen schon etwas reduziert.
Morgens sind wir mit Taxi und Bus zum Corcovado und dort zur Christusstatue gefahren. Man kann auch mit der Bahn fahren, aber hier lagen so viele Reservierungen vor, dass wir lange Wartezeiten hätten in Kauf nehmen müssen. Der Taxifahrer fuhr uns also zur Busstation auf halber Höhe und von dort ging es weiter auf den Gipfel und zur Statue. Schon morgens um 11 Uhr war dort die Hölle los. Aber gigantische Bilder im Nebel mit dem aufragenden Zuckerhut. Auf dem Rückweg fuhr uns der Taxifahrer durch die angrenzende Farvela, dort wo er auch selber wohnt. Mit dem Bus ging es zurück zum Hotel und anschließend zum Fan-Fest mit zwei Großleinwänden. Brasilien setzte sich im Elfmeterschießen glücklich gegen Chile durch. Wahnsinnsstimmung. Wie vorstehend beschrieben endete der Tag unrühmlich.

Der Rückflug (Sonntag) – Über Salvador nach Frankfurt
Am Sonntagmorgen ging es mit dem Taxi zum internationalen Flughafen Rio. Fahrzeit diesmal nur 30 Minuten – alles frei. Mit Avianka bei gleich guter Flugqualität flogen wir nach Salvador und von dort, nachdem wir im Flughafengebäude auf Großleinwand Holland gegen Mexiko verfolgen konnten, per Direktflug nach Frankfurt, noch einmal gut neun Stunden Flugzeit.

Fazit
Eine tolle Fußballreise zur Weltmeisterschaft nach Brasilien mit herrlichen Eindrücken von Land und Leuten, mit über das normale Maß weit hinausgehender Gastfreundschaft, ist zu Ende gegangen. Die Reise wäre perfekt gewesen ohne den Vorfall am letzten Tag. Aber diesen Vorfall wollen wir schnell vergessen. Es bleibt: das Positive. Und die Kosten halten sich letzten Endes auch in Grenzen. Also – auf nach Brasilien, der nächste Urlaub kommt bestimmt.