Ein kleiner Irrtum ließ 1989 alle Dämme brechen

Erinnerungen an die deutsche Teilung und die spätere Wiedervereinigung: Im Novermber 1989 wurde Grenzkontrollpunkt eingerichtet.
 
Dieter Pöppe und Ilse Bauerdorf dankten Friedemann Schwarz für einen großartigen Geschichtsvortrag.

Vortrag über geteiltes Deutschland und die Wende begeistert in Münchehof / Dank an Friedemann Schwarz

Inzwischen sind mehr als 20 Jahre seit der Überwindung der deutschen Teilung vergangen und dennoch kommt es vielen Menschen so vor, als sei alles erst gestern gewesen. Dieser Eindruck bestätigte sich auch in der Vortragsveranstaltung, zu der jetzt der Heimatverein Münchehof eingeladen hatte. Das Interesse an Informationen über die Teilung Deutschlands, die Errichtung der fast 1.400 Kilometer langen Grenze mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen und schließlich die Öffnung der Grenze im Jahre 1989 ist nach wie vor ungebrochen. Als Referent hatte der rührige Heimatverein den Hohegeißer Lehrer i. R. Friedemann Schwarz gewinnen können, der in unmittelbarer Nähe des Todesstreifens in Hohegeiß diese geschichtlich einmaligen Entwicklungen miterlebt, beobachtet und dokumentiert hat. Und so war es nicht verwunderlich, dass er sozusagen aus erster Hand viele interessante Informationen zu vermitteln, aber auch zum Teil über äußert dramatische Ereignisse zu berichten wusste.
Zu Beginn der Veranstaltung hieß der Vorsitzende des Heimatvereins Münchehof, Dieter Pöppe, die zahlreich erschienen Mitglieder und Gäste in dem bis auf den allerletzten Platz besetzten Dorfgemeinschaftshaus willkommen. Nach einem kurzen Einstieg in die Thematik hieß er insbesondere die Heimatfreunde des Gittelder Heimat- und Geschichtsvereins willkommen. Zu Beginn seines mit größter Aufmerksamkeit verfolgten Dia-Vortrages ging Friedemann Schwarz zunächst auf die Grenzziehung ein, die bereits Ende 1944 im Londoner Protokoll von den späteren Siegermächten festgelegt wurde. Danach zog sich die Demarkationslinie mitten durch den Harz und streifte unmittelbar den Ort Hohegeiß. Mit interessanten Fotos erinnerte Schwarz daran, dass viele Menschen nach der Errichtung der Grenze, die spätestens Anfang der 1960er Jahre unüberwindlich war, auf den Parkplatz im Ort in unmittelbarer Nähe des Zaunes oft die Blicke gen Osten richteten und Unverständnis über diese widernatürliche Trennung bekundeten. Sehr anschaulich konnte er unterlegt mit entsprechendem Bildmaterial darstellen, wie nach der Grenzziehung die spätere DDR Stück für Stück die Grenze befestigte, Todesstreifen errichtete und sie so zu einem unüberwindlichen Bollwerk komplettierte. Dies führte dann auch dazu, dass ein Verwandtenbesuch in dem drei Kilometer entfernten Benneckenstein zu einer wahren Odyssee wurde. Schwarz trug sehr anschaulich vor, dass unter diesen Umständen die Anreise über Braunschweig, den Grenzübergang Marienborn (Worbis war noch nicht eröffnet) und Magdeburg zu erfolgen hatte und dadurch für die Überwindung dieser kurzen Entfernung 300 Kilometer Umweg und ein Zeitaufwand von 13 Stunden in Kauf genommen werden musste. Dafür bestand dann aber die Möglichkeit, von dort mit seinen Verwandten auf seinen naheliegenden Wohnort zu schauen. Mucksmäuschenstill wurde es, als Schwarz von der Flucht des Ehepaares Kleinert aus Quedlinburg berichtete, die bei Nacht und Nebel die Grenze bei Hohegeiß überwinden wollten und denen der Ruf „Halt, stehen bleiben“ nachhallte und in deren Verlauf der Ehemann an der Grenze erschossen und die Ehefrau wegen versuchter Republikflucht eingekerkert wurde. Ein Gedenkstein nahe Hohegeiß kündet von diesem, aber auch von vielen weiteren Opfern an der Grenze, die Deutschland teilte. Eindrucksvoll waren aber auch die Berichte, mit denen Schwarz die komplette Entfernung ganzer Siedlungen, Sanatorien oder Produktionsstätten bis hin zu kleineren Dörfern entlang der Grenze nachzeichnete.

Presseerklärung von Günter Schabowski

Von vielen erhofft und dennoch zu dem Zeitpunkt völlig unerwartet kam dann im November 1989 die große Wende. Nachdem Günter Schabowski in einer Presseerklärung am 9. November 1989 wohl irrtümlich den Zeitpunkt der Reisefreiheit der DDR-Bürger verkündet hatte, brachen alle Dämme. So auch im Südharz. Plötzlich fuhr wieder die Eisenbahn von Walkenried nach Ellrich und Friedemann Schwarz war Zeitzeuge dieses großartigen Ereignisses. Eindrucksvoll wusste er auch davon zu berichten, wie DDR-Bürger am Grenzzaun zwischen Rotheshütte und Hohegeiß am Jägerfleck der Bundesstraße 4 die Grenzöffnung am 12. November gegen 14.00 Uhr vorzeitig erzwangen. Durch den Druck der Bürger blieb den Grenzern nichts anders übrig, als eigenhändig die Schrauben am Zaunfeld zu lösen und den in den Westen drängenden Leuten über den Sperrgraben zu helfen. Endlich, am 24. Dezember 1989, war es dann auch mit der lästigen Visumpflicht vorbei und die endgültige Reisefreiheit zwischen den beiden damals noch bestehenden deutschen Staaten war vollzogen.
Klar, dass nach einem solch emotionalen und hochinteressanten Vortrag es sich Dieter Pöppe und später auch Ilse Bauerdorf vom Vorstand nicht nehmen ließen, dem Referenten unter dem Beifall der vielen Zuhörer für den – wie sie es nannten – großartigen Vortrag herzlich zu danken.