Gedanke an Münchehof hat sie nie losgelassen

Martha Sereinig, geborene Koschik (dritte von links), mit ihrer Familie zu Gast bei Ortsbürgermeister Joachim Pedroß und Frau.

Martha Sereinig besucht nach knapp 60 Jahren das Dorf wieder und zeigt sich über die Entwicklung überrascht

Münchehof (Pe). Nur wenige und davon auch nur die älteren Bewohner Münchehofs erinnern sich noch an das Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD-Lager) in Münchehof, das Ende der 1930er Jahre seine Pforten öffnete und für viele junge Menschen der damaligen Zeit für mehrere Monate als Aufenthaltsort diente und von wo aus sie dann zu gemeinnützigen Arbeiten ausrückten. Sieben große Baracken, davon vier Mannschaftsbaracken, boten zunächst über 200 jungen Männern und ab Ende 1939 auch jungen Mädchen – die dann in der Landwirtschaft oder bei kinderreichen Familien zur Entlastung der Hausfrauen beschäftigt wurden – ein vorübergehendes Zuhause.
Nach dem Krieg sollte das RAD-Lager zunächst in ein britisches Kriegsgefangenenlager umgestaltet werden. Es wurde mit Stacheldraht eingezäunt und zusätzliche Nissenhütten wurden errichtet. Genutzt wurde es jedoch nicht als Gefangenenlager. Stattdessen diente es ab 1946 als großes Flüchtlingslager. Von den vielen Millionen vertriebenen Frauen und Männern, häufig mit ihren noch kleinen Kindern und greisen Eltern aus den deutschen Ostgebieten, fanden ab 1946 nach einer oft monatelangen winterlichen Odyssee durch das zerstörte Deutschland auch rund 300 Flüchtlinge notdürftige Unterkunft in dem ehemaligen RAD-Lager in Münchehof.
Zu ihnen gehörte auch Familie Koschik. Das Ehepaar Koschik mit ihren acht Mädchen und zwei Buben hatte ihren Bauernhof in Schlesien aufgeben müssen und kämpfte nun weit entfernt von ihrer Heimat ums Überleben. Einige der Familien wurden in Münchehof oder der näheren Umgebung sesshaft, fanden Arbeit und errichteten sich später auch wieder ein Eigenheim. Die meisten zog es jedoch weiter in den Westen. Im Ruhrgebiet begann Anfang der 1950er Jahre die Wirtschaft aufzublühen und so strebten viele der Flüchtlinge mit ihren Familien dorthin. So auch Familie Koschik. Eine der Töchter, Martha, genannt Martl, verehelichte Sereinig, fand dann später eine neue Heimat in Kärnten.
Die Gedanken an Münchehof, wo sie fast zehn Jahre ihrer Kindheit verbrachte, haben sie jedoch nie ganz losgelassen. Als die Tochter jetzt über den neuen Internetauftritt des Dorfes nähere Informationen über Münchehof in Erfahrung gebracht hatte, war die Idee, ihrer Mutter noch einmal Münchehof zu zeigen, schnell gereift. Jetzt war Martha Sereinig mit Mann, Sohn und der Familie der Tochter in Münchehof und zeigte sich sehr überrascht über die Entwicklung des Dorfes. Wo einst das RAD-Lager mit seinen Baracken stand und wo sie als Kind gelebt hatte, befindet sich im Bereich des Forstweges und der Straße „Vor dem Rottland“ eine blühende Wohnsiedlung und auch der Kindergarten ist dort beheimatet. Schnell waren durch Vermittlung des Ortsbürgermeisters mit Irmgard Przybilla (geb. Herrmann) und Manfred Weitz Kontaktpersonen gefunden, die ebenfalls im Rad-Lager ihre erste Zuflucht nach der Flucht gefunden hatten und den Gästen noch viel zu erzählen wussten.
Ein kleiner Empfang bei Ortsbürgermeister Joachim Pedroß und seiner Frau rundeten dann den Aufenthalt, den Familie Sereinig natürlich auch mit einer ausgiebigen Harzrundfahrt verband, ihren Abschluss. Mit vielen aufgefrischten Erinnerungen wird nun Martl Sereinig wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sein, und weiterhin gern an Münchehof und ihre Kindheit zurückdenken.