Tag der Währungsreform ist ihr Schicksalstag

Seit 60 Jahren verheiratet: Marga und Gerhard Niemiczek. (Foto: Pedroß)

Marga und Gerhard Niemieczek aus dem Stadtteil Münchehof feiern heute ihr diamantenes Ehejubiläum

Münchehof (Pe).Vier Töchter und ein Sohn mit ihren Familien, zwölf Enkelkinder und vier Urenkel geben sich heute Am Ennenpfuhl in Münchehof neben einigen Freunden und Nachbarn sicher ein Stelldichein, denn auf den Tag genau vor sechzig Jahren haben sich Marga und Gerhard Niemieczek das Ja-Wort fürs Leben gegeben. Grund genug für das Jubelpaar, an diesem Tag das Fest der diamantenen Hochzeit gebührend zu feiern und der vielen schönen gemeinsamen Jahre, die natürlich auch mit einigen besonderen Herausforderungen verbunden waren, zu gedenken.
Marga Niemieczek geborene Oppermann erblickte 1932 in Bilderlahe das Licht der Welt. In der Geborgenheit der Familie genoss sie mit ihren zwei Brüdern die Kindheit, ging hier zur Volksschule und begann danach eine Lehre als Schneiderin. Leider zwang die Nachkriegszeit viele junge Leute – so auch Marga Oppermann – schon bald eine Tätigkeit in der damaligen Konservenfabrik Sieburg & Pförtner in Seesen aufzunehmen, um auf diese Weise mit zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihr Vater war seit den Kämpfen um Stalingrad vermisst und Witwen- und Waisenrente gab es damals noch nicht. Auch später und trotz ihrer fünf Kinder hat Marga Niemieczek immer mit hinzuverdient. So war sie beispielsweise – wie sie noch heute beteuert – sehr gern über 20 Jahre in einer hiesigen Gärtnerei tätig.
Der Lebensweg von Gerhard Niemieczek beginnt hingegen 1930 im fernen Oberschlesien. Als Sohn eines Bergmannes verlebte er seine Kindheit in Schönwald, einem etwa vier Kilometer langen Straßendorf in der Nähe von Gleiwitz. Dort besuchte er zunächst die Volksschule und von 1940 bis 1945 die Knabenmittelschule in Gleiwitz. Als Jugendlicher musste er die fürchterliche Zeit des zu Ende gehenden Krieges, die Besetzung seiner Heimat zunächst durch Russland und später durch Polen, über sich ergehen lassen. Im Januar 1945 kehrte er nach einem kurzen Aufenthalt bei seinen dreizehn Kilometern entfernt wohnenden Großeltern wieder in sein Heimatdorf zurück. Der Vater wurde von den Russen zwangsverpflichtet, die meisten Häuser niedergebrannt und so galt es, zunächst das nackte Leben zu retten. Die Lebensverhältnisse in seiner alten Heimat wurden immer schlechter. So entschloss sich die Mutter mit den vier Kindern schließlich im August 1946, die Ausreise zu beantragen. Mit 35 Personen in einem Waggon, in dem nur ein kleines Bund Stroh bereit lag, führte dann die Odyssee durch die ehemaligen deutschen Ostgebiete und durch die damalige sowjetische Besatzungszone zunächst nach Salzgitter-Immendorf in ein Auffanglager. Von dort aus wurde die Familie dann zunächst nach Seesen weitergeleitet und fand schließlich in Engelade eine neue Bleibe. 1948 folgte ihnen der Vater, der inzwischen aus der russischen Internierung entlassen war. Nun war die Familie wieder komplett. Die Not zwang Gerhard, zunächst eine Tätigkeit bei Züchner aufzunehmen. Doch bald ging es für ihn berg-auf. 1948 bis 1951 absolvierte er eine Tischlerlehre in der Tischlerei Karl Bock in Münchehof. Dem Betrieb hielt er 22 Jahre die Treue und wechselte erst 1970 in einen Tischlereibetrieb nach Seesen.
Kennengelernt hatten sich beide am Tag der Währungsreform, wie sich beide noch heute lebhaft erinnern. In Engelade fand ein Sportfest statt und am Eingang des Festsaales war zu lesen – wie Gerhard Niemieczek auswendig zu zitieren weiß – folgender Spruch: „Die DM kommt, die Reichsmark geht. Das Sportfest steigt, das Sportfest steht. Wer noch tanzen will fürs alte Geld, walzt heut’ was die Sohle hält.“
Nun, die beiden müssen in dieser Nacht wohl so manchen Walzer auf das Parkett des Festsaales gelegt haben, denn aus diesem ersten Zusammentreffen ist schließlich eine Gemeinschaft geworden, die nunmehr über 63 Jahre Bestand hat. Am 25. August 1951 haben sie sich dann in der St.-Michael-Kirche zu Bilderlahe das Ja-Wort gegeben. Nach und nach gesellten sich vier Mädchen und ein Sohn hinzu. 1964 haben sich beide entschlossen, in dem damals neuen Baugebiet in Münchehof „Am Ennenpfuhl“ einen Bauplatz zu erwerben und sich ein schmuckes Häuschen zu bauen. „Es war nicht leicht, mit fünf Kindern, die allesamt weiterführende Schulen besuchten, einen solchen Schritt zu wagen“, gesteht Marga Niemieczek gern ein.
Doch der Mut hat sich gelohnt. Heute als Rentnerin und Rentner genießen sie ihr schönes Heim und für Marga ist der Garten noch immer ihr liebstes Hobby, derweil sich Gerhard als Tischler natürlich immer noch darum kümmert, dass alles rundherum in Ordnung ist. Neben dem Haus gehörte viele Jahre der aktive Chorgesang im Gemischten Chor Liedertafel zu ihren gemeinsamen Hobbys. Ebenso sind beide der SPD bereits als Jungsozialisten beigetreten und halten ihr auch heute noch nach über 40 Jahren die Treue. Gerhard Niemieczek ist außerdem Mitglied im DRK und bei der AWO und war auch den Heimkehrern bis zu deren Auflösung als Mitglied verbunden. Wann immer möglich, begeben sich beide gern auf Reisen, vornehmlich natürlich zu den Kindern, von denen eines mit Familie in der Nähe von London lebt, so dass häufig England als bevorzugtes Reiseziel ausgewählt wird.
Und so können sie heute nicht ohne Stolz bei recht guter Gesundheit auf ein wahrlich erfülltes Leben zurückschauen und den Tag mit ihren Kindern, Schwieger-, Enkel- und Urenkelkindern sicher so richtig genießen.