Eine Ausstellung, die zum Nachdenken einlädt

Pastor André Dittmann öffnet mit dem überdimensionalen Schlüssel die Ausstellung „Rosenstraße 76“ in der Kurt-Schröder-Halle. (Foto: Bordfeld)

„Rosenstraße 76 – Häusliche Gewalt überwinden“: Für Bestärkung im Handeln und eine gewaltfreie Gesellschaft

Osterode (pb). Bevor Pastor André Dittmann mit einem übergroßen Schlüssel die Tür der Kurt-Schröder-Halle symbolisch für die Ausstellung „Rosenstraße 76 – Häusliche Gewalt überwinden“ öffnete, hatten er und Steuerungskreis ins BBS I-Forum in der KVHS zu einem Gottesdienst und einer anschließenden Feierstunde geladen, die von Wortbeiträgen, musikalischer Umrahmung und einem sehr interessierten Publikum getragen wurde.
Für den Festvortrag zu dem Ausstellungsthema war eigens Staatsanwältin Dagmar Freudenberg, Referentin im Niedersächsischen Justizministerium Hannover, in die Kreisstadt gekommen. Sie erinnerte daran, dass häusliche Gewalt leider ein alter Hut ist, denn wer das bürgerliche Gesetzbuch aus dem Jahr 1912 aufschlägt, wird darin lesen, dass damals dem Mann die Macht über Frau und Kind zugesprochen wurde. Und über Kinder wird häusliche Gewalt über Generationen weitergegen, mahnte Dagmar Freudenberg.

Frauenhäuser erst seit
Mitte der 70er Jahre

Erst 37 Jahre später wurde im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben. Trotzdem durften bis Ende 60er Jahre Ehefrauen ohne Zustimmung des Mannes kein Arbeitsverhältnis eingehen. Erst Mitte der 70er Jahre wurden erste Frauenhäuser zum Schutz von misshandelten Frauen und ihren Kindern vor Gewalt durch ihre Partner/Ehemänner gegründet. Seit der Jahrtausendwende gibt es übrigens zumindest in Hamburg-Altona, Berlin und Brandburg auch Häuser für Männer, die der häuslichen Gewalt entfliehen wollen (Anm. der Red.). In den 80er Jahren setzte sich die Frauenbewegung für den nachhaltigen rechtlichen wie auch faktischen Schutz von Frauen vor sexueller und körperlicher Gewalt in Ehe und Partnerschaft ein. Seit 1997 sind sexuelle Übergriffe in der Ehe als Vergewaltigung und sexuelle Nötigung strafbar.
Durch Recht werden gesellschaftliche Verhältnisse gestaltet und festgeschrieben, aber auch verändert, so die Festrednerin. Und häusliche Gewalt ist keine Privatsache mehr, sie wird von Amts wegen verfolgt. Sie stellte aber auch die Frage, wie oft es diese Gewalt gibt. Um eine Antwort zu erhalten, seien 2004 gut 10 000 Bürger im Alter von 16 bis 85 Jahre zu diesem Thema angesprochen worden. Dabei habe sie herausgestellt, dass rund 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen körperlicher oder sexueller Gewalt oder beides durch aktuelle oder frühere Beziehungspartnerinnen oder –partner erlebt hatten. 13 Prozent hätten seit ihrem 16ten Lebensjahr Formen sexueller Gewalt erfahren.
Aber auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt, allerdings seltener; der geschätzte Anteil liege laut der Pilotstudie aus dem Jahr 2004 zwischen 10 und 25 Prozent, davon resultierten laut Aussage der Polizei zwischen 15 und 20 Prozent der bekannt gewordenen Ermittlungsverfahren auf häusliche Gewalt. Dem Lagebericht der Polizei für häusliche Gewalt in Niedersachsen sei zu entnehmen, dass 2011 fast 15 000 Fälle bei gleicher Anzahl tatverdächtiger festgehalten wurden.
Häusliche Gewalt sind aber nicht „nur“ Schläge, Würgen, Kratzen, Beißen, in den Haaren reißen, Boxen, Kopfnüsse oder Tritte, die bestehe unter anderem auch aus der finanziellen Abhängigkeit, der Kontrolle aller Lebensbereiche, Verweigerung der Anerkennung, aus psychischen Terror und letztendlich aus der Isolation, Einwirkung auf das soziale Umfeld sowie der Abwertung in der Öffentlichkeit, gab die Sprecherin zu bedenken. Auch Kinder spürten diese Gewalt entweder am eigenen Körper, oder sie fühlen die bedrohliche Atmosphäre.

Zuhören, beraten
und unterstützen

Bei häuslicher Gewalt könnten aber neben Gesetzen und Professionellen beispielsweise auch Nachbarn, Freunde und die Familie wahrnehmen und zuhören, beraten und unterstützen, begleiten und stärken helfen. Auch sollte niemand jemanden verdammen, denn letztendlich sei nicht der ganze Mensch schlecht, sondern das, was er/sie in bestimmter Situation getan hat.
Mit dem Wunsch, dass die Besucher/innen durch die Ausstellung „Rosenstraße 76“ Anregungen und Bestärkung im Handeln für eine gewaltfreie Gesellschaft sowie gerade im sozialen Nahraum erfahren mögen.
Pastor André Dittmann überreichte der Referentin ein blumiges Dankeschön und eine CD, auf welcher die Vertonung der Ausstellungstexte zu hören ist. Dann übergab er das Mikrophon an Pastor Ralf Tyra, Direktor des Hauses kirchlicher Dienste in Hannover. Der betonte, dass ihm das Team rund um Pastor Dittmann bewiesen habe, dass die Entscheidung der Landeskirche richtig war, diese Ausstellung nach ihrer Eröffnung in der Landeshauptstadt auch in eine kleinere Stadt, nach Osterode, zu schicken. Die Stärke des Organisationsteams und der Kooperationspartner sei äußerst lobenswert und verdiene große Anerkennung.
MdL Regina Seeringer sprach ebenso der Steuerungsgruppe und den Kooperationspartnern ein großes Dankeschön aus und sie wünschte sich, dass die Ausstellung auch nach dem 29. September noch Menschen dazu bewegt, nicht die Augen zu verschließen, sondern zu helfen. Polizeidirektor Hans Walter Rusteberg betonte, dass das Thema „Häusliche Gewalt“ leider zum Alltag der Kollegen der Polizeiinspektion Northeim/Osterode gehöre. Und es sei wichtig, auch auf Schulklassen zuzugehen, um den jungen Menschen den Blick hinter die heile Welt zu ermöglichen und Wege aus dem Tief zu erklären.
Pastor Henning Busse, Leiter der Männerarbeit im Haus kirchlicher Dienste Hannover, betonte, das die „Rosenstraße 76“ alle Menschen, die Hilfe brauchen und jene, die helfen wollen, zusammenführen möge, damit das Thema häusliche Gewalt auf viele Schultern geladen ans Licht gehoben werde. Dann überreichte er Pastor Dittmann den überdimensionalen Schlüssel.
Hinrich Grünhagen (Klavier, Cajon und Metallophon) und seine Mitspielerinnen – Katja Galonska (Gesang und Sopran), Esther Schütte (Gesang und Percussion), Juliane Reulecke (akustische Gitarren, E-Bass und Drums) und Martina Heger-Grünhagen (Saxophon, Flöte und Percussion), die Band „Poems for Coffee“, sorgten für den musikalischen Rahmen dieser festlichen Veranstaltung. Sie ließen Lieder wie beispielsweise „Wenn dein Kind dich morgen fragt“, „My name is Luka" oder „Sind so kleine Hände“ erklingen, was viel Beifall aber auch nachdenkliche Gesichter zur Folge hatte.

Ausstellung montags
bis freitags geöffnet

Diese Gesichter waren auch zu sehen, als die ersten Ausstellungsbesucher die „Rosenstraße 76“ in der Kurt-Schröder-Halle betraten oder diese wieder verließen. Die Ausstellung ist übrigens im Ausstellungszeitraum montags bis freitags von 8 bis 13 Uhr, Sonntag, 16. September, von 10 bis 17 Uhr, Samstag, 22. September, von 10 bis 17 Uhr und Sonntag, 30.September, von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Schulklassen und Gruppen melden sich bitte im Projektbüro an, nachmittags sind Gruppenführungen nach Absprache möglich.