„Eine unverzichtbare Stütze“

Gudrun Wegner liegt die St.-Jacobi-Schlosskirche am Herzen. Begeistert ist sie vor allem von der Schlichtheit der ältesten Kirche in der Stadt Osterode am Harz.

Gudrun Wegner ist Kirchenvorsteherin in der St.-Jacobi-Schlosskirche, in der ein ganz besonderes Kreuz zu besichtigen ist

Über dem Schlossplatz ruht eine angenehme Stille. Die Glocken des Kirchturms schlagen zwölf Mal. Dann ist wieder nur das beruhigende Plätschern des kleinen Brunnens zu hören. Gudrun Wegner kennt diesen Ort in und auswendig. Seit 26 Jahren engagiert sie sich im Kirchenvorstand der St.-Jacobi-Schlosskirchengemeinde Osterode.

Seit 2006 als stellvertretende Vorsitzende. „Eine lange Zeit mit vielen schönen Erfahrungen", findet die 64-Jährige.
Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und betreibt mit ihrem Mann ihr eigenes Fuhrunternehmen. „Ich arbeite selbst und ständig“, sagt die Speditionskauffrau lächelnd, und wie zum Beweis klingelt ihr Handy. Früher, als sie selbst Kind war, hatte sie wenig Bezug zur Kirche. Vieles sieht sie heute anders: „Ich halte es für sehr wichtig, an irgendetwas oder jemanden zu glauben. Dafür muss man aber nicht jeden Sonntag in der Kirche sitzen.“

„Die Kirche liegt mir am Herzen“

Seit der Konfirmandenzeit ihrer Söhne hat Gudrun Wegner große Freude daran, die Konfirmanden auf ihre Freizeiten zu begleiten und alle zu bekochen.
„Ich bin hier aufgewachsen, dadurch liegt mir gerade diese Kirche am Herzen. Das Besondere an ihr ist ihre Schlichtheit.“

Die älteste Kirche der Stadt Osterode am Harz

Die St.-Jacobi-Schlosskirche ist die älteste Kirche der Stadt. Bereits im 12. Jahrhundert befand sich an ihrem Standort eine Kapelle mit dem Patrozinium des Apostels Jakobus. 1230 wurde sie als gotische Kirche mit Nonnenchor erweitert. Das zisterziensische Nonnenkloster St. Mariae et Jacobi bestand bis zur Reformation 1561. Später ließ es Herzog Ernst III von Braunschweig und Grubenhangen in ein Schloss umbauen. Diese lange Geschichte sieht man der Kirche an: An ihr nagt der Zahn der Zeit. Das Kirchengebäude erhielt seine heutige, barocke Gestalt in den Jahren 1751/52. Derzeit wird die Kirche erneut in mehreren Abschnitten umgebaut. „Die Feuchtigkeit hat der Kirche sehr zu schaffen gemacht, überall kommen Risse zum Vorschein“, erzählt Gudrun Wegner. Sie sieht das als positive Herausforderung, die allerdings auch mit vielen Bauvorschriften und noch mehr Arbeit verbunden ist. Bis zum 1. Mai 2017 soll die Renovierung abgeschlossen sein, denn dann wird das 800-jährige Bestehen der Kirche gefeiert. „Ob das was wird, steht noch in den Sternen. Wenn nicht, feiern wir eben 800+1“, sagt Gudrun Wegner lachend.
Der West- und der Ostflügel der quadratischen Anlage wurden ab 1894 abgerissen, sodass nur der Südflügel – das heutige Amtsgericht – und der Nordflügel – die heutige Schlosskirche – erhalten geblieben sind. Im Gemeindehaus sind die Superintendentur des Kirchenkreises Harzer Land, das Kirchenkreisamt für die ehemaligen Kirchenkreise Clausthal, Osterode und Herzberg sowie das Diakonische Werk untergebracht.
Auch das Wohnhaus für den Superintendenten befindet sich auf dem Schlossplatz. Im Internet werden als sehenswert der barocke Altar mit dem Hauptteil um 1420, ein Epitaph von dem Bergrat Peter Hartzig und Superintendent Chr. F. Knorr aus dem 17. Jahrhundert sowie ein romanisches Taufbecken um 1050 angepriesen. Fragt man allerdings Pastor Michael Bohnert, dann zeichnet die Kirche etwas ganz anderes aus: das Kreuz in der Christuskapelle. „Der Jesus-Korpus wurde von französischen Kriegsgefangenen aus dem ehemaligen Außenlager des KZ Dora in Osterode aus Papier und Speichel modelliert und gebaut.
Das Kreuz besteht aus Hölzern, in die Eisenbahnschienen eingebettet waren“, erzählt Bohnert. Um das Kruzifix herum haben die Flüchtlinge damals ihren Weihnachtsgottesdienst gefeiert. „Das ist eine Geschichte, die mich bewegt“, sagt der Pastor der St.-Jacobi und der St.-Marien-Kirche.

„Das ist eine Geschichte die mich bewegt“

Bewegend ist für ihn außerdem, wie sehr sich Gudrun Wegner in das Gemeindeleben einbringt. Deshalb wurde sie auch für die Verleihung der Ehrenamtskarte des Landkreises vorgeschlagen, die ihr und weiteren Nominierten in feierlichem Rahmen überreicht wurde. „Frau Wegner hängt ihre Hilfsbereitschaft nicht an die große Glocke. Sie hilft völlig unbürokratisch, wo sie es kann und wo es Not tut. Sie organisiert Transporte und setzt sich kurzerhand auch selbst hinters Steuer, um etwas von A nach B zu transportieren“, beschreibt Pastor Bohnert. „Gudrun Wegner ist seit Jahrzehnten eine zuverlässige, ehrenamtliche Stütze, auf die wir in der Gemeinde nur sehr schwer verzichten könnten.“ Aber das muss die Gemeinde auch nicht. Denn Gudrun Wegner ergänzt: „Im Moment könnte ich mir ein Leben ohne die Gemeindearbeit nicht vorstellen. Es macht mir unheimlich viel Spaß!“