„Über diese Steine stolpern Kopf und Herz“

Gunter Demnig (Zweiter von links) stellt unter anderem Rolf Ballof (links) und Dr. Joachim Frassl (Zweiter von rechts), die Solpersteine und deren Geschichte vor. Initiator Heiko Blanke (Mitte) hört den Gesprächen interessiert zu. (Foto: Bordfeld)

Künstler Gunter Demnig referierte über sein Lebenswerk und die Gefahr des Vergessens

Von Petra Bordfeld, Osterode

Die Erinnerung wird glatt poliert. Der Betrachter stolpert mit dem Kopf und dem Herzen, nicht mit dem Körper, denn wenn er den Namen des Opfers lesen möchte, muss er sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm. So beschreibt der Künstler Gunter Demnig den Sinn der Stolpersteine. Bis Ende diesen Jahres sollen seine rund 32.000 Stolpersteine an Opfer der NS-Zeit in weiten Teilen der Welt erinnern. 673 Stolpersteine sind allein in der Bundesrepublik zu finden. Und auf Initiative von Heiko Blanke gibt es jetzt auch 14 davon in Osterode. Blanke lud den Berliner Künstler, der seit 1985 ein Atelier Köln hat, nun noch einmal in die Kreisstadt, in die St.-Marien-Kirche, ein.
Viele interessierte Bürger aus dem Kreis Osterode und den Nachbarkreisen kamen zu der Veranstaltung. Neben dem Vortrag Demnigs wurde auch ein Blick auf die Geschichte der Osteroder Juden geworfen.
Wahrscheinlich gehörten sie bereits seit dem 13. Jahrhundert zur Bevölkerung der Stadt Osterode. Um 1770 habe ihr Anteil an der Gesamteinwohnerzahl bei fast drei Prozent gelegen, und 1933 hätten etwa 50 Juden in Osterode gelebt. „Das letzte noch in der Stadt wohnende Mitglied der Osteroder Synagogengemeinde wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert und dort am 11. August 1942 ermordet“, so Blanke.
Der 70. Jahrestag der Pogromnacht, zynisch auch „Reichskristallnacht“ genannt, am 9. November 2008 war für Blanke Anstoß, die Initiative Stolpersteine nach Osterode zu holen. „Die Idee, quasi versehentlich über die Geschichte und über Schicksale zu stolpern und so unvermittelt an unsere Mitbürger erinnert zu werden, finde ich nach wie vor stark“, erläuterte Blanke.
Am 28. Juni 2010 wurden dann in Osterodes Innenstadt 14 Stolpersteine zum Gedenken an die im Holocaust umgekommenen Osteroder Juden verlegt. Diese Stolpersteine bezeichnen jeweils die letzte Wohnung der ermordeten Mitbürger. Übrigens findet jedes Jahr am 9. November eine kostenlose Führung zu den Stolpersteinen statt. Der Rundgang endet auf dem ehemaligen Friedhof am Kupferhammer.
Dann rief Blanke alle Gäste dazu auf, gemeinsam mit Gunter Demnig durch dessen künstlerisches Schaffen zu stolpern. Um sein Kulturprojekt gegen das Vergessen zu veranschaulichen, illustrierte Demnig seinen Vortrag mit Bildern. Demnig, der vor sechs Jahren das Bundesverdienstkreuz und vor drei Jahren den Preis „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ erhielt, versicherte, dass das Interesse an seinem Projekt sehr groß sei. Sein Terminplan sei voll.
Besonders freut ihn das Interesse von Jugendlichen. Er erzählte von Begegnungen mit jungen und alten Menschen und deren unterschiedlichsten Auffassungen zu den Stolpersteinen. Am meisten ist er immer wieder über die Aussage erschreckt, es soll doch endlich mal Ruhe in Bezug auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte einkehren. Vor einigen Jahren hat er, so Demnig, einen Menschen getroffen, der einen NS-Kindertransport überlebte, jetzt in Neuseeland lebt und ihm sagte: „Für mich sind das keine Stolpersteine, für mich sind das Schlusssteine. Ich kann nach Hause fahren und wiederkommen“.
Bevor er aber den ersten Stein gefertigt und in den Gehweg eingelassen hatte, begab sich Demnig nicht nur einmal zu Fuß auf weite Reisen. Er wollte Zeichen setzen, was für ihn der Weg zu der Aufgabe war, die zu seinem Lebenswerk geworden ist. Er mahnte an, dass er diese Steine für alle Menschen anfertigt, welche die NS-Zeit mit dem Leben bezahlen mussten. Dabei sei es völlig gleich, welcher Religion die Opfer angehörten, welchen Beruf sie ausübten und welchen Geschlechts sie gewesen sind. Und er wird weitermachen.