Auch nach 60 Jahren getrost Vertrauen wagen dürfen

Inge und Robert Rittgerodt hatten eine klare Vorstellung von dem, was im Leben zählt. (Foto: Koch)

Inge und Robert Rittgerodt feiern ihre diamantene Hochzeit und schauen neuen Alternativen gelassen entgegen

Rhüden (JK). Zugegeben: Wer würde nach einem so langen Zeitraum noch mit entscheidenden Neuerungen rechnen? Immerhin haben Inge und Robert Rittgerodt pünktlich zur diamantenen Hochzeit ihr Wohnzimmer mit einem Flachbild-Fernseher und einer modernen Couch ausgestattet. Außerdem verweigerten sie entschieden eine Ablichtung zur Feier des Tages auf einer breit ausladenden Sofa-Garnitur.
Kennengelernt haben sich Inge und Robert in dem ehemaligen Bahnhofs-Hotel an der damaligen „Lok-Verbindung“ von Seesen nach Derneburg. Bei einer Tanzveranstaltung in der frühen Nachkriegszeit verwandelte sich der für viele Zeitgenossen magische Anziehungspunkt auch für den in den wirren Zeiten bewahrt gebliebenen Robert zu einer Art „Lock-Station“. Inge, die von ihren Eltern die Erlaubnis zum Besuch dieser möglicherweise riskanten Veranstaltung erhalten hatte, erlag alsbald den Reizen des jungen Tänzers.
Inge und Robert hatten auf ihre ganz eigene Art eine klare Vorstellung von dem, was im künftigen Leben wirklich zählt: Liebe, Geborgenheit, Familie, gute Kontakte und ein klarer Bezug zur Öffentlichkeit. Diese Prioritäten haben beide jeweils für sich und doch gemeinsam ausgelebt. Inge meint zwar, dass man über ihr Leben nicht sehr viel erzählen kann. Das mag auch auf den ersten Blick stimmen, denn „außer“ der bemerkenswerten Tatsache, dass Inge in der langen Ehezeit durch eigener Hände Arbeit entscheidend zum Lebensunterhalt und zum Bau des eigenen Heimes beigetragen hat, kann sie weit weniger berichten als ihr Robert. Der war – begünstigt durch seine beinharte Grundkonstitution – rastlos unterwegs zum Wohle der Familie. Dies betrifft seinen Einsatz in wechselnden Arbeitsstellen. Hinzu kommt seine Offenheit gegenüber der Rhüdener Öffentlichkeit, die der Familie bis heute eine hohe Achtung einbringt.
„Kinder, Küche, Kirche“? Dieses Klischee stimmt bei den diamantenen Jubilaren nun wirklich nicht. Fünf blitzgescheite Enkelkinder und sechs ebenso talentierte Urenkel sprechen eine eigene Sprache. Diese haben ihre Lektion sehr schnell gelernt: Präsent sein, Termine einhalten, Tendenzen erkennen und trotzdem treu zueinander stehen. Diese Mischung klingt nach einer Weisheit, die die gegenwärtige Gesellschaft leider langsam zu verlernen scheint.
Ob das wirklich so ist, mag dahin gestellt bleiben. Inge jedenfalls ist sich mit ihrem Robert darin weiterhin einig: Wir bleiben zusammen! Wer jetzt glaubt, dass sich im Alter keine neuen Alternativen auftun könnten, sei gewarnt. Robert und Inge schauen solch neuen und sehr realen Alternativen sehr gelassen entgegen. Und das hat mit dem persönlichen Alter nun wirklich gar nichts zu tun.
Robert singt seit 25 Jahren im örtlichen Kirchenchor mit. Eines der vielen Lieder beginnt mit den Worten „Vertrauen wagen, dürfen wir getrost“. Inge und Robert konnten aufgrund unterschiedlicher persönlicher Voraussetzungen stets auf solche stillen Reserven vertrauen: Inge aufgrund ihrer grundsoliden Lebensklugheit und Robert durch den Spagat zwischen einer Gewerkschaftsmitgliedschaft und einer rekordverdächtigen, über 65-jährigen Mitgliedschaft im örtlichen Fußball-Verein.