Der „Schatten von Wembley“ im Schatten der Linde

Rhüdener Fangemeinschaft zitterte dem furiosen Sieg gegen England entgegen

Es war, als würde die Zeit um 44 Jahre zurückgedreht, als das zweite Tor der englischen Nationalmannschaft nicht gewertet wurde. Die rund 300 buntgeschminkten und bestgelaunten konnten sich nämlich sehr gut vorstellen, dass das Achtelfinale unter Umständen einen völlig anderen Verlauf genommen hätte. Bereits einen Tag nach dem fulminanten Sieg unserer „Jungs“ wurde in den Medien erneut über den Einsatz der elektronischen Möglichkeiten im Profifußball diskutiert. Vor allem auf dem Hintergrund, dass dadurch solche krassen Fehlentscheidungen (wie dann auch am Abend noch im Spiel zwischen Argentinien und Mexiko beim Abseitstor) große Turniere einen anderen und gerechteren Verlauf garantieren. Das einzig nachvollziehbare Gegenargument gegen eine solche mediale Aufrüstung eines Begeisterungssports, den sowohl international agierende Schidesrichter und Trainer im Grundsatz befürworten, sind allein sie: die Emotionen! Oder anders gesagt: König Fußball wird vermutlich zu viele Zacken aus seiner Krone lassen, wenn Linienrichter und Schiedsrichter die verantwortlichen Entscheidungen, die ihr geschultes Auge trifft, durch eine Web-Cam-Einspielung ersetzt wissen.
Den Rhüdener Rasen-Routiniers war solche Fachsimpelei in diesem Moment völlig egal, weil die Entscheidung zugunsten der Deutschen ausfiel. Bei frisch Gezapften, auf den Punkt gegartem Grillgut sowie leckerem Eis und frisch gebrühtem Kaffee steigerte sich mit jedem Tor der potentiellen Finalisten Stimmung und Erregung. Beim Abpfiff nach regulärer Spielzeit war die Freude dann riesengroß! Anscheinend breitet sich jetzt – und das bei vergleichbar grandiosen Sommerwetter – die große national empfundene Freude über das Land wie vor vier Jahren.
Die einzige etwas trübe stimmende Nachricht von der Fußball-Gala rund um die St. Martini-Kirche war an diesem Abend: Rhüden hat noch keinen Straßenzug gefunden, auf dem sich ein „Begeisterungs-Korso“ abspielen kann. Viele buntbeflaggte Autos mit fröhlich hupenden Fahrern bewegten sich zwar rund um die „Kirchen-Arena“, aber an deren Straßenrändern standen einfach keine Leute.
Der Weg in die äußerst spannende Schlussphase der Weltmeisterschaft ist dennoch klar vorgegeben und bestens geebnet. Der Kirchenvorstand überträgt und verantwortet das Viertelfinale am kommenden Samstag um 16 Uhr. Hüpfburg für die Kinder sowie ein ansprechendes, familiengerechtes kulinarisches Beiprogramm sowie beste Übertragungstechnik werden erneut für das passende Ambiente sorgen. Und glaubt man den Wetterfröschen, deren Oberhaupt ja immer noch nicht in Freiheit ist, so werden Klose, Poldi und Co den Argentiniern jede Menge Tore um die Ohren „kacheln“. „Messi go home“ - Bernd Müller sei Dank!
Wie es dann beim Public-Viewing in Rhüden weitergeht, entscheidet sich natürlich erst nach dem Spiel. Aber ganz sicher ist jetzt schon: Es wird eine Fortsetzung der Übertragungen geben, denn niemand kann sich derzeit vorstellen, dass die Mannschaft, die sowohl rationalen als auch südamerikanisch anmutenden Überraschungsfußball bedienen kann, aus diesem durch sehr viele Überraschungen geprägten Turnier rausfallen kann. Vielleicht haben ja die neuen Regelungen hinsichtlich des Umgangs mit den Spielerfreundinnen und –Frauen dazu geführt, dass auch Profifußballer getrost Beruf und Familie unter einen Hut und damit zielgenau ins Netz bringen können.
Die neue Familien-Politik der FIFA kommt jedenfalls vor Ort in Rhüden bestens an. Während sich die zahlreichen Damen aller Altersstufen das Achtelfinale in der prallen Sommersonne genüsslich vor Augen führte, kickte der eigene Nachwuchs heiter und unbesorgt auf das durch die Fa. Haspo gesponserte Fußballtor bis zum Sonnenuntergang. Dadurch konnten sie selbst entspannt einer ihrer Hauptemotionen ungehindert frönen.