40 Jahre Klinik für Neurologie und Neuropsychiatrie

Im Jahre 1974 wurde die Klinik von einer Lungenheilstätte nach dem damaligen Krankenhausbedarfsplan des Landes Niedersachsen in ein Fachkrankenhaus für Neurologie, Neurochirurgie, Gefäßchirurgie und Anästhesiologie umgewidmet. (Foto: Asklepios)
 
Das Foto aus dem Jahre 1976 zeigt die Klinik Schildautal nach Abschluss der Baumaßnahmen. Zu diesem Zeitpunkt konnte die Klinik Schildautal mit allen Abteilungen einschließlich einer interdisziplinären Intensivstation voll in Betrieb gehen. (Foto: Asklepios)
 
Die Luftbildaufnahme zeigt die Asklepios Kliniken Schildautal im Jahre 2014. Die Lage der Klinik in reizvoller und ruhiger Umgebung am Harzrand, ermöglicht es den Patienten, Angehörigen und Besuchern abzuschalten und neue Kräfte zu sammeln. (Foto: Asklepios)
Im Jahre 1956 wurde die Klinik Schildautal von der LVA - Landesversicherungsanstalt Braunschweig - zur konservativen und operativen Behandlung Tuberkulosekranker eröffnet. Deutschland befand sich in der Aufbaueuphorie, eine Kostenklemme im Gesundheitssystem war noch nicht absehbar und die Klinik Schildautal wurde ein architektonisches Juwel in einem herrlichen Park. Mit dem Rückgang der Tuberkulose infolge neuer Chemotherapeutika verlor das Haus seine ursprüngliche Aufgabe und wurde 1974 nach dem Krankenhausbedarfsplan des Landes Niedersachsen umgewidmet in eine Klinik für Neurologie, Neurochirurgie, Gefäßchirurgie und Anästhesiologie. Die Umwidmung erforderte viele neue Funktionsräume, denen ein Teil der großzügiger Verkehrs- und Aufenthaltsfläche zum Opfer fiel. Zusätzlich wurde der Mittelteil der Klinik durch Anbau eines Funktionstrakts vergrößert. Um den für Schwerbehinderte und Rollstuhlfahrer erforderlichen Bewegungsraum zu schaffen, wurde ein Teil der ehemaligen Dreibettzimmer mit behindertengerechten Nasszellen ausgestattet und zu 2-Bettzimmern umgerüstet. Aus dem Kinosaal entstanden die Räume für die Krankengymnastik. Die Ergotherapie wurde im Dachgeschoß neu eingerichtet, die Bäderabteilung großzügig neu gebaut, ebenso die Neurophysiologie, das Labor, die zentrale Bettenaufbereitung und die Intensivstation, Operations- und Röntgentrakt erweitert und neu ausgerüstet.

Eröffnung der Neurologie im August 1974

Noch vor Beginn der Baumaßnahmen eröffnete die Neurologie im August 1974 unter Leitung von Prof. Dr. Volles. In 1976 konnte die Klinik Schildautal mit allen Abteilungen einschließlich einer interdisziplinären Intensivstation voll in Betrieb genommen werden und wurde schon 1978 akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göttingen. Sicher war es ein Wagnis, die für gewöhnlich nur in Großkrankenhäusern vertretenen Fächer im ländlichen Bereich zu etablieren. Das Sozialministerium ging jedoch von der Vorstellung aus, dass eine Regionalversorgung dieser Fächer im damaligen Zonenrandgebiet zwischen Hannover, Braunschweig und Göttingen dringend erscheine, insbesondere wegen der in diesem Gebiet zahlreichen beratend zu betreuenden Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung. Zudem bewirkten die hohe Motivation und die Arbeitsfreude der Mitarbeiter sowie das enorme Fachwissen der Ärzte bald einen lebhaften Zuspruch für die Klinik.

Die Klinik für Neurologie und Neuropsychiatrie bot als „Klassenloses Krankenhaus“ neben optimaler Diagnostik und Therapie zusätzlich ein ganzheitliches Geist-Körper-Seele-Konzept mit einem am Patienten orientierten Zusammenwirken aller Mitarbeiter und eine darauf ausgerichtete Leitungsstruktur. Nach der Start- und Aufbauphase durch Prof. Dr. Volles wurde die Klinik ab 1978 von vier -, später von fünf leitenden Ärzten für Neurologie und Psychiatrie mit verschiedenen fachlichen Schwerpunkten in kollegialer Zusammenarbeit geführt, wobei jeweils einer der Ärzte für vier Jahre die Geschäftsführung übernahm.

Für einen raschen und ungefilterten Informationsaustausch sorgten tägliche Visiten, Ärztekonferenzen, Röntgenbesprechungen und wöchentliche Stationsbesprechungen, bei denen Ärzte, Pflegepersonal, Mitarbeiter von Krankengymnastik, physikalischer Therapie, Ergotherapie, Logopädie und Sozialdienst gemeinsam das therapeutische Konzept für jeden einzelnen Patienten festlegten, bzw. aktualisierten.

Dieses interaktionell integrative Therapiekonzept wurde im Laufe der Jahre bereichert durch neue Behandlungsmethoden, wie zum Beispiel Krankengymnastik nach Bobath, nach McKenzie, Manualtherapie, Neuraltherapie und Akupunktur bei Patienten mit chronischen Schmerzen und Therapie mit Botulinumtoxin bei Dystonien.

„Die 1982 bei uns eingeführte Doppler-Ultraschalldiagnostik der das Gehirn versorgenden Arterien (Neurosonologie) wurde 1988 als eigene Abteilung etabliert und - ebenso wie die Abteilung für Neurophysiologie - ein wichtiges Bindeglied zwischen der Neurologie und den anderen Disziplinen – hier speziell der Gefäßchirurgie – und trägt zur Ausweitung und Absicherung operativer Eingriffe an den zum Gehirn führenden Arterien bei. Die Neurophysiologische Abteilung zur Diagnostik von Funktionsstörungen des zentralen und peripheren Nervensystems und der Muskulatur ist mit Geräten für EEG-/Langzeit-EEG, ENG/EMG einschließlich Computeranalyse, somatosensorisch, optisch, akustisch und magnetisch evozierten Potentialen ausgestattet. Die Mitarbeiter führen seit vielen Jahren Lehrgänge mit neuer Technik für interessierte Kollegen durch“, erklärt Dr. med. Rudolf Brodhun, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neuropsychiatrie, gegenüber dem Seesener Beobachter.
Bahnbrechende neue diagnostische Verfahren in der Radiologie, in der Neurophysiologie, der Ultraschalldiagnostik und der Labormedizin ermöglichten neue therapeutische Ansätze. Der erste Röntgen-Computer wurde 1980 installiert, die digitale Subtraktions-Angiographie 1989 und das erste MRT-Gerät 1992 (Kernspintomograph). Derzeit umfasst die für eine neurologische Diagnostik essentielle Röntgenabteilung neben der digitalen Röntgenanlage, zwei Computer-Tomographen und drei MRT-Geräte (mit 1,5 und 3 Tesla Feldstärke). Röntgenbilder können direkt am Stationscomputer angeschaut werden.

Außer den Patienten mit rein neurologischen Krankheiten wurden und werden viele Patienten eingewiesen mit neuropsychiatrischer Symptomatik, wie beispielsweise somatisch nicht zu erklärender Schwindel, organisch nicht zu erklärende Schmerzen, chronische neurologisch Kranke mit psychischer Dekompensation. Deshalb wurde schon 1977 eine neuropsychiatrische Station eröffnet, um diesen Patienten mit einem speziell auf ihre Beeinträchtigung ausgerichtetem Team zu helfen. Auch wurde 1979 das heute noch bestehende Zentrum für Einzel- und Familienberatung mit Unterstützung der Stadt Seesen gegründet.

Mehr Betten notwendig

Die ständige Überbelegung der Klinik und der Fortschritt in der Rehabilitationstherapie machte eine Erweiterung der Klinik mit Betten für die neurologische Frührehabilitation und Rehabilitation nötig, zumal damit die diagnostisch-therapeutische Kette in einer Hand blieb. Dazu wurde 1994 ein umfangreicher Neubau geschaffen und über den Mitteltrakt an das Akuthaus angeschlossen. Chefarzt der Neuen Kliniken wurde Prof. Dr. Holzgraefe. Im Jahre 1995 übernahm Asklepios die Trägerschaft der Klinik.

Das war der Stand 1995. Die Klinik befand sind in einer Dekade, die angesichts der stürmischen Entwicklung auf dem Neuro-Sektor international als „Dekade des Gehirns“ deklariert wurde. Die rasante Zunahme im Wissen auch über die Pathophysiologie des Schlaganfalls veränderte dessen Behandlung grundlegend. Das führte notwendigerweise zur Einrichtung von Schlaganfall-Spezialstationen (Stroke units) in der Neurologie - mit gravierenden Veränderungen in der Zusammensetzung des Patientenguts und der klinischen Arbeit. Die dazu erforderlichen baulichen, apparativen und personellen Veränderungen wurden vom Krankenhausträger geschaffen. Unter der Leitung von Dr. Brodhun wurde eine Stroke unit 1998 eröffnet und von der Deutschen Schlaganfallstiftung als überregional zertifiziert. Als weiteres neues Behandlungskonzept wurde 2005 das spezielle Therapiesetting multimodale Schmerztherapie in der stationären Behandlung etabliert. Prof. Volles und die Drs. Thorwirth, Grunwald und Steuber schieden 2002 aus. Damit war das Kollegialsystem aufgelöst und Dr. Brodhun leitet die Klinik seitdem allein.

Inzwischen war ein alter Wunsch realisiert und das Stadtkrankenhaus Seesen mit seiner Regelversorgung Chirurgie und Innere Medizin von Asklepios erworben und mit der Fachklinik Schildautal unter einem gemeinsamen Dach vereint worden.

Die Nervenarztpraxis von Dr. Ruppert wurde 2012 als medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) an die Klinik angebunden. Nach Dr. Ruppert Ausscheiden übernahm dessen Aufgaben Herr Mehnen, Diplom-Psychologe und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er bleibt gleichzeitig weiterhin Oberarzt der Akutklinik für neuropsychiatrische Patienten.

Weit über die Stadtgrenzen anerkannt

Die Klinik für Neurologie und Neuropsychiatrie ist die größte Abteilung der Akut-Kliniken Schildautal und feiert in diesem Jahre ihr 40-jähriges Jubiläum. Sie ist weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt und anerkannt. Derzeit arbeiten in der Klinik sieben Fachärzte und 11 Assistenzärzte. Bisher haben rund 70 Personen dort ihre fachärztliche Weiterbildungszeit geleistet. Sieben von ihnen haben sich habilitiert, fünf davon wurden Professoren. Sieben wurden Chefärzte, weitere 22 sind als Oberärzte tätig und 38 haben sich in Praxen niedergelassen. Damit darf die Klinik für Neurologie und Neuropsychiatrie mit einiger Zufriedenheit auf die 40 Jahre zurückblicken und hoffen, dass die patientenorientierte Medizin auch in der Zukunft erhalten werden kann.