An der Modelleisenbahn vorbei zur Inklusion

Ein offenes Ohr hatte Sigmar Gabriel gestern nicht nur für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus am Kurpark, sondern auch für die Kinder, hier im Heilpädagogischen Kindergarten.

Bundestagsabgeordneter Sigmar Gabriel (SPD) besucht Lebenshilfe Bad Gandersheim-Seesen

Sigmar Gabriel fühlte sich schon pudelwohl im „Haus am Kurpark“, da hatte er gerade einmal die Türschwelle überschritten. Das lag zum einem an dem herzlichen Empfang, der dem hiesigen SPD-Direktkandidaten für die bevorstehende Bundestagswahl gestern Vormittag bereitet wurde, zum anderen aber auch an der im Foyer aufgebauten Modelleisenbahnanlage. Vor dieser gab sich Gabriel mit leuchtenden Augen als echter Experte zu erkennen. „Die H0-Spur ist aber nicht von Märklin“, stellte er fest – und Recht hatte er. Nun, Gabriels Besuch galt natürlich nicht dem Mobiliar der Einrichtung. Vielmehr wollte er sich bei seinem ersten Besuch im Haus am Kurpark ganz allgemein über die vielfältige Arbeit der Lebenshilfe Bad Gandersheim-Seesen informieren und damit nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner politischen Arbeit in Erfahrung bringen, wo der Schuh drückt. Mit dabei war auch die SPD-Landtagsabgeordnete Petra Emmerich-Kopatsch.
Bei Schnittchen und Kaffee gab zunächst der Vorsitzende der Lebenshilfe, Hans-Werner Ohlsen, einen Überblick über Entstehung und Aufgaben. Ohlsen erinnerte an die Gründung der Bundesvereinigung im Jahr 1958 durch den Holländer Tom Mutters, nach dem auch der „Tom-Mutters-Weg“ am Seesener Wohnstätten-Areal benannt ist. 1966 dann sei die hiesige Lebenshilfe aufgrund einer Eltern-Initiative entstanden, zwei Jahre später die Tagesbildungsstätte für das damalige Kreisgebiet Bad Gandersheim geschaffen worden und 1971 schließlich die Gründung der Lammetal-Werkstätten für Erwachsene mit Behinderungen nebst Bau einer Wohnstätte erfolgt.
Nicht ohne Stolz berichtete in der Runde „Lebenshilfe“-Geschäftsführer Bernward Steinkraus, dass man in den vergangenen 20 Jahren immerhin vier junge Menschen zum Abitur gebracht habe. Womit dann indirekt auch ein Thema angesprochen war, um das es an diesem Vormittag immer wieder ging – die Inklusion. Ihr Ziel: Das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen mit Beeinträchtigungen stärken, indem ihnen beispielsweise ein gleichberechtigter Zugang zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt sowie die Teilhabe am kulturellen Leben ermöglicht wird. So weit, so gut. Doch Sigmar Gabriel, selbst ausgebildeter Gymnasiallehrer, sieht auch die Probleme. „Die Inklusion von geistig behinderten oder mehrfach schwerstbehinderten Menschen auf den ohnehin schon sensiblen Bildungsbereich anzuwenden, ist – vorsichtig ausgedrückt – recht mutig“, so der SPD-Bundesvorsitzende. Die Klassen seien viel zu groß und es gebe zu wenige Pädagogen. Der individuelle Förderbedarf sei zwar das eigentliche Ziel; dieses werde aber schon im derzeitigen Regelschulbetrieb immer mehr aus den Augen verloren.
Im weiteren Verlauf des Treffens berichteten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den einzelnen Fachbereichen. Heidrun Wenzel (Kindergärten/Hort) beispielsweise stellte fest, dass sprachliche und emotionale Anreize für die Kinder immer weniger vorhanden seien, und die Beschäftigung seitens der Eltern mit ihnen teilweise mangelhaft ausfalle. Elke Stolze (Logopädie und Teilstationäre Kindergärten) konnte das nur bestätigen. Kommunikation und Bewegung hätten merklich nachgelassen. Das führe dazu, „dass mittlerweile schon bei Kleinkindern Hilfestellung nötig ist, damit sie sich motorisch normal entwickeln können“. Was die Sprachheiltherapie angehe, so habe man glücklicherweise ein hohe Erfolgsquote aufzuweisen. Ilona Fuchs (Offene Hilfen) schließlich berichtete über Schulassistenz, Ergotherapie und Autismuszentrum, über den Familienentlastenden Dienst und die Frühförderung. Bei letzterer werden wöchentlich 160 bis 170 in der Entwicklung verzögerte Kinder im Akter von 0 bis 6 Jahre betreut. Zahlen, die Sigmar Gabriel schon ein wenig staunen ließen. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Lebenshilfe Bad Gandersheim-Seesen, Anja Fehrmann, ging auf die nächsten Ziele zur Weiterentwicklung der Inklusion ein. Sie nannte die bevorstehende Gründung eines Familienzentrums für Eltern mit Kindern, gleich ob beeinträchtigt oder nicht, und verwies noch einmal auf den „Treffpunkt für alle“ im Bahnhofsgebäude, der viele Möglichkeiten zur Begegnung auch mit der breiten Öffentlichkeit biete.
Zum Abschluss seines Besuches startete Sigmar Gabriel noch zu einem Rundgang durchs Haus. Das Eis war hier schell gebrochen. Im Heilpädagogischen Kindergarten beispielsweise war der prominente Gast im Nullkommanichts von einer ganzen Traube quirliger Kinder umringt. Gerne nahm er sich die Zeit, um Modellautos zu bestaunen und mit dem Nachwuchs über die schellen Renner zu plaudern. Für einen Besuch in der Kurparkschule und im neuen Kneipp-Kindergarten blieb allerdings keine Zeit mehr. Gabriel musste wieder weiter in die Bundeshauptstadt. Dafür sagte er aber zu, am 1. Juni zur Einweihung des Kneipp-Kindergartens wieder vorbei zu schauen. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.