Ankommen - die ersten Monate in Tansania

In Tansania tragen die Frauen schwere Last traditionell auf dem Kopf.
 
In schicken Gewändern feiern die Kinder ihren Schuljahresabschluss.

Die Seesenerin Hannah Seidig berichtet von ihrem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst im fernen Afrika

Mzungu!!! Eine Horde von Kindern ruft und kommt wild auf uns zugestürmt als wir aus dem Taxi steigen. Sie fallen uns um die Beine und inspizieren neugierig unsere Hände und Unterarme. Die Oberschwester heißt uns auf Kiswahili im Miyuji Cheshire Home herzlich willkommen und führt uns zu unserem neuen Zuhause auf Zeit.
Drei Monate ist es jetzt her, dass wir so freudig in Dodoma empfangen wurden und wir sind im Alltag und der Arbeit angekommen.

Gemeinsam mit fünf Schwestern des St. Gemma-Galgani-Orden lebe ich mit einer anderen deutschen Freiwilligen auf dem Gelände des Heims, in dem wir auch arbeiten. Rund 35 Kinder mit ganz unterschiedlichen geistigen und körperlichen Behinderungen werden unterrichtet und wohnen hier für den Großteil des Jahres, wobei sie nach Geschlechtern getrennt in zwei großen Schlafsälen schlafen. Unsere Aufgabe besteht darin, die Kinder zusammen mit den sogenannten Mamas (Betreuerinnen) zu versorgen, zu waschen, mit ihnen zu spielen und den Tag zu verbringen.
Vormittags findet der Unterricht in drei nach Leistungsstärke aufgeteilten Klassen statt. Ich unterrichte eine kleine Gruppe von fünf älteren Schülern in Mathematik und Englisch, was anfangs aufgrund meiner noch geringen Sprachkenntnisse etwas holprig läuft. Doch die Kinder zeigen trotz all ihrer Schwierigkeiten wie gerne sie lernen wollen und wie viel Spaß sie haben, was mich ungemein motiviert. Nach und nach finden wir zusammen und die Kinder wachsen mir ans Herz. Dass sich die Arbeit lohnt, merke ich am Ende des Schuljahres: aufgeregt stehen alle an der Tafel und präsentieren auf Englisch was sie gelernt haben.
Als die Kinder während der großen Sommerferien im November nach Hause fahren, beginnen wir im nah gelegenen Krankenhaus mitzuarbeiten. Gleich am ersten Tag wird uns im Labor angeboten, den Patienten Blut abzunehmen und bei allen möglichen Blut- und Urintests, von Malaria über Salmonellen bis HIV zu assistieren. Wir machen uns bei Computerarbeiten nützlich, lernen einiges über das Spritzensetzen, Wundversorgung sowie Medikamente und ihre Einnahme und dürfen bei OPs wie Kaiserschnitten und Blinddarmentnahmen zugucken.
Während wir in der Arbeit immer weiter ankommen, entdecken wir auch das Leben hier. Ab und zu helfe ich auf dem Feld oder beim Kochen der vielen leckeren Gerichte. Ugali, ein fester Maisbrei und typischstes Gericht Tansanias, steht meistens auf dem Speiseplan zusammen mit Kohl, Erbsen oder anderem Gemüse, das teilweise auf unserem Gelände angebaut wird. Beim Einkaufsbummel in der Innenstadt können wir uns nicht satt sehen an all den schönen bunten Stoffen, aus denen sich vor allem Frauen Kleider, Röcke und Blusen nähen lassen, und bei jedem Besuch des großen Lebensmittelmarktes staune ich erneut über die exotischen Gewürze, die meterhoch gestapelten Mangos, die forschen Händler und die vielen Gerüche, die von überall auf mich einströmen.
Oft begleiten wir die Schwestern zu besonderen Gottesdiensten, Kircheinweihungen und Feiern und lernen so viele Menschen kennen, die uns alle herzlich und offen begegnen. Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben und das merke ich auch. Egal, wo wir sind, wir werden nach unserer Herkunft gefragt und eingeladen, zum Essen zu bleiben. Das Kiswahili-Wort für Gast „mgeni“ bedeutet im Übrigen auch „Fremder“. Ein Tourist, Fremder oder Ausländer ist hier also im sprachlichen Gebrauch auch immer gleichzeitig ein Gast, der willkommen geheißen wird.

Für den Seesener „Beobachter“ schreibt die 19-jährige Hannah Seidig aus Seesen über ihre Erfahrungen in Tansania. Dort leistet die Abiturientin einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Dabei ist ihr die Feststellung wichtig, dass das Projekt an dem sie teilnimmt nicht als „große Wohltat im armen Tansania“ verstanden wird, sondern eher als interkultureller Austausch und Begegnung auf Augenhöhe.
Der Begriff „Mzungu“ vom Anfang des Artikels heißt übersetzt „Weißer, Europäer“.