Arzt vor dem Kadi: Verurteilt, aber nicht vorbestraft

Durch Anlagebetrüger in monetäre Bredouille geraten / Ins zwangsversteigerte Haus eingedrungen

Seesen (G. J.). Wie bereits kurz berichtet, verurteilte das Seesener Amtsgericht einen Arzt, der sich wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Betrugsversuchs in zwei Fällen verantworten musste, zu 90 Tagessätzen à 30 Euro. Mit diesem Urteil ist der Beschuldigte allerdings nicht vorbestraft. Strafrichter Rüger, der sich dem Antrag der Staatsanwältin anschloss, blieb mit einem Tagessatz knapp unter der „Grenze“. Bevor Staatsanwältin Niessner die Anklageschrift verlas, thematisierte Rüger die finanzielle Lage des Beschuldigten, der aufgrund von Zwangspfändungen sowie laufender Unterhaltszahlungen mit gerade mal mit 980 Euro im Monat über die Runden kommen muss. In die monetäre Bredouille – seine Schuldenlast bezifferte der Mediziner auf noch 1,5 Millionen Euro – geriet der 60-Jährige durch einen betrügerischen Anlageberater. Durch diese Fehlinvestitionen habe sich der Schuldenberg aufgetürmt, meinte Jürgen F. (Name geändert, die Red). Infolge der pekuniären Schieflage kam schließlich das Haus, das sich im Besitz seiner Ex-Frau befand, „unter den Hammer“. Bei der Zwangsversteigerung bekam eine Seesener Steuerberaterin den Zuschlag: Sie ersteigerte das Anwesen – den Wert gab der Arzt mit 1,2 Millionen an – für sage und schreibe 283000 Euro – ein Schnäppchenpreis. Nach der Zwangsversteigerung, die am 23. April 2009 erfolgte, sollte die Räumung bis zum 13. Mai 2009 über die Bühne gehen. Doch der Arzt, der ohne Wohnrecht allein in dem Haus weiter lebte, machte nach Aussagen der neuen Hausbesitzerin keine Anstalten, sich dreinzufinden. Er habe sich wenig kooperativ gezeigt und immer wieder versucht, den Auszug hinauszuziehen. Auch das Entgegenkommen der neuen Eignerin fiel nicht auf fruchtbaren Boden: So bot sie dem Mann an, seinen Umzug zu bezahlen und gewährte ihm zudem noch eine Frist von einem Monat. Doch der Arzt hielt sich nicht an die getroffene Vereinbarung und zog partout nicht aus. Irgendwann riss der Geduldsfaden Beate T’s (Name geändert, die Red.): Am Tag der Übergabe des Hauses, am 22. Juni 2009, wurden die Schlüssel übergeben – und die Schlösser ausgetauscht. Vom Schlösseraustausch zeigte sich der Angeklagte abends überrascht. Er gab freilich nicht klein bei, sondern drang in das für ihn „fremde“ Haus ein: Der Arzt hebelte die Terrassentür auf und verschaffte sich so Zugang zu den Räumen. Damit war der Tatbestand des Hausfriedensbruchs und der
Sachbeschädigung erfüllt. Darüber hinaus versuchte der Angeklagte, die Einbauküche des Hauses via ebay zu veräußern. Ein „Deal“, den Beate T. per Zufall durch das Mitsteigern vereitelte. Auch der Versuch, Sauna und Gartenhäuschen „an den Mann“ zu bringen, scheiterte – nicht zuletzt auch durch das Einschreiten der Polizei. Vor Gericht beteuerte der Arzt, dass er guten Glaubens gewesen sei, Küche, Sauna und Gartenhäuschen verkaufen zu dürfen, zumal er die Sachen aus
eigener Tasche bezahlt habe. Strafrichter Rüger machte deutlich, dass diese Objekte im Zuge der Zwangversteigerung in den Besitz der neuen Eigentümerin
gegangen seien. Das hätte der Angeklagte wissen müssen.