Auf beiden Seiten viel Lernpotenzial

Von links: Hans-Werner Ohlsen, Ruth Ohlsen, Barbara Zakrzewska, Ewa Zgierski (Leiterin des Integrations-Kindergartens in Bad Gandersheim), Zbigniew Zakrzewski, Aldona Klinkosz, Rafal Klinkosz und Bernward Steinkraus: Gedankenaustausch am Rande des Jubiläums der Lammetal-Werkstätten. (Foto: Poerschke)

Schulpartnerschaft, Integration, Inklusion – Gespräche am Rande des Lammetal-Jubiläums

Seesen (poe). 40 Jahre Lammetal-Werkstätten Lamspringe – es war ein Jubiläum der nicht alltäglichen Art, das jetzt gefeiert wurde. Aber nicht nur das Jubiläum dieser gemeinnützigen „Lebenshilfe“-Einrichtung stand im Mittelpunkt eines bunten Veranstaltungsreigens, galt es doch darüber hinaus, den langjährigen Geschäftsführer der Werkstätten, Lothar Hampe, in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden.
Zu den zahlreichen Gästen, die aus diesem Anlass nach Lamspringe geeilt waren, zählten unter anderem auch die Mitglieder einer vierköpfigen Delegation aus Polen, die die Partnerschule der Seesener „Kurpark-Schule“ repräsentierten; mithin die „Specjalny Osrodek Szkolno Wychowawczy“ in Borzeciczki. Sie waren auf direkte Einladung der „Lebenshilfe Bad Gandersheim-Seesen nach Seesen gekommen, um – sozusagen am „Rande“ der Feierlichkeiten – das Gespräch mit dem Vorsitzenden Hans-Werner Ohlsen, dem Geschäftsführer Bernward Steinkraus sowie vor allem mit der Koordinatorin der „Kurpark-Schule“, Diana Rohde, zu suchen.
Während man den ersten Abend des mehrtägigen Aufenthalts der Gäste – Hans-Werner Ohlsen konnte da die Direktorin der „Specjalny Osrodek Szkolno Wychowawczy“, Barbara Zakrzewska, die Stellvertretende Direktorin Aldona Klinkosz sowie die beiden Lehrkräfte Rafal Klinkosz und Zbigniew Zakrzewski willkommen heißen – zu einem eher allgemeinen Erfahrungsaustausch nutzte, war am darauffolgenden Tag eine Exkursion mit dem Ziel Stolberg angesagt. Hier stand in erster Linie das dortige Schloss im Fokus des Interesses der polnischen Delegations-Mitglieder.
Der Wunsch der Gäste, die Stadt Stolberg zu besichtigen, wurde nicht von ungefähr geäußert, zählte doch auch das Schloss in dem kleinen Kozminer Stadtteil Borzeciczki, in dem die Partnerschule vor 50 Jahren ihr Domizil fand, einst zu den Besitztümern der Grafen zu Stolberg.
In dem Kozminer Schloss werden derzeit insgesamt 91 Schülerinnen und Schüler von 38 Pädagogen unterrichtet. 56 davon sind in dem schuleigenen Internat untergebracht. In Seesen wiederum zeichnen insgesamt 13 Mitarbeiter für die Unterrichtsversorgung der 40 Schülerinnen und Schüler verantwortlich. Den im Verhältnis zu der Zahl der Schüler höheren Anteil an Lehrkräften in der polnischen Schule begründete die Stellvertretende Direktorin, Aldona Klinkosz, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass die Palette der Behinderungen der Schülerinnen und Schüler weitaus breiter gefächert sei als die der Schüler in der „Kurpark-Schule“. Und das gelte auch für die Schwere der Behinderungen sowie für ein relativ niedriges kognitives Niveau als unmittelbare Folge davon. Dennoch, so stellte man übereinstimmend fest, würde es mit Blick auf die methodisch-didaktischen Inhalte keine gravierenden Unterschiede geben.
Angesprochen wurden aber auch die Themen „Integration“ und „Inklusion“. Die polnischen Gäste äußerten sich zu der bekanntlich europaweit angestrebten (und bereits gesetzlich verankerten) Inklusion eher zurückhaltend. „Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen“, so brachte Barbara Zakrzewska die übrigens auch von deutscher Seite geäußerten Befürchtungen auf den Punkt, „laufen wir Gefahr, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrer überfordert werden und dann viele behinderte junge Menschen auf der Strecke bleiben.“
Nicht ganz so kritisch bewertete sie dagegen die Ansätze mit dem Ziel der Integration behinderter Kinder und junger Menschen in Polen. „Was die Integration betrifft, so sind wir, vor allem auch im Bereich der schulischen Kooperation, da schon weiter. Allerdings gilt auch hier, dass Integration nicht zu Lasten der Kinder gehen darf“, so Zakrzewska.
Nach ihren Worten gäbe es bereits eine Reihe von Schulen, in deren Klassen bis zu drei Schüler mit Behinderungen gemeinsam mit den anderen Schülern unterrichtet werden; und das von zwei Lehrern sowie, wenn denn nötig, von noch zusätzlichen Mitarbeitern. Obwohl die Partnerschule in Borzeciczki nicht zuletzt wohl auch vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Behinderungen der Schüler noch keine Kooperationen eingegangen ist, stießen die Erfahrungen der „Kurpark-Schule“ auf das ungeteilte Interesse der Gäste.
Einen breiten Raum in den vielen Gesprächen nahm schließlich die bestehende Schulpartnerschaft ein. Was deren Entwicklung betrifft, so verständigten sich beide Seiten darauf, auch künftig die jeweiligen Erkenntnisse in der methodisch-didaktischen Arbeit auszutauschen. Darüber hinaus wolle man den Schülerinnen und Schülern beider Schulen auch weiterhin Gelegenheit geben, Land und Leute kennenzulernen, sich mit der Sprache vertraut zu machen, Freundschaften zu schließen und sich in gegenseitiger Toleranz zu üben.
Sicher ist: Schon die ersten Begegnungen haben nach Ansicht von Aldona Klinkosz deutlich gemacht, dass „auf beiden Seiten viel Lernpotenzial vorhanden ist“. Und die Koordinatorin der „Kurpark-Schule, Diana Rohde, merkte an: „Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie junge Menschen mit Behinderungen trotz der Sprachbarrieren miteinander kommunizieren“. Nach ihren Worten ein Beweis dafür, dass Sprache nicht unbedingt ein Mittel der Verständigung sein muss. Vor allem Kinder und Jugendliche seien da viel unbefangener.
Dem weiteren Ausbau der Schülerbegegnung, aber auch den sie ergänzenden Angeboten dürfte somit nichts im Wege stehen. Bereits in den ersten Adventstagen werden nämlich eine Gruppe von Schülern der „Kurpark-Schule“ und deren Begleiter eine Woche lang Gäs­te der „Specjalny Osrodek Szkolno Wychowawczy“ sein, um dort gemeinsame Aktivitäten freizusetzen, die dann ganz auf die Vorweihnachtszeit zugeschnitten sind.