Auf der Spur

Martin Stützer

Wort zum Sonntag

In den letzten Tagen wurde die Shell-Jugendstudie 2010 veröffentlicht. Diese Studie, seit 1953 in regelmäßigen Abständen durchgeführt, dokumentiert Stimmungen, Sichtweisen und Erwartungen von Jugendlichen in Deutschland. Im Klappentext zur neuesten Studie heißt es: „Die heutige junge Generation in Deutschland bleibt zuversichtlich: Sie lässt sich weder durch die Wirtschaftskrise noch durch die unsicher gewordenen Berufsverläufe und Perspektiven von ihrer optimistischen Grundhaltung abbringen. Mit den Herausforderungen in Alltag, Beruf und Gesellschaft gehen Jugendliche auch weiterhin pragmatisch um.“
Eine junge Generation also, die tatkräftig anpackt, wo es um ihre eigene Zukunft, ihre eigene Entwicklung geht. Eine Generation, die zwar Respekt, aber keine Angst für Veränderungen und biografische Brüche hat. Eine Generation, die ihren Weg gehen wird, ganz sicher.
Nachdenklich stimmt, dass auch die Shell-Studie das bestätigt, was wir spätestens seit der Pisa-Schulstudie wissen: Ganz entscheidend für die Zukunftschancen eines jungen Menschen sind seine soziale Herkunft und seine Schulbildung. Hier werden die Grundlagen gelegt für den späteren beruflichen Weg, für den Platz in der Gesellschaft und die Fähigkeit, sich auf Veränderungen einzustellen. Wie wichtig ist es, dass wir in dieser Diskussion endlich zu zukunftsweisenden Lösungen kommen!
Vielen Jugendlichen ist heute aber auch die Gesellschaft, die Familie, der Freundeskreis wichtig. Ein Engagement in Gruppen und Kreisen, der Einsatz für die Umwelt und so vieles mehr, was unser Zusammenleben prägt und gestaltet, gehört fast selbstverständlich dazu. Mag auch die Form der Beteiligung eine andere geworden sein – nicht mehr langfristige Mitgliedschaft, sondern Teilnahme an Projekten und Events – so ist doch der Blick für den oder die andere nicht verschwunden.
Was uns als christliche Kirchen vielleicht etwas traurig macht, ist die Tatsache, dass Religion neben all den anderen Faktoren, die das Leben von Jugendlichen bestimmen, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die großen Geschichten, die über Jahrtausende Menschen Halt und Sicherheit im Alltag gaben, sie scheinen nicht mehr aktuell zu sein.
Vielleicht, so denke ich mir manchmal, wenn ich an die Konfirmandinnen und Konfirmanden denke, die ich begleite, vielleicht haben wir nur verlernt, diese Geschichten richtig und passend zu erzählen. Und wenn wir sie erzählen, dann pressen wir das Gesagte allzuoft in Formen, die heute nur noch wenige Menschen verstehen oder leben können.
Dass sich Menschen, egal ob Jung oder Alt, nach etwas sehnen, das ihnen Halt und Sicherheit im Leben gibt, das ist nach wie vor so. Die Botschaft von Jesus aus Nazareth, der uns in seinem Tod am Kreuz eine unbeschreibliche Freiheit geschenkt hat, kann diesen Halt und diese Sicherheit geben – dann, wenn alles glückt und gut läuft. Und noch viel mehr dann, wenn ich am Leben zu zerbrechen drohe. Es bleibt die Frage: Wie kommt diese Botschaft bei den Menschen heute an?
Am Freitag haben sich rund 200 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus den Gemeinden unserer Propstei zum jährlichen „Konf-Cup“ getroffen – also Vertreter der Generation, die mit Religion und Glauben eigentlich wenig zu tun haben. Dem Leben Jesu waren sie auf der Spur – mit Geschichten und Aktionen, die hoffentlich viel Spaß gemacht haben. Ein moderner Weg, diese alte Geschichte lebendig zu halten und in das Leben hineinzusprechen. Es gibt viele andere. Wir brauchen den Mut, sie auszuprobieren. In unseren Gemeinden, in unseren Kreisen, in der Kirche. Sonst wird Religion in Zukunft eine noch geringere Rolle spielen als bisher. Und damit würden viele Menschen etwas ganz Entscheidendes im Leben verpassen.
Martin Stützer, Propsteijugendpfarrer