„Ausgeschildert“ – Von „Fatzkarre“ bis „Wilhelmsplatz“

Museumsleiter Dirk Stroschein präsentiert drei Nachkriegsschilder, die zurzeit in einer Vitrine in der Sonderausstellung „Museumsstücke“ im Jagdschloss zu sehen sind.

 Sonderausstellung im Städtischen Museum zeigt drei Schilder aus der Nachkriegszeit / Geschichten gesucht

Längliche Bleche von dunkelblauer Grundfarbe, teils emailliert mit weißer Schrift und weißer Begrenzungslinie; gestapelt oder in eine Wandhalterung gefächert gesteckt: So kommen sie daher und solchermaßen gelagert kann man sie finden im Magazin des Städtischen Museums.

Die Rede ist von alten Seesener Straßenschildern, die hier in derart enger und geografisch verwirrender Nachbarschaft verwahrt werden, die sie in ihrem Vorleben doch niemals teilten.
Hier liegt die Jacobsonstraße neben dem Blech der Waisenhausstraße, die Zöllnerstraße steckt unter der Ringstraße aber noch über der Wilhelmshöherstraße. In ihrer „aktiven“ Zeit hingen sie einzeln über die ganze Stadt verteilt an Pfählen oder Hausfassaden und zeigten dem Ortsunkundigen das rechte Ziel an.
Dass Straßen und Wege eine Bezeichnung trugen, war schon lange der Fall, bevor man diese Namen dann auch in Schildform öffentlich auszeichnete. Schwierig ist die Frage zu beantworten, seit wann es in Seesen die ersten Straßennamen gab. Eine schleichende Entwicklung von der umgangssprachlichen Benennung über gewohnheitsmäßige Einbürgerung bis hin zur offiziellen Namensgebung ist wahrscheinlich. Auch wird die für lange Zeit doch überschaubare Größe des Seesener Stadtgebietes einen Bedarf nicht beschleunigt haben. Und manche der Bezeichnungen überlieferten sich bis heute lediglich ungeschrieben und blieben damit sprichwörtlich in aller Munde wie „Fatzkarre“ für die „Kleine Reihe“ und „Pisswinkel“ für die „Kniestraße“.
Vergleichbar den Siedlungs- und Flurnamen gründet die verschriftlichte Kennzeichnung in den ersten Dokumenten der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte: Besitzwechsel und Verwaltung von Häusern, Höfen und Ländereien verlangten eine nachvollziehbar beschriebene Ortung. Straßen, besonders die Fern- und Handelsstraßen erhielten ihre Namen dann nach dem „Woher“ beziehungsweise „Wohin“. Heute noch im Stadtgebiet gültige Namen wie „Frankfurter Straße“ oder „Thüringer Straße“ zeigen diesen Ursprung als Fernstraße an. Für das nähere „Woher“ und „Wohin“ folgen die „Seesener Straße“ in Bornhausen oder die „Engelader Straße“ in Seesen demselben Prinzip.

Seesen hat heute über 150 Straßen

Auf Seesener Grundrissen und Stadtplänen erscheinen Straßennamen verlässlich ab dem 19. Jahrhundert. Mit dem Wachstum der Stadt wuchs auch die Anzahl der Straßen, die es zu benennen galt. Zum Vergleich: Im Adressbuch aus dem Jahr 1910 werden 37 Seesener Straßen namentlich aufgeführt; heute zählt die Stadt über 150 Straßen.
In den Zeitläufen änderten sich auch Prinzipien und Moden der Straßenbenennung: Namen wie „Gartenstraße“, „Wallstraße“, „Hinter der Kirche“, „Poststraße“ und „Am Schulplatz“ geben das unmittelbare lokale Umfeld wieder; ganz anders die Benennung nach Personen, die sich in den frühen Jahren besonders auf monarchische Herrscher und politische Führungsfiguren konzentriert. Beispiele dafür in Seesen sind der „Wilhelmsplatz“ und die „Bismarckstraße“.
Dass die Benennung von Straßen nach diesem Muster irgendwann selbst zum Politikum werden kann, konnte man zu allen Zeiten verfolgen und ist gerade in den letzten Jahren wiederkehrendes Thema auch von Berichterstattung in den Medien. So kam es auch in Seesen in politisch-systemisch wechselnden Zeiten zu Umbenennungen und Rückbenennungen. Im Dritten Reich wurden die „Jacobsonstraße“ zur „Adolf-Hitler-Straße“ und die „Waisenhausstraße“ zur „Straße der SA“. Ein Beispiel aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist eben jener „Wilhelmsplatz“, der zunächst unter „August-Bebel-Platz“ firmierte, bevor er nach einigen Jahren seinen alten Namen zurückerhielt. Ebenso erging es der „Bergstraße“, die zeitweise nach dem SPD-Minister Dr. Rudolf Breitscheid benannt war.
Der nach dem Krieg nach Friedrich Ebert benannte Platz an der Poststraße erhielt Ende der 1940er Jahre nicht nur ein neues Denkmal sondern auch einen an dieses angelehnten Namen: Jasperplatz.

Besucher können eigene „Straßengeschichte“ erzählen

Diese drei Nachkriegsschilder sind zurzeit in einer Vitrine in der Sonderausstellung „Museumsstücke“ im Jagdschloss zu sehen und sollen beispielhaft Fragen aufwerfen. Die Besucher – aus der Kernstadt wie auch den Ortsteilen – sind gefragt und aufgefordert, ihre eigene „Straßengeschichte“ zur Ausstellung beizusteuern und die dokumentierte Stadtgeschichte zu bereichern. Interessant für Museumsleiter Dirk Stroschein sind folgende Fragen: Können Sie auch Geschichten oder Ereignisse aus ihrer Straße erzählen? Von Straßenfesten und Festumzügen? Oder von Umbauarbeiten? Kennen Sie Spitznamen oder umgangssprachliche Straßen- oder Ortsbezeichnungen? Waren Sie selbst einmal von einer Umbenennung betroffen (zum Beispiel bei der Eingemeindung der Ortsteile in den 1970er Jahren)? Oder waren Sie beteiligt an der Auswahl neuer Straßennamen in Neubaugebieten (zum Beispiel als Ortsrats- oder Ratsmitglied)? Und: Besitzen Sie alte Adressbücher, Straßenverzeichnisse, Fotos oder Postkarten ihrer Straße? Dann schauen Sie doch einfach einmal im Museum vorbei, wirbt Dirk Stroschein.
Die Öffnungszeiten des Museums sind von Dienstag bis Freitag jeweils von 11 bis 17 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag in der Zeit von 14 bis 17 Uhr.