Ausstellung über Todesmärsche in der Seesener Oberschule eröffnet

Dr. Wagner im Gespräch mit dem Publikum. (Foto: Fassl)

„Zwischen Harz und Heide – Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945“

Die Oberschule Seesen hatte zur Eröffnung der zeitgeschichtlichen Wanderausstellung „Zwischen Harz und Heide – Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945“ eingeladen. V

iktoria Ibenthal begleitete den Abend musikalisch und stimmte am Steinway-Flügel das Thema an: „Als ich fortging“ (Dirk Michaelis), später erinnerte sie mit Hannes Wader an „Schon so lang“.
Schulleiterin Annegret Tuchtfeld begrüßte als Gäste unter anderem Bürgermeister Erik Homann, als Vertreter des Landkreises den Fachdienstleiter Christian Friedrich sowie als Referenten Dr. Regine Heubaum (stellv. Leiterin der KZ-Gedenkstätte-Mittelbau-Dora) und Dr. Jens-Christian Wagner (Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen). Die Schulleiterin hatte dabei auch die Impulse des Geschichtslehrers Dr. Thomas Droste hervorgehoben, welche die Arbeit an der Thematik und die aktuelle Ausstellung ermöglicht hätten.
Erik Homann betonte in seinem Grußwort die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem „nahe“ liegenden Thema und erinnerte noch einmal an die Auszeichnung der Schule mit dem „Schülerfriedenspreis“. Christian Friedrich wertete die Ausstellung als eindrucksvoll und bekräftigte, wie sehr gegen Kriegsende die deutsche Bevölkerung „Augenzeuge“ der NS-Greuel, teilweise auch beteiligt gewesen sei. Für die jungen Generationen heute ginge es um Verantwortung vor der Geschichte und er differenziert: „Verantwortung heißt nicht Schuld.“
Dr. Thomas Droste erinnerte an die Unterrichtsprojekte der vergangenen Jahre; er spannte einen Bogen vom Besuch des KZ Dora, über die Schülerfahrten nach Auschwitz, von Zeitzeugengesprächen (u. a. jüngst mit Sally Perel) bis hin zu den mahnenden Leitbaken bei Bad Grund, bis Münchehof und zur Stolperstein-Patenschaft der Oberschule für Gerhard Julius Hamm aus Seesen. Im Internet sei vor ein paar Tagen ein Foto des jungen Opfers entdeckt worden, sodass jetzt der Name auf dem Stolperstein auch ein „Gesicht“ bekommen habe.
In den Referaten der Gedenkstättenleiter illustrieren Fakten, Daten und Zahlen die „Kriegsendphasenverbrechen“. Dr. Regine Heubaum sieht die Perspektive aus Richtung Lagerauflösung, nennt die Zahl von 40.000 in die Todesmärsche getriebenen Häftlinge, weist auf das ziellose Umherirren und das Massaker von Gardelegen hin, auf die Fußmärsche über den Harz, die „Endstation“ Münchehof, das anonyme Verscharren der Opfer. Und wieder wird für Seesen die erfahrbare Nähe thematisiert.
Dr. Jens-Christian Wagner beschreibt die Situation des von Transportzügen überquellenden, ohnehin schon überfüllten Lagers Bergen-Belsen. Er nennt die Zahl von einer Viertelmillion Toten, die nicht in das eigentliche „Kapitel des Holocaust“ einzuordnen seien. Er nennt die propagandistisch geschürte Angst der Bevölkerung, die die KZ-Insassen als „gefährliche Fremde“ wahrgenommen hätten. Er weist auf die Multiperspektivität der Ausstellung hin und hebt noch einmal auf die „Nähe“ ab, als er das „Schlandmal“ in Münchehof als seinen Lieblingsgedenkstein bezeichnet.
Die Ausstellung im Schulgebäude ist in mehrfacher Hinsicht sehens- und hörenswert. Videostationen lassen Zeitzeugen zu Wort kommen, Texttafeln zeugen von Daten und Fakten und Häftlingszeichnungen erläutern Seelenzustände, dokumentieren aber auch Nichtfotografierbares aus jenen Tagen. Ein sehr guter Katalogband ist für 14,95 Euro zu erhalten.
Die Ausstellung ist in der Oberschule im Seesener Schulzentrum, St.-Annen-Straße, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag von 9.20 bis 9.50 Uhr, Mittwoch von 14 bis 18.30 Uhr sowie am Sonnabend, 17. September, von 10 bis 14 Uhr und nach Absprache.