„Behalten tapfere Sozialdemokraten in Erinnerung“

Am 19. Februar 1945 kam Dr. Heinrich Jasper im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben. Ihm und anderen ermordeten Sozialdemokarten gedachte am Dienstag die SPD Seesen.
 
SPD-Ortsvereinsvorsitzende Michaela Meyer und Fraktionsvorsitzender Michael Conzen bei der Kranzniederlegung.

Am Dienstag jährte sich zum 68. Mal der Todestag des ermordeten Dr. Heinrich Jasper / Kranz niederlegt

Am Dienstag dieser Woche jährte sich zum 68. Mal der Todestag von Dr. Heinrich Jasper. Seesens Sozialdemokraten gedachten seiner auch in diesem Jahr mit einer Ansprache der SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Michaela Meyer, die zuvor gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden Michael Conzen einen Kranz am  Heinrich-Jasper-Platz niederlegt hatte. Dr. Heinrich Jasper kam 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben. Wie so viele andere wurde auch er im Volksfreund-Haus in Braunschweig unmenschlich miss­handelt.  
Heinrich Jasper wurde am 21. August 1875 in Dingelbe in der heutigen Gemeinde Schellerten im Landkreis Hildesheim geboren; nur wenige Jahre konnte er sich eines Elternhauses erfreuen. Sein vermögender Vater besaß in Bornhausen einen großen Wirtschaftsbetrieb.
Jasper besuchte in Hildesheim das humanistische Gymnasium und studierte „Rechts- und Staatswissenschaften“ in München, Leipzig und Berlin. Bereits im Alter von 25 Jahren promovierte er und legte die große juristische Staatsprüfung ab. In Braunschweig ließ er sich im Jahre 1901 als Rechtsanwalt nieder. 

Im ersten Weltkrieg ein einfacher Soldat

Sein besonderes Anliegen war der Aufbau von Wohlfahrts- und Fürsorgeeinrichtungen. Durch eine Erbschaft wurde er finanziell in die Lage versetzt, sich derer anzunehmen, die sich wirtschaftlich und sozial in Not befanden. Dieses Engagement führte ihn zu den Sozialdemokraten. Bereits 1903 wurde er als sozialdemokratischer Abgeordneter in das Stadtverordnetenparlament gewählt.
Während des ersten Weltkrieges stand Jasper als einfacher Soldat an der Front. 1918 holte der Braunschweigische Herzog Ernst-August diesen einfachen Soldaten aus dem Krieg zurück, da er in Heinrich Jasper einen gemäßigten Politiker sah, der das Schlimmste verhindern sollte. So war Dr. Heinrich Jasper Mitglied der Nationalversammlung von 1919/20 und wirkte an der Weimarer Verfassung mit.
In den Jahren von 1918 bis 1933 wirkte er als Fraktionsvorsitzender im Landtag, er wurde Landesminister und Ministerpräsident des Landes Braunschweig. Dann nahm der Schrecken des Nationalsozialismus seinen grausamen Verlauf. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden die Abgeordneten anderer Parteien massivsten Repressalien ausgesetzt. Sie wurden zum Austritt aus der „anders denkenden Partei“, zum Verzicht auf ihr Mandat oder auch zum Eintritt in die NSDAP gezwungen. Sie wurden misshandelt, gefoltert und ermordet.
Anlässlich der Gedenkrede im letzten Jahr war Michaela Meyer gebeten worden, auch auf den am Seesener Denkmal verewigten August Grotehenne einzugehen. Dem kam sie nun nach. Die Strukturen von SPD und KPD wurden durch die Nationalsozialisten zerschlagen. Überfallkommandos der „Hilfspolizei“ fuhren in Ortschaften des Landes Braunschweig, in denen die Arbeiterparteien bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 noch eine Mehrheit erhalten hatten. Die politischen Gegner wurden schwer miss­handelt und festgenommen. Zu einer der ersten Ortschaften in unserer Region gehörte auch Langelsheim. Am 27. März 1933 wurde Langelsheim von einem Braunschweiger SA-Rollkommando überfallen. Anhand von Aufzeichnungen wurden rund 40 Antifaschisten aus ihren Wohnungen gezerrt und in der Kegelbahn des Gasthauses Bokenmüller brutal misshandelt. August Grotehenne, Sozialdemokrat und aktiver Gewerkschafter der heutigen IG Metall, der am 15. März 1895 in Stadtoldendorf geboren wurde, war einer von denen, der überfallen wurde. Er starb am Morgen des nächsten Tages, dem 28. März 1933 in Langelsheim an den Folgen der grausamen Misshandlungen.
Fast zur gleichen Zeit, am 18. März 1933 wurde Dr. Heinrich Jasper verhaftet. Er verweigerte trotz schwerer Misshandlungen die Unterschrift für den Mandatsverzicht. Die NSDAP war nun bereits seit 1930 an der Staatsregierung beteiligt. „Schutzhaft“ bis 19. April 1933, zwei Monate später Inhaftierung im Gefängnis Rennelberg, wo er ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt bis 1935 verbleiben musste, um dann in das Konzentrationslager Dachau gebracht zu werden.
 1938 wurde er wieder freigelassen; wer und warum dies veranlasst wurde, ist nicht bekannt. Zurück in Braunschweig musste sich Heinrich Jasper täglich bei der Gestapo melden und wurde ständig überwacht. 
1944 wurde Dr. Heinrich Jasper erneut inhaftiert, wie alle sozialdemokratischen Funktionäre, die noch in Freiheit waren; als Vorwand diente das Attentat auf Adolf Hitler. Dann – durch Folter und Haft gezeichnet, wurde Dr. Heinrich Jasper ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht.
Im Zuge der Auflösung dieses Konzentrationslagers nach Bergen-Belsen verlegt, verstarb Dr. Heinrich Jasper vor 67 Jahren am 19. Februar 1945. Damit ging das Leben eines Staatsmannes von umfangreichem Wissen und einer unbestechlichen Persönlichkeit unter großen Qualen zu Ende.

Auch Heinrich Siems ein NSDAP-Opfer

Auch der Langelsheimer SPD-Landtagsabgeordnete und Gewerkschafter Heinrich Siems, dem ebenfalls an der Gedenktafel ein Eintrag gewidmet ist, wurde ein Opfer der Naziterrors – er wurde mehrfach inhaftiert, kam 1944 in das KZ Sachsenhausen und starb 1945 im KZ Bergen-Belsen. Heinrich Siems, Landarbeiter, Geschäftsführer der AOK in Langelsheim bis 1933, seit 1904 Mitglied der SPD, Bezirksleiter des dritten braunschweigischen Wahlkreises (bis 1920), 1918 Arbeiter- und Soldatenrat, 1920 bis 1933 Landtagsabgeordneter. 1933 misshandelt und in Schutzhaft: Am 16. August 1938 wegen angeblicher Wiederbegründung der SPD in Untersuchungshaft. Im Zuge der Aktion „Gewitter“ am 21. August 1944 erneut verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht, von dort als Todeskandidat im Januar nach Bergen-Belsen gebracht, wo er im Frühjahr 1945 umkam.
Michaela Meyer schloss ihre Rede mit den Worten: „Wir behalten tapfere Sozialdemokraten und edle Menschen in Erinnerung!“