Bodo Wartke beim Seesener Kulturforum

 

Zum dritten Mal schon ist der „Klavierkabarettist in Reimkultur“ Bodo Wartke zu Gast beim Seesener Kulturforum. Die Anfangsfrage ist das „was, wenn doch?“. Sie ist Erwartung, Programm und Titel des Abends.

Die Bühne zeigt ein „Wohnzimmer“, Plunder und Gemütlichkeit umgeben den Steinway-Flügel. Wartkes musikalischer Einstieg mit „Ich war noch niemals so gerührt...“ ist noch ein verhaltenes Aufwärmen, bevor sich der reimende Gesangspianist in das breite Feld seiner einfallsreichen Geschichten stürzt: „Sind Sie Bodo Wartke?“ heißt es in einem bunten Medley zwischen Sauna, Swing, Swingerclub, Edward Snowdon und Udo Jürgens.

Bodo Wartke ist nicht allein gekommen: vor der Bühne sitzt ein erwartungsfrohes „volles Haus“, hinter der Bühne wartet der „Überraschungsgast“ Melanie Haupt. Bei „Avec Plaisir“ thematisert er den Umgang mit Frauen und es entwickelt sich ein frecher Charlstontanz mit Ukulele zu einem Gesangsduett und Pas de deux. Melanie ist überhaupt eine Bereicherung des „was, wenn doch!“ und lässt weitere Highlights erwarten.

In seinen Zwischenconferencen plaudert Wartke mehrfach über die eigene Biografie: „Ich übte früher immer gerne Bach!“ Und so mündet sein „Präludium in c Moll“ treibt parodierende „Bach-Blüten“. Liebeslieder sind immer wieder Thema: „Auch wenn die Liebe geht, die Liebeslieder bleiben.“ Beim Tanzen des Blues spürt man ihn als „vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens“, aufreizend in Reimen sich entwickelnd über Fuß, Schuhs, Blues, bist Du´s, Rendevous … hin zu Desssous“. Ein Lied – im Wartezimmer erdacht – ist der Traum vom „Date mit einer wunderbaren Frau“ und pendelt perspektivisch zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Glanzlichter nach der Pause sind wieder die Szenen zusammen mit Melanie Haupt. In neu erdachten Theaterstücken des „König Ödipus“ und der „Antigone“ (nach Sophokles) bewegt sich die Handlung im Labyrinth des Minos zwischen findigem Faden und „Fadenkrampf“ („ hatte den Faden verloren!“ Melanie präsentiert den schrecklichen Minotaurus als harmlose und herzige Handpuppe in einem feurigen Stierkampf-Flamenco. Das ist eine herrliche Kampfpantomime in tänzerischer Zeitlupe. - Anschließend liest BodoWartke aus Schikaneders Libretto der „Zauberflöte“ pingelig textgenau jede Coloratur, um sie hinterher zusammen mit Mozarts Musik, der Königin der Nacht und Helene-Fischer-Einsprengseln allgemeinverständlich dem Publikum beim Kulturforum nahezubringen: „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen!“

Ernsthaft, nachdrücklich und aus Aktualitäten gewachsen ist Bodo Wartkes „Nicht in meinem Namen“ eine Auseinandersetzung mit den Taten, die weltwelt im Namen einzelner Religionen angezettelt werden. Es ist eine Klage gegen Zerstörung, Unterdrückung und Entmenschlichung, alles Dinge „die meine humanistisch aufgeklärten Gefühle verletzen“. Der kräftige Applaus des Publikums stimmt dem zu.

Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum fordert Zugaben, die alle noch einmal Höhepunkte sind, so Melanies Chanson français mit Bodos Synchronübersetzung, einer vergeblichen Annäherung auf dem Rücken des Steinway-Flügels, mit einem Anti-Insekten-Rap und Asia-Shop-Winkekatzen und – noch einmal „Zauberflöte“ - mit Papagenas Kinderlein. Es war ein Abend, der unbedingt im Gedächtnis bleiben wird.

Dr. Joachim Frassl