Bruno Jonas beim Seesener Kulturforum

28-10-2016: Die Aula beim Seesener Kulturforum war bis auf den letzten Platz gefüllt und der Bühnenraum vollgestellt mit Kartons wie im Post-Paket-Zustellungs-Lager. Eine Sokrates-Büste – allerdings mit abgeschlagener Plattnase dekoriert – auf einem Säulenstumpf neben einer Affenbüste ließ heftige philosophische Debatten erwarten, schon bevor Bruno Jonas die sati(e)rische Bühne betrat. Ein fesches schwarzes flaches Hütl ziert den Münchener Kabarettisten.

„Mal angenommen“ heißt das Programm und logisch quergedacht sind es die Pakete, die Jonas angenommen hat. Er hilft dem freundlichen „Paket-Türken“ Murat, verteilt die Pakete im Haus und glaubt an sich als „Mitmensch“. „Integration ist keine Einbahnstraße!“ Der Bayer redet vom „Deutsch sprechen“ und bleibt bei seiner Frau mit seinem „verbalen Geröll“ unverstanden.
Das Publikum besteht seinen Intelligenz- und Humortest durch einfache Befragung. Damit hebt Jonas es ab vom Politiker: „In der Politik kann es vernünftig sein, dumm zu handeln“. Damit drohe der „Totalschaden eines ganzen Volkes“.

Um den Kabarettisten in seinen „gesagten“ „Spitzfindigkeiten“ zu „verstehen“, müsse klar sein, dass seine Begriffe alle in Gänsefüßchen zu setzen sind: „Ich red´ ja nur noch in Gänsefüßchen. Ich bin ein freilaufendes Gänsefüßchen!“
Jonas´ Argumentations-Schläge sind raumgreifend, vielfältig, assoziativ, rückblickend, querschlagend, so dass er sich über seinen fliegenden Gedanken und Blättern „verzettelt“ und dem Zettel-Chaos (Hier ohne Gänsefüßchen!) in „Überspringungen“ verheddert. Vom „Neger-Regen-Palindrom“ hinterfragt er die Unterstellungs-Hinterfragung des Lobes der „Eloquenz beim Neger“. Der Begriff „Nachbar“ grenzt in „Exklusion“. Die Gauland-Boateng-Aussage wird Thema um Kontexte und Subtexte.

Befreiung nach der Pause: Bruno Jonas inszeniert ein offenes Singen mit dem Publikum. „Die Gedanken sind frei“. Mal angenommen, inzwischen nutze auch Tengelmann die Bühne als Frisch-Fisch-Zwischenlager. Doch der Albtraum zerplatzt rechtzeitig. Der Syrienkonflikt wird mit Gerhard Schröder als „Schlichter“ thematisiert. Wie sieht „Vernunft“ im Niederbayern-Modus aus? Brunos provokante Aussage „Demokratie ist nicht für alle geeignet“ perspektiviert sich auf Pegida, aber auch auf ihr Mutterland Griechenland. „Bayern“ klingt an und wird mit einem Gelächter-Sturm quittiert. Die Forderung des Sokrates nach der „Herrschaft der Weisen“ sieht aus den Augenwinkeln Xanthippe, sein streitsüchtiges Weib.

Der Kabarettist ist selbst streitbar, aber argumentativ um die herrschende Gender-Debatten, um Atommüll mit strahlender „Nachhaltigkeit“. Er vermerkt eine beachtliche „Endlagerkompetenz“ im Publikum beim Seesener Kulturforum und lenkt auf den grünen Hofreiter: „Schaut selbst aus wie ein Erlöser!“ Der Islam gehöre zu Deutschland, genau wie auch der Atheismus oder die Vernunft. Am Ende wird auch Hegel bemüht und in Reimen findet Bruno Jonas das Ende des Programms: „Ich bin ein Poetry Slammer, deshalb der Hut!“ Und schier endlos kettelt er die Verse um „hätte – hätte – Fahrradkette“.

Das Ende ist noch nicht erreicht, denn ein begeistertes Publikum erklatscht sich Zugaben; zugegeben: auch ein Highlight! Bruno Jonas sagt und singt „Ade nun zur guten Nacht“ in einer herrlichen Soul-Version, ehe die Zuschauer im Normalton die Performance beenden.
Joachim Frassl