Christian Ehring beim Seesener Kulturforum

Walter Kien und seiner Mannschaft vom Seesener Kulturforum ist wieder einmal ein Kompliment zu machen: Mit sicherem Gespür gelingt es immer wieder jüngere Gardisten des Kabaretts auf die Seesener Bühne zu holen: Mit Christian Ehring und seinem aktuellen Programm „Anchorman“ war am Freitagabend erfrischend Neues zu sehen, zu hören und zu genießen.

Mehr als zwei Stunden lang konnte sich der vom Sender – wegen eines falschen Kommentars – gefeuerte Nachrichtensprecher Elmar Stelzwedel vor dem Publikum ausmähren, sich dem Psychotherapeuten widersetzen, aktuelle Nachrichten kolportieren und nebenbei auch am Steinwayflügel glänzen.

Ehring beginnt musikalisch: „Als Gott die Welt erschuf, war er noch neu im Beruf.“ Die Folge: „Die Welt ist schlecht.“ Er, Stelzwedel, wolle jetzt alle „negativen Gefühle rauslassen.“ Und so ist Ehring-Stelzwedel dann erschreckend aktuell: ISIS, al-Qaida und Moni. Moni ist privat. Das gehört nicht hierher, aber die jüngst ans Licht gekommenen Kohl-Protokolle. Kommentar zum Irak: „Uschi war schon da, aber ohne Gastgeschenk!“ Das Gas aus Russland wird gebraucht, dagegen steht der Streit mit Putin. „Ja, bitte, aber nur in den Monaten ohne R!“ Pussy Riot ist Thema ebenso wie Putins Rache. Ehring erfindet einen kathedralen Lobgesang, komponiert für das mutige Frauenkollektiv: „Heilige Jungfrau Maria – wir danken Dia – für Wladimia.“
Die Story um den gefeuerten „Anchorman“ wird zur Nebensache. Ehrings Perspektiven bringen viel wohltuend Neues, die Wortspiele sind neu, auch Kalauer sind neu erfunden. Das Lied „Sei auf der Hut“ ist bluesig unterlegt, geplante Abrechnungsgelüste an seiner ehemaligen Chefin verpuffen bei der Suche nach medienwirksamen Veröffentlichungen, sei es beim „Spiegel“, der „Bunte“-Redaktion oder bei der „Bravo“. Dr. Sommer will nicht helfen. Hüte dich, Merkel, auch dein Mann kann ein Abrechnungsbuch schreiben: „Ich bin sauer!“
Nach der Pause scheint das Kabarett-Programm zunächst in Plattitüden abzusacken, weil seit Jahren Abgedroschenes wiederholt wird: Die Lehrershaft als Parallelgesellschaft bekommt ihr – gewohntes, oft gehörtes Fett weg, danach auch die Handwerker. Diese Aspekte sollen an dieser Stelle nicht vertieft werden. Nach den paradiesischen Vorstellungen um Frühpensionierungen ist der Sprung zum deutschen Papst a. D. naheliegend. Ehring analysiert „Burnout“.

Als „bekennender Rheinländer“ entwickelt der Kabarettist einen Karnevalsschlager für die neue Sitzungsperiode: „Die Muselmänner tun nisch laachen … Komm, wir gründen in Teheran ne Karnevalsverein!“
„Je kleiner das Gehirn, desto größer das Ich. – Die Wissenschaft nennt das den Effenberg-Effekt.“ Das scheint bei der satirischen Gesprächstherapie wie ein das Programm durchwirkender roter Faden zu sein.

Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum erklatscht eine Zugabe der besonderen Art: Es ist dann keine der üblichen Grönemeyer-Parodien, die Ehring auf die Bühne bringt, sondern zusätzlich zum Knödelgesang übersetzt und analysiert er und macht den Bochumer Sänger verstehbar. Ein Genuss mit Hoffnung auf mehr, vielleicht in Zukunft wieder einmal in der Seesener Aula.
Der Künstler Ehring, ein sympatischer Typ „zum Anfassen“, sucht nach der Veranstaltung die Techniker Rainer Nagel und Friedhelm Grotjahn auf, um ihnen für den „guten Ton“ am Pult zu danken.

Joachim Frassl