Christoph Sieber – Kabarett beim Seesener Kulturforum

Die fliegenden Bälle werden rhythmisch mit Rap-Texten über politische Jonglagen begleitet.
 

Es gibt Kabarettabende, die wird man nicht so leicht vergessen. Der Abend mit Christoph Sieber beim Seesener Kulturforum wird dazu gehören.

Der Titel „Alles ist nie genug“ sagt hinreichend genug alles. Der Kabarettist verkündet schon zu Beginn im „Hexenkessel“ der Seesener Aula: „Ich bin heute auch gut drauf!“ Er hat sofort Bindung zum Publikum. Aktuell sind die Schlaglichter, die er um Genmais, um Seehofer-Maut, Sozialtouristen und den „Rassismus gegen Arme“ setzt, sie sind witzig, ironisch, ätzend satirisch und enttarnen die Erscheinungsbilder der Realität: „Arm“ bedeute „kriminell“ , bemerkenswert sei aber: „Nur ganz wenige Hartz-IV-Empfänger haben Steuern hinterzogen!“

Die Leitsätze zwischen den Passagen sind ernst, da gibt es nichts mehr zu lachen: „Eine Demokratie braucht immer eine starke Opposition, weil sie sonst der Diktatur immer näher kommt.“ Die jetzt so „familienfreundliche“ Bundeswehr, das „Desinteresse der Kanzlerin an Politik“ und „Guttenberg, der größte Blender seit der Erfindung der Taschenlampe“ sind bislang ungehörte und unerhörte Charakterisierungen. „Die Kaffeemaschine hatte früher nur einen Knopf, jetzt gibt es überall Knöpfchen, damit wir glauben, wir könnten mitbestimmen.“ - „Wozu brauchen wir ein unterwassertaugliches iPad?“
Christoph Sieber verbindet zwar auf der Bühne politisches Kabarett mit Comedy-Elementen ohne Klamauk, aber das Kabarett dominiert eindeutig. Es ist seine Wortakrobatik, die sich mit Jonglage verbindet. Die fliegenden Bälle werden rhythmisch mit Rap-Texten über politische Jonglagen unterlegt und die Szenarien seiner Erzählungen überzeugend pantomimisch begleitet. Er ist humoriger Entertainer („Junge, hast du dir auch eine frische Unterhose angezogen?“) und gleichzeitig ernsthafter Prediger („Würde hängt vom Geldbeutel ab!“), spritziger Wortsetzer und Wortdreher, Tänzer, Rapper, Vorleser („Schienenersatzverkehr“), Gedichtler („Poetry Slam“), Pantomime, Schuhplattler („Holzhackerbuam“), geistreicher Schalk und Slapstick-Genießer. Man merkt ihm die Freude am eigenen Programm an.

Sieber hat die Lacher auf seiner Seite, wenn er im Seesener Schulzentrum über den schweren Stand der Pädagogen von heute berichtet: „Die Lehrer stehen heute schon am ersten Schultag vor einer rotzfrechen Menge! Und das sind nur die Eltern!“

Der Kabarettist führt einen Feldzug gegen das „Meer der Gleichgültigkeit“. „Das wichtigste Gefühl, was der Gesellschaft abhanden gekommen ist, ist der Zorn.“ Also übt Sieber mit dem Publikum, und höre: „Aus der Jahrhunderthalle in Seesen geht ein Urschrei aus gegen den medialen Dreck, der uns blind macht.“

Sportlich aktuell ist Sieber am Ende neben den Auslassungen über 120kg-Weihnachtsspeckler beim „Breitensport“ („Sport beim Doping!“), eine Zeitlupen-Pantomime führt in das Wimbledon des Boris Becker und schließlich nach Sotschi in den Eiskanal der Rodler, jenen latexeingeengten Sportlern als „Deutschländerwürstchen“.

Das Publikum beim Seesener Kulturforum feiert den Künstler begeistert und Christoph Sieber kommt um Zugaben nicht herum. Er führt die Zuschauer in einen katholischen vorweihnachtlich getrimmten Kindergarten, in ein Hinterwald-Szenario von Jubelchor, Metzger-Orgelpfeifen, hängendem Engel („Vom Himmel hoch...“), einem Nikolaus auf rostigen Rollschuhen … Das sind Siebersche Kindheitserinnerungen, in denen auch noch einmal die frische Unterhose zu Wort kommt.

Herrlich war es! Sieber hat alles gegeben, aber „alles ist nie genug!“

Joachim Frassl