Clown Pic beim Seesener Kulturforum

 

Nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten ist der Clown Pic wieder einmal als Gast beim Seesener Kulturforum zu sehen gewesen.

„Der Schlüssel“ heißt sein aktuelles Programm und der Sinne erschließt sich schrittweise. Es ist zwar einmal der verlorene Schlüssel zum Ferienhaus im schottischen Hochland, aber übergreifend mehr ist gemeint der „Schlüssel zum Humor“. Es ist der Humor, der sich hinter den Menschentypen verbirgt, aber erst durch die begeisternd guten Masken sinnfällig wird, und der Humor ist immer wieder mit tragischen Elementen gemischt. Es ist poetische Kunst, eher im Zirkus als im Theater.

Es ist ein Abend der ganz leisen Töne (auch der dezent illustrierenden Hintergrundmusik), zwischen rein pantomimischen Szenen und zart sprechenden. Der Zuschauer darf nicht auf die Pointen des Darstellenden warten, sondern er muss sich einlassen in die große Bandbreite der sichtbar werdenden Gefühle.

In der ersten Szene mit roter Bank und vor rotem Theatereingang (zum Kulturforum!) führt Pic die späten Nachzügler vor: Die ältliche Frau in Rot mit dem Klopapierbeutel, den weißmaskig Neugierigen im grauen Anzug mit der aktuellen Eintrittskarte, den Griesgram, die hoch- und spitznäsige Dame mit Handtäschchen, die Schlägermütze, den Stehohrigen, der kompakt an Franz Josef Str. erinnert. In Sekundenschnelle wechselt Pic hinter dem „Eingangs“-Paravent die Masken und die Kleidungsassessoirs. Immer wieder entschwinden die Ankommenden treppab im Untergrund des Bühnenbodens.

Der junge Mann auf der Parkbank lernt „Englisch für Anfänger“. Er konversiert mit der netten CD-Stimme, spricht nach und ergänzt „one – two – three…“ „In the moment I am in Siesen“. Es ist ein wahrhaftiges blind date, bei dem er sich in die Englischlehrerin Jean verliebt.

Pic ist ein Clown ohne Klamauk. Die Pointen kommen unerwartet, Blumen welken, der Bart wächst nach kurzem Schlaf. Die Biologie-Schautafel zeigt „the hen“. Die Modelle sind skurril: die Henne Sophia, sowie auch der Fisch Frederick und schließlich („and later“) bleiben ein Brathuhn und Fisch in Dose. Die Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach lässt den Clown wieder einmal tanzen, mit zwei Steinen in der Hand. Der Schöpfungshöhepunkt ist der Mensch. Die begleitende Klezmer-Musik ist begleitender Spirit im Sinne eines Giora Feidman.

Die nächste Szene bringt einen flüsternden, stimmlosen Pic mit absurdem Turban. Sein Alto-Saxophon gibt ihm wieder die Stimme, jetzt geradlinig und ungeschminkt. Zwei Koffer voller Weichmasken verwandeln den Clown in fast naturalistische Typen – ganz im Gegensatz zur Anfangssequenz – und die weichen zweiten Häute entwickeln Grimassen und bewegte Physiogomien. Der Clown verkleidet sich als neuer Clown, mit zu großer Pumphose und zu kleiner Jacke. Die vielen Koffer liefern Neues oder bleiben geheimnisvoll verschlossen. Pic lässt Glocken auf einem Tablett zum melodischen Glockspiel werden.

Ein Krummhorn wird zum Gehstock, ehe es klingen darf. Pic zitiert „Die Leere von der Wiederkehr“ aus Wilhelm Buschs „Schein und Sein“: „Man fragt sich sehr, ob man nachher / Noch sagen kann: Ich bins.“ Auch das passt zur Philosophie des Clowns Pic als Pendler zwischen Welten und Illusionen. Im schottischen Moor bleibt das Haus verschlossen und der Schlüssel wird vergeblich gesucht. Die nächtliche Parkbank bleibt wie auch die Hoffnung auf morgen. Die Kleinkunst ergreift, obwohl sie auf das Wesentliche reduziert ist. Tragik schwingt überall mit – oder wird Realität, wenn am Ende, nach dem Vorspiel mit den kleinen Seifenblasen, die erwarteten ganz großen sich dem Künstler und dem Publikum beim Seesener Kulturforum verweigern. Das Publikum verabschiedet den Zauberer auf der Bühne mit herzlichem Schlussapplaus.

Joachim Frassl