Das a-capella-Konzert beim Seesener Kulturforum

„Viva Voce“ aus Ansbach präsentiert sich gewohnt frech und voller Power.
 
Die „Sechszylinder“-Herren der einst jugendlichen 90er-Jahre sind noch fünf Zylinder, aber haben nichts an Leistung verloren.

Die vokale Kunst der beiden Gesangsgruppen „Sechszylinder“ und „Viva Voce“ war jetzt wieder einmal beim Seesener Kulturforum zu genießen, diesmal im Doppelpack.

Die fünf und fünf Vokalisten brauchten kein Begleitorchester, ihre Stimmen simulieren die notwendigen Instrumente: A-capella war zwar angesagt, aber „instrumental“ mischten sich daneben und dahinter die Abgreif- und Verstärkertechniken ein, damit eine vokale Base Drum auch kehlkopfgenau abgegriffen herüber kommt.

Die „Sechszylinder“ sind inzwischen nur noch zu fünft. Wer sie von früher kennt – und das sind viele der Besucher im Saal – meint, ohne Mikrophonverstärkung klangen sie früher auch schön! Die Herren der einst jugendlichen 90er-Jahre sind stimmlich enger zusammen gerückt, seit die sechste, die Falsettstimme, nicht mehr dabei ist. Geblieben sind: Henrik Leidreiter (Bass), Winne Voget (Bariton/Alt), Jos Gerritschen (Bariton), Thomas Michaelis (Bariton/Alt) und Roland Busch (Tenor).

„H´mm!-H´mm!-H´mm!“ ist ein rockig-scharfer Background für Jos Gerritschen und als Verstärkertest zu Beginn laut. Haushaltstipps werden beim „Abtau´n Girl“ (Uptown Girl) gegeben. Ironische Selbstbespiegelungen und liebenswerte Einblicke in ein eher miefiges Westfalen („Du fängst den Wind niemals ein“), in die steinige heimatliche Architektur („Sandstein-Reggae“ anstatt sunshine) und mit einer ballettösen Gruppendressur zur „Symphonie der Hengste“ geben sympatischen Unernst. Die Udo-Jürgens-Parodie („Frankfurter Kranz“ statt griechischem Wein) wird zur Hommage an den jüngst verstorbenen Künstler.
Im Wechsel mit den Herren der „Sechszylinder“ präsentiert sich die a-capella Boyband von „Viva Voce“ aus Ansbach frech und stimmlich extrem zwischen Bel-Canto-Tenor David Lugert („La donna è mobile“) und Subbass-Tiefen – gesungen, wie gestrichen und wie gezupft – von Heiko Benjes, vom grooving boy und stimmlichem Drummer Jörg Schwartzmanns, über „Mate“ (Mateusz Phoutavong, Bariton) hin zu Basti Hupfer (Tenor). Kurz gesagt: Fünf „Ego“s, wie das Programm verspricht. Während im Vordergrund große Oper angesagt ist, drängt sich aus dem Hintergrund kräftiger Theaterdonner nach vorn. Neben Rap-Gesang und Arie ist „atemlos“ eine Fischerin (Bastian) zu hören. Lyrisch polyphone musikalische Gebilde erzählen von einem „Sommerabend in Marseille“. Zu Davids „O Sole Mio“ (mit Mandolinen-Klang begleitet) entspinnt sich ein heftiger Wettstreit mit der rockigen Schlagerversion der End-Fünfziger-Jahre.
Nach der Pause bringen die „Sechszylinder“ auch Ohrwürmer, die fest mit dem Namen der Gruppe verbunden sind: Dazu gehört das Gruppen-Jodel-Stück „Auf Wiedersehen in Garmisch-Partenkirchen“. Jos singt – unverständlich für die Kollegen – ein „holländisches“ Lied „in seiner Muttersprache“, ein Lied, das dem Publikum im Saal der Aula nur reichlich „spanisch“ vorkommen kann. Ein vielstimmig gefühlvoll harmonisch eng gesetzter Gesang ist der Abgesang der Zylinder am Ende des zweiten Sets und erinnert an die Zeit, da die Herren selbst noch Boy-Group waren. Insgesamt beschreiben die singenden Westfalen ihre Performance im Internet selbst als „mal anrührend und begeisternd, mal erfrischend oder entspannend, mal intelligent oder auch schön doof.
6-Zylinder sind eben vielseitig.“ Recht haben sie in allem.
Die Gruppe „Viva Voce“ wird am Ende ruhiger und ernster. Dem „Ego“ werden „The United States of Eurasia“ gegenüber gesetzt, mit der Hoffnung auf Frieden in der Zukunft. Arabisch-musikalische Klänge schwingen mit. Ihr Schlussakkord ist – wie bei den „Sechszylindern“ – klarster harmonischer Hauch eines begeisternden Quintetts.
Das Publikum beim Seesener Kulturforum erkämpft die fälligen Zugaben: Viva Voce bedankt sich mit einem 90er-Jahre Medley. Trotz der drohenden Ankündigung des „Mischen Impossible“ steht zum Abschluss des Abends ein Dezett auf der Bühne, das, angeführt von Jos Gerritschen, „When The Night is Gone“ gemeinsam intoniert. Danach – zusammen mit dem vollen Haus – heißt es singend „Stand by Me“.

Joachim Frassl