„Das Ende einer funktionsfähigen Innenstadt“

Roland Gottlewski (Edeka-Gruppe Südniedersachsen), Klaus Berghöfer (Edeka-Center), Bäckerei- und Cafébetreiber Carsten Brieske (Café Sieben Türme) und Heinz-Dieter Trager (Markthaus) wehren sich gegen eine Neuansiedlung eines KaufLand-Verbrauchermarktes in Seesen.
 
Zur Informationsveranstaltung im „Alten Fritz“ waren am Donnerstagabend rund 80 Interessierte gekommen – darunter zahlreiche Vertreter der Innenstadt, aber auch einige Ratsvertreter. Der mögliche Verkauf des Seesener Schützenplatzes wurde dabei kritisch betrachtet.

Gewerbetreibende wollen Verkauf des Seesener Schützenplatzes mit allen Mitteln verhindern

Innenstadt oder Kaufland – das ist hier die Frage. Frei nach Shakespeare konnte der geneigte Zuhörer am Donnerstagabend die Diskussion um einen möglichen Verkauf des Seesener Schützenplatzes verfolgen und am Ende für sich bewerten. Zu einem entsprechenden Informationsabend hatten Café-Betreiber Carsten Brieske und Klaus Berghöfer vom EDEKA-Markt eingeladen. Sie machten deutlich, dass sie sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Ansiedlung eines Verbrauchermarktes KaufLand auf dem Schützenplatz wehren.
Diese hätte erhebliche negative Auswirkungen auf die Seesener Innenstadt. „Da es die Politik der Stadt bisher nicht für nötig erachtet hat, alle Händler und Gewerbetreibende in die Entscheidungsprozesse mit einzubinden, ist es an der Zeit, dass wir uns Gehör verschaffen“, hieß es bereits kampfeslustig in der Einladung. Zahlreiche Geschäftsinhaber, Gewerbetreibende und Immobilienbesitzer der Seesener Innenstadt kamen der Einladung nach, und im „Alten Fritz“ war kaum mehr ein freier Stuhl zu ergattern. Rund 80 Interessierte waren gekommen und stellten damit unter Beweis, dass das Thema den Betroffenen unter den Nägeln brennt.
„Wir möchten vor allem Licht ins Dunkel bringen, denn es scheint, als sei nicht vielen klar, was eine Neuansiedlung eines KaufLandes in Seesen für gravierende Folgen hätte“, erklärte Carsten Brieske, der die Begrüßung übernommen hatte. Im weiteren Verlauf übernahm dann Klaus Berghöfer vom Edeka-Center am Wilhelmsbad die Moderation. Außerdem mit auf dem Podium saßen Roland Gottlewski als Vertreter der Edeka-Gruppe und Heinz-Dieter Trager als Manager des Markthauses Seesen. Dieser machte deutlich, dass durch die Ansiedlung eines KaufLandes nicht nur das Markthaus mit seinen 156 Mitarbeitern betroffen wäre, sondern die gesamte Innenstadt. Als Beispiel verwies er auf das benachbarte Osterode. Hier finde man im KaufLand außerhalb des eigentlichen Discounters zusätzlich ein Textilgeschäft, einen Schuhladen, eine Möbelabteilung, ein Friseurgeschäft, einen Bäcker, einen Metzger, ein Toto/Lotto-Geschäft mit Zeitschriften, einen Handyshop und eine Feinkostabteilung. „Das sind alles Geschäfte, die auch hier in der Seesener Innenstadt präsent sind“, so Trager. Sollte infolge des Verkaufs des Schützenplatzes dem Markthaus die Mieter wegbleiben, wäre das der „Tod des Hauses und damit auch das Ende einer funktionsfähigen Innenstadt“.
Die Mieter im Markthaus – allen voran Schwager und Marktkauf sowie Heinz-Dieter Trager als CenterManager hätten Bürgermeister Erik Homann bereits im Rahmen einer Verwaltungssausschuss-Sitzung die feste Zusage gegeben, auch nach dem Jahr 2020 im Markthaus zu bleiben. Daher sei es unverständlich, wenn einige Mitglieder des Rates in der Stadt Seesen „herumlaufen“ und behaupten, sie können über den Schützenplatz nicht entscheiden, weil seitens des Markthauses kein Konzept vorliege. „Entweder können diese Herren nicht zuhören, oder sie können das Gehörte geistig nicht richtig verarbeiten oder es passt nicht in ihre Vorstellungen“, echauffierte sich Trager. Und weiter: „Es unterschreibt doch heute keine Firma einen Zehn- oder 15-Jahresvertrag, wenn er nicht weiß, ob die Stadt morgen den Schützenplatz an KaufLand doch verkaufen wird.“ Ihm fehle die klare Aussage, dass der Schützenplatz nicht verkauft werde. Sollte diese Aussage kommen, dann würden die Verhandlungen geführt und dann könnten auch langfristige Verträge unterschrieben werden.
Nicht ganz so scharf formulierte es Ralf Schwager, der das Modehaus im Markthaus vertrat. „Wir möchten gerne in Seesen bleiben, auch über das Jahr 2020 hinaus, aber das Umfeld muss dazu passen“. Er forderte die Betroffenen auf, aktiv zu werden. Man müsse der Politik die Stirn bieten und die Menschen mobil machen. „Wir haben es in der Hand, aber wir müssen aktiv werden.“
Es entwickelte sich eine emotionale Diskussion, in der neben der möglichen Ansiedlung eines KaufLandes auch über das Kaufverhalten der Menschen debattiert wurde. Unternehmer Andreas Grebenstein beispielsweise warf ein, dass nicht allein KaufLand eine Bedrohung darstelle, sondern auch das Internet, das auch den Lebensmittelmärkten in den kommmenden Jahren große Konkurrenz machen werde.
Walter Kien kritisierte unverhohlen das Vorgehen der sogenannten Projektentwickler, denen der kurzfristige Profit über alles gehe. Nachhaltigkeit sei hier nicht zu erkennen. Vom eigentlichen Thema kamen die Beteiligten auch ab, als es um die Zukunft des maroden Parkhauses ging, dennoch erschien dieser Aspekt bei der Zukunft der Seesener Innenstadt nicht unbedeutend. Hier verwies Heinz-Dieter Trager darauf, dass es eine feste Zusage seitens der Verwaltungsgesellschaft in Hamburg gebe, dass das Parkhaus saniert werde und eine gute Anbindung für die Kunden des Markthauses gewährleistet sei.
Frank Hoyer ergriff das Wort aus Sicht der Verbraucher. Er bekräftigte, dass er gern in Seesen einkaufe, bemängelte aber, dass es an Vielfalt fehle und außerdem die Öffnungszeiten nicht kundenfreundlich seien. Für seinen Wortbeitrag gab es harsche Widerworte, die darin gipfelten, dass ihm vorgeschlagen wurde, dass er ja wegziehen könne, wenn ihm Seesen nicht passe. Das war dann dochh alles unsachlich und sorgte zwischendurch für unnötige Diskussion, konstruktiv ging es zu diesem Zeitpunkt eher selten zu.
Kritik hagelte es im Weiteren vor allem an der kommunalen Politik, die zwischenzeitlich sogar – wenn auch nicht in vollkommenem Ernst – als Kamele bezeichnet wurden. Rudolf Götz, Fraktionsvorsistzender der CDU/FDP-Gruppe, eigentlich nur gekommen, um sich zu informieren, ergriff daher im Verlauf der Zusammenkunft das Wort, auch um einige Dinge klarzustellen.
So machte er deutlich, dass eine Entscheidung für einen Verkauf des Schüzenplatzes überhaupt noch nicht gefallen sei. Man wolle keine Entscheidung gegen die Innenstadt fällen. Auf der anderen Seite machte er deutlich, dass man seitens des Markthauses schon eine Zusage (Götz: „Wir brauchen einen „Letter of intent!“) erwarte, auch über das Jahr 2020 in Seesen zu bleiben.
Später wurde Götz dann noch deutlicher. Er persönlich werde sich, nach allem was er gehört habe, gegen einen Verkauf des Schützenplatzes aussprechen. Klar, dass das Gros der Anwesenden diese Aussage mit Freude zur Kenntnis nahm. Auch Ratsfrau Kerstin Probst (CDU) ergriff das Wort. Sie wundere sich ein wenig über die Tonaltität, die teilweise angeschlagen wurde gegenüber der Politik. Das sei höchst unfair. Sie unterstrich ebenfalls noch einmal, dass ihre Fraktion erst in ihrer Gruppensitzung am 28. Juli über das Thema entscheiden werde. Die CDU/FDP-Gruppe stehe zu ihrer Zusage, weitgehende Veränderungen nicht ohne den Einzelhandel an dieser Straße auf den Weg zu bringen.
Und dieser hat sich am Donnerstagabend deutlich Luft verschafft und klar gemacht, dass es nur ein „Entweder-oder“ geben wird. Eine gemeinsame Zukunft von Innenstadt und KaufLand werde es mit dem Seesener Einzelhandel sicherlich nicht geben.
Das Ergebniss von Donnerstagabend könnte weitere Planungen bereits über den Haufen werfen. Bekanntlich hoffen derzeit drei Investoren respektive Projektplaner darauf, dass die Stadt Seesen dem Verkauf zustimmt, und an der Stelle des Schützenplatzareals ein KaufLand-Verbrauchermarkt eröffnen kann.
Alle drei Anbieter hatten unabhängig voneinander Angebote von jeweils mehr als zwei Millionen Euro abgegeben. „Wir werden nichts unternehmen, was der Innenstadt schadet“, hatte aber auch Bürgermeister Erik Homann bereits vor Wochen durchblicken lassen. Gleichwohl müsse man alle Möglichkeiten überprüfen. Ein Einzelhandelsgutachten sollte unter anderem darüber Aufschluss geben, ob ein KaufLand für Seesen sinnvoll wäre oder nicht. Rudolf Götz machte zum Ende der Diskussion deutluch, dass ein solches Gutachten nur dann Sinn ergebe, wenn denn ein Verkauf des Schützenplatzes überhaupt noch in Erwägung gezogen wird. Sonst könne man sich weiteres Theater sparen.
Die Innenstadt will jetzt mit weiteren Aktionen aktiv werden – beispielsweise mit einer Plakat- und Unterschriftenaktion. Der Widerstand wird bleiben, soviel scheint sicher. Nun liegt es an der Politik bei aller Emontionalität die für Seesen richtige Entscheidung zu treffen. Für die Gewerbetreibenden der Seesener Innenstadt stellt sich dieses Frage schon längst nicht mehr. Sie werden den Verkauf des Schützenplatzes verhinden wollen. Das war am Donnerstag die unmissverständliche Botschaft.