Den Opfern einen Namen geben

Ein Davidsstern aus Teelichtern erinnerte an das Verbrechen an den Juden.
 
Die Schüler erinnerten stellvertretend für die über sechs Millionen Juden, die während des Holocausts umkamen, an sechs ehemalige Jacobson-Gymnasiasten, die in Konzentrationslagern ermordert wurden.

Gedenken an die Pogromnacht am Jacobson-Gymnasium

Besonders die Fünftklässler zeigten sich beeindruckt, war es doch ihre erste Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am Jacobson-Gymnasium Seesen. Im Pädagogischen Zentrum, dem sonst so geschäftigen Mittelpunkt der Schule, kehrte am Freitag andächtige Stille ein, als sich dort die gesamte Schulgemeinde versammelt hatte. Anlässlich des 75. Jahrestages wurde von Schülern und Lehrern der Nacht zum 10. November 1938 gedacht.
In seinen einleitenden Worten wies Schulleiter Stefan Bungert auf das Totenbuch der Schule hin. Darin sind die Namen von über 250 früheren Schülern verzeichnet, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Dieses Totenbuch ist das ganze Schuljahr über im Schaukasten vor der Schülerbibliothek ausgestellt und wird alljährlich für die Gedenkveranstaltung in den Mittelpunkt der Schule geholt. Auszüge daraus waren an den Säulen des Pädagogischen Zentrums angebracht. Organisiert wurde die Veranstaltung durch den Religionskurs der zehnten Klassen unter Leitung ihrer Lehrerin Julia Binder.
Zu Beginn informierten die Zehntklässler über die Geschehnisse der Reichspogromnacht allgemein in Deutschland und speziell in Seesen. Es ging den Schülern vor allem darum, den Opfern einen Namen zu geben. Aus diesem Grund verlasen sie stellvertretend für die über sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens, die Opfer des Holocausts wurden, sechs Namen ehemaliger Schüler der Jacobsonschule, denen in Konzentrationslagern das Leben genommen wurde.
Darunter befand sich Erich Kleeberg, der in den Jahren zwischen 1916 und 1919 Schüler der Jacobsonschule war. Er wurde am 5. Februar 1945 nach Neuengamme deportiert und zwei Monate später in Sandbostel ermordet. Es stellte eine besondere Ehre für das Jacobson-Gymnasium Seesen dar, dass dessen Tochter Ruth Gröne bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung anwesend war.
Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung gab es für einige Schüler die Gelegenheit im kleinen Kreis mit Ruth Gröne über ihre Erfahrungen als Zeitzeugin zu sprechen. Für ihren Vater und die fünf anderen ehemaligen Schüler der Jacobsonschule wurden vor der Bühne im Pädagogischen Zentrum sechs Kerzen angezündet, die in Form des Davidsterns angeordnet waren.
Im Anschluss daran trugen einige Zehntklässler selbstverfasste Gedichte zum Thema „Erinnerung“ vor. In einem dieser Gedichte heißt es in Bezug auf die vielen brennenden Synagogen: „Trotzdem ist so dunkel die Nacht – während dieser Demonstration der Macht – Es wurde so viel Gewalt losgelassen – dieses hat viele Narben hinterlassen“.
Diese Narben des Holocausts wurden auch im abschließenden jüdischen Totengebet deutlich, welches durch die Schüler des Religionskurses im Chor gesprochen wurde. Zum Abschluss forderten sie Schüler- und Lehrerschaft auf, einen solchen Hass nie wieder zu zulassen. Im kleinen Kreis der Klassen- und Jahrgangssprecher wurde nach der Veranstaltung am Gedenkstein vor der Schule ein Kranz zu Ehren der Opfer gemeinsam von Ruth Gröne und Moritz Weißberg, Klassensprecher der 6el, niedergelegt.
Gerade für die jüngsten Schüler des Jacobson-Gymnasiums gab es in den folgenden Unterrichtsstunden des Freitages großen Redebedarf bezüglich der Veranstaltung. Sie äußerten ihre Eindrücke, stellten viele Fragen und berichteten von dem, was ihnen ihre Großeltern über diese Zeit erzählt haben. Wenn dies das Resultat einer Gedenkveranstaltung ist, dann hat sie ihr Ziel voll und ganz erreicht. kür/uk