Der hektische Kobold ist ruhiger geworden

Matthias Richling.

Kabarettist Matthias Richling kommt beim Seesener Kulturforum gut an

Das Seesener Kulturforum hatte wieder einmal kabarettistische Spitzenklasse eingeladen: Mathias Richling versprach mit dem Titel „Der Richling Code“ komplizierte und spannende Enthüllungen. Aber was steckt hinter dem Code? Das Bühnenbild in der Seesener Aula mit einem breit gelagerten Tisch, schwarz-rot-gold-verhängt, ließ eine große politische Podiumsdiskussion erwarten. Mein Gott, welche Positionen würden dabei vom Dauer- und Allein-Diskutanten Richling, Deutschlands bestem Parodisten unter dem Kabarettisten, besetzt werden? Kurze Antwort: Mit Leichtigkeit alle!
„Ich begrüße mich herzlich in Seesen!“ Die Anfangsperspektiven sind aufs Heimatländle gerichtet: Brandschutz in Stuttgarts Fernsehturm erst nach 57 Jahren; effektivere Alternativen zu Tunnelbauten für „Stuttgart 21“, ehe die Weltpolitik mit päpstlichem Latein hereinbricht. Richling spielt Merkel bei Benedict: „Habe gehört, Sie haben gekündigt! Das ging ja ganz pontifix!“ Bei Köhler, Guttenberg, Wulff, und Schavan sei sie vorher besser informiert worden. „Jetzt bin ich die Einzige im Amt mit Unfehlbarkeitsanspruch.“ Bettina Wulff bekommt ebenfalls ihr schwäbisch-richlingsches Fett weg und der präsidiale Ehrensold wird im Lichte von Johannes Heesters bewertet.
Die zentrale Position am Diskussionstisch erhält zeitweise Joachim Gauck, der im Stile der Weihnachtsgeschichte beweist, dass in seiner Person die Trennung von Kirche und Staat überwunden sei. Er sei als Präsident der Vertreter aller Deutschen auf Erden. Bosbach, „Schnarrenberger-Leutseligkeit“, Pofalla (mit Anklängen an Theo Lingen), Merkel und Lauterbach werden dem Publikum beim Kulturforum parodistisch nähergebracht. Ganz stark schließlich ist Richlings Maischberger-Interview mit dem „Raucher“ Helmut Schmidt, der in heftigen Gedankensprüngen Nichtraucher mit Antisemiten gleichsetzt. Darwin und seine Evolutions-Theorie bezieht der Kabarettist auf die durch Selektion entstandenen Politiker. „Das Phantom der Seifenoper“ sieht er in der Gestalt von der Leyens: „Unsere Armen sollen schöner werden!“ und Merkel erhöht Hartz IV um ganze 10 Euro.
Im Laufe des pausenlosen Kabarettfeuerwerks nimmt die Bühne im Mittelgrund durch Leonardo-Kulissenteile Gestalt an: Der Podiums-Tisch verspricht „Das letzte Abendmahl“ und danach Erlösung, mit Merkels rötestem Blazer in zentraler Anstelle-Christi-Position. Das Puzzle-Bild vor dem Tisch entblättert sich zu da Vincis berühmtestem Bild, wenn auch noch kopflos. Kohl, Schröder und Öttinger sind weitere Richling-Opfer, bevor flankierende Kerzen den Tisch zum Altar werden lassen. Das Deutschland-Puzzle wird endlich freigelegt: Die „Mona Lisa“ ist eine Angela, kein Lächeln im Gesicht, aber Gelächter im Saal.
Es war das Meiste absurd komisch, tempogeladen funkensprühend und irrwitzig geistreich, was Mathias Richling dem Publikum beim Seesener Kulturforum vortrug. Der hektische schwäbische Kobold von früher ist ein wenig ruhiger geworden, allerdings bei gleichbleibendem Tempo. Das Kabarett mit ihm war ein Genuss.

Hinweis der Redaktion: Das Management des Künstlers hatte während der Veranstaltung ein Fotografierverbot ausgegeben, so dass der „Beobachter“ leider keine Bilder von dem Kabarett-Abend veröffentlichen kann.