Der lange Weg der Zerstörung

Wann? 15.05.2014 19:00 Uhr

Wo? Städtisches Museum , Wilhelmsplatz 4, 38723 Seesen DE
Ende der 30er Jahre: Synagoge und Schulgebäude als Postkartenmotiv.
Seesen: Städtisches Museum |

Der Jacobstempel in Seesen: Dr. Joachim Frassl berichtet im Städtischen Museum von „aufregender Aktensichtung“

2013 jährte sich das Datum der Reichspogromnacht zum 75. Mal. Das war Anlass genug für Dr. Joachim Frassl, die neuesten Forschungsergebnisse über die Zerstörung des Jacobs­tempels zusammenzutragen, immer noch gängig publizierte Fehler zu berichtigen und dem Braunschweigischen Geschichtsverein beziehungsweise dem Staatsarchiv in Wolfenbüttel in einem komprimierten Aufsatz zu übergeben. Im aktuellen Braunschweigischen Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 94, 2013, sind die Fakten veröffentlicht worden.

Dass die Jacobsonsche Orgel im Feuer der Reichspogromnacht vernichtet worden sei, ist noch ein geringer Fehler. Wenn man in mehreren Publikationen liest, dass der Tempel bereits im Jahre 1838 (!) von „christlichen Schülern der Jacobson-Schule zerstört worden“ (!) sei, stehen dem Historiker die Haare zu Berge. Es ist Frassls Anliegen, nicht nur diese Fehler endgültig zu korrigieren, sondern neu aufgefundene Quellen „zu Wort kommenzulassen“. Bereits im Jahr 2005 hatte er an gleicher Stelle im Museum über die Erkenntnisse aus den Akten der ehemaligen Jacobson-Schule berichtet. Jetzt stehen auch Bauamtsakten, weitere Fotos von der Brandnacht, Briefe zur Zerstörung beziehungsweise dem Abbau der Orgel und weitere Quellen aus Privatbesitz zur Verfügung. Seit 2010 bereits liegen ebenfalls in Filmszenen sichtbare Schäden an der Architektur bildhaft vor.
Die Sichtung und Auswertung der Akten war „im wahrsten Sinne aufregend“, so nennt es Joachim Frassl, zumal die Sprache in den Akten immer wieder die „lingua tertii imperii“ (Victor Klemperer), das meint: „die Sprache des 3. Reiches“ vermittelte.
Der Freundeskreis des Städtischen Museums lädt zum Vortrag in das Museum am Donnerstag, 15. Mai, um 19 Uhr ein. Bild- und Textquellen werden, so verspricht es der Autor, sehr direkt von jener Zeit berichten. „Viele Argumentationen von damals sind unerhört, drastisch und unfassbar“, so charakterisiert Joachim Frassl das Erfahrene. Er wird auch zu berichten wissen, wo der Jacobstempel heute hätte stehen können, wenn er denn, wie zeitweise in Aussicht gestellt worden, nicht abgerissen, sondern „nur“ umgesetzt worden wäre. Vielleicht in Seesen? Vielleicht in Amerika?