„Die beste Entscheidung für unsere Familie“

Mit Interesse verfolgten die Besucher den Bericht über das Elternhaus.
 
Ottfried Gericke.

Ottfried Gericke bewegt mit Rede über das Elternhaus und den Kinderkrankenpflegedienst KIMBU

Während des traditionellen Herrenabends am vergangenen Freitag in Harriehausen (der „Beobachter“ berichtete bereits) hielt Ottfried Gericke, 2. Vorsitzende der Elternhilfe, eine bewegende Rede vor den rund 180 Gästen.

,,Für unser Göttinger Elternhaus und unseren Kinderkrankenpflegedienst KIMBU war das letzte Jahr ein ganz besonderes, weil wir das 25-jährige Jubiläum des Elternhauses feiern und gleichzeitig auf 15 Jahre häusliche Pflege schwerkranker Kinder und Jugendlicher zurückblicken konnten. Wir haben uns sehr über die zahlreichen Besucher bei unserer Jubiläumsfeier und über das große Medieninteresse gefreut,“ berichtete Ottfried Gericke den Anwesenden, die sich zur Charity-Veranstaltung auf der Tenne in Harriehausen eingefunden hatten.
Im Anschluss erzählte er über die Aufgaben vom Elternhaus und von KIMBU: ,,Die Kernaufgabe ist die Betreuung und Begleitung der Familien mit schwerkranken Kindern und Jugendlichen, die in der Kinderklinik der Universitätsmedizin Göttingen behandelt werden. Im letzten Jahr haben besonders viele Eltern von onkologisch erkrankten Kindern und Jugendlichen im Elternhaus gewohnt, weil die Kinderkrebsstation von Prof. Dr. Kramm im Herbst 2012 übernommen wurde und seitdem viele Eltern ihr Kind in Göttingen behandeln lassen möchten. Auch die Arbeit von KIMBU ist im vergangenen Jahr wieder gewachsen. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist über 80 gestiegen. Trotzdem fehlen uns immer noch Fachkräfte,“ so Gericke.
Er erklärte, dass ihm einige Familien in besonderer Erinnerung geblieben sind und erzählte dann von einer Familie besonders ausführlich: ,,Wir hatten unser Elternhaus gerade erweitert und in dem Anbau zwei kleine Wohneinheiten geschaffen, als eine junge Familie mit drei kleinen Jungen von drei Monaten bis drei Jahren ins Elternhaus zog. Der Älteste war an Leukämie erkrankt. Die Familie stammte aus dem Harz. Was tun in solcher Situation?
Die Mutter schrieb später in einem Brief: „Wir haben als Familie das Elternhaus geradezu geentert. Immer wenn unser Ältester nach Göttingen musste, machte sich der gesamte Tross auf und kam nach. Mein Mann und ich teilten uns die Betreuung der Kinder. Im Nachhinein betrachtet war das die beste Entscheidung für unsere Familie. Ich schlief in der Klinik und mein Mann im Elternhaus bei den beiden Kleinen. Unser Jüngster lernte im Elternhaus laufen, der Mittlere lernte sprechen und unser Sorgenkind überlebte.“

Rückkehr nach Hause verlief nicht ohne Komplikationen

Als die Familie am 1. Mai 1998 nach überstandenem Klinikaufenthalt nach Hause zurückkehren konnte, waren alle unheimlich glücklich und freuten sich wieder auf ein normales Leben. Aber die Realität sah anders aus, weil die Mutter ohne Aufsicht und Betreuung einer psychosozialen Fachkraft mit akuten Panikattacken zu kämpfen hatte. Sie schrieb: „Alles war neu, alles so zerbrechlich und die Angst vor einem Rückfall war unendlich groß. Deshalb kam schließlich eine solche Fachkraft oft zu uns nach Hause und hat uns in vielen Gesprächen Mut gemacht und uns erklärt, dass solche Reaktionen normal sind. Sie kam auch als unser Ältester in den Kindergarten kam, um anderen Müttern die Angst zu nehmen, dass Krebs ansteckend sei. Aber auch die anderen beiden Kinder bekamen Probleme. Unser zweiter Sohn hatte mit Beginn der Schulzeit sehr große psychische Probleme, weil er von jetzt auf gleich groß werden musste. Deshalb musste er drei Jahre lang einmal in der Woche in eine psychosomatische Kindergruppe.
Der Jüngste hat sich meist sehr unauffällig verhalten. Immer wenn ein Kontrolltermin in Göttingen anstand, wurde es turbulent in unserer Familie. Keiner wollte es zugeben, aber wir hatten immer Angst vor den Ergebnissen. Aber wir können heute das Leben bejahen und feiern. Wir blicken optimistisch in die Zukunft und dankbar zurück. Dankbar für die Hilfe, die wir erhalten haben und dankbar dafür, dass es ein Haus und darin Menschen gibt, die uns liebevoll aufgenommen und unterstützt haben.“
Das alles schrieb die Mutter vor über sechs Jahren. Heute berichtet die Mutter in der neuen Ausgabe der Elternhauszeitung ,,Lichtblick“, dass Moritz, ihr Sohn der an Leukämie erkrankt war, nun sein Abiturzeugnis erhalten habe. Aus einem kleinen Jungen ist ein Mann geworden. Seine Mutter sagt, wie froh sie sei, dass sie dies erleben dürfe. Ende August fing er dann mit einer Ausbildung zum Veranstaltungstechniker in Hildesheim an. Seine Eltern sind unendlich stolz.

80 Prozent der Kinder überleben den Krebs

,,Das, was die Familie erlebt hat, ist kein Einzelfall, sondern typisch für das Familienleben nach der akuten Phase der Krebserkrankung. Im Durchschnitt überleben heute ungefähr 80 Prozent der Patienten, die im Kindes- oder Jugendalter an Krebs erkrankt waren, die Krankheit – ein großartiger Wert und ein Erfolg der Medizin der letzten Jahrzehnte“, erklärte Ottfried Gericke.
,,Mit der Gründung von KIMBU und der Einstellung einer dritten psychosozialen Fachkraft im Jahre 1998 haben wir bereits begonnen, die Familien auch nach dem stationären Aufenthalt des kranken Kindes weiterhin zu begleiten. Nur haben wir in letzter Zeit gemerkt, dass diese Unterstützung nicht ausreicht. Der Schwerpunkt der Arbeit unserer psychosozialen Fachkräfte liegt nach wie vor im Elternhaus während des stationären Aufenthaltes der Kinder. Es bleibt oft zu wenig Zeit für Hausbesuche oder Hilfestellung bei der Wiedereingliederung der Kinder in Kindergarten oder Schule. Um gezielt helfen zu können, muss zunächst bei jedem einzelnen Kind oder Jugendlichen untersucht werden, wo Beeinträchtigungen als Folge der Krebserkrankung auftreten. Da die Klinik dazu noch keine Gelder zur Verfügung hat, hat die Elternhilfe die Anschubfinanzierung übernommen. Ein weiterer Aufgabenbereich, den wir bisher ganz vernachlässigt haben, ist die Unterstützung bei der Berufsfindung. Aus anderen Städten wissen wir, dass es für ehemals an Krebs-Erkrankte nicht immer leicht ist, eine Lehr- oder eine Arbeitsstelle zu finden, weil Krebserkrankungen schockierende Spätfolgen haben können. Zum Beispiel einen Zweittumor, eine Herzerkrankung oder eine andere gesundheitliche Schädigung. Im Vorstand der Elternhilfe diskutieren wir zurzeit, in welcher Weise wir die Nachsorge verbessern können. Ein erster Schritt ist getan, indem wir für dieses Jahr eine weitere psychosoziale Fachkraft mit halber Stelle eingestellt haben“, berichtete Gericke ausführlich.
Zum Schluss dankte Ottfried Gericke den Gästen noch für die zahlreichen Spenden auch in Form eines kleinen Geschenks für die Spender – eine Kerze aus der Kerzenaktion die die Göttinger Zeitung Blick für den Verein veranstaltet hatte und eine Jubiläumszeitung ,,Lichtblick“.