„Die Frau im Mercedes bin ich!“

Bild trifft nach 53 Jahren die Abgebildete: Redakteur Rudolf A. Hillebrecht (GandersheimerKreisblatt) konnte tatsächlich eine noch lebende Person des Fotos ausfindig machen, das ein 31-jähriger Amerikaner im Frühjahr 1959 an der schweizerisch-italienischen Grenze aufnahm und dabei einen Mercedes mit GAN-Kennzeichen auf Film bannte. Die Frau im Fond des Fahrzeuges war Hannelore Pförtner. (Foto: Strache)
 
Hannelore Pförtner berichtet dem GK-Redakteur über die Fahrt in die Schweiz und nach Italien. Sie begleitete seinerzeit ihren Mann auf einer Arbeitsreise. (Foto: Strache)

Rätsel zum Bild aus dem Jahr 1959 geklärt / Seesenerin Hannelore Pförtner mit Werksfahrer auf Betriebsreise die Fotografierten

Auf diese Worte hatte ich gehofft, aber kaum daran zu glauben gewagt, sie dann auch noch so zu hören: „Die Frau in dem Mercedes, der 1959 in der Schweiz aufgenommen wurde, bin ich!“, vernahm ich am Mittwoch der vergangenen Woche aus dem Telefon. Was mir für einen Moment die Sprache verschlug. Denn die Chance, dass die auf dem im Gandersheimer Kreisblatt und dem Seesener „Beobachter“ abgebildeten Personen des Suchfotos mit dem Mercedes mit Gan­dersheimer Kennzeichen, noch leben, war zwar vorhanden, aber doch angesichts der 53 Jahre, die inzwischen vergangen sind, nicht groß.
Umso mehr Erstaunen musste dieses Ende der Suche auslösen. Die ja mit der überaus zufälligen Auffindung des Bildes im Internet ihren Anfang genommen hatte. Die Idee, die Eigentümer und Insassen des Fahrzeuges mit dem Kennzeichen GAN - J 456 zu finden, führte zu den Artikeln, die im GK, aber eben auch im Seesener „Beobachter“ erschienen. Der Landkreis Gandersheim reichte ja bekanntlich bis in den Harz und umfasste auch Seesen und Umland.
Die Chance, dass der Mercedes aus dem damals schon boomenden Industriestandort Seesen komme, war von Beginn an hoch. Dennoch kamen die ersten Hinweise auf die möglichen Besitzer aus Bad Gandersheim. Die Vermutung, das J im Kennzeichen könne auf das Gandersheimer Taxiunternehmen Jungesblut hinweisen, das zur fraglichen Zeit mit solchen Fahrzeugen Gäste transportierte, endete bei Nachfrage bei Gebhard Jungesblut als Nachfahr in der Sackgasse. Ein solches Kennzeichen habe wohl keines der Fahrzeuge des Vaters gehabt, so die Erkenntnis.
Deutlich aussichtsreicher dann ein zweiter Hinweis, der nach Langelsheim führte. Und das aus Bentierode! Die dort lebende Familie Grunwald sah eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass der Langelsheimer Pferdehändler Hans Barra Besitzer des abgebildeten Wagens sein könne. Es gab sogar ein Foto aus dem gemeinsamen Urlaub im Frühjahr 1959, bei dem Barra samt Frau mit einem Mercedes auf einer Bodensee-Fähre abgebildet waren. Allerdings von erhöhter Position und ohne erkennbares Kennzeichen.
Noch bevor die Nachforschungen unter Nachfahren des Langelsheimer Pferdehändlers zu greifbaren Ergebnissen führen konnten, ereilte mich dann Mitte letzter Woche der alles erhellende Anruf. „Das ist unser Firmenwagen mit Werksfahrer Wiegand am Steuer. Mein Name ist Hannelore Pförtner“, löste sich das Rätsel binnen Sekunden auf.
Der Name ist in Seesen natürlich untrennbar mit einem erfolgreichen Unternehmen verbunden, den früheren Sonnenwerken, heute Sonnen-Bassermann. Gegründet von den Herren Sieburg und Pförtner. Hannelore Pförtner war Ehefrau des Sohnes des Firmengründers Carl Pförtner, Heinz Pförtner, der vor Jahren bereits verstarb. In einem Monat wird die Witwe ihr 89. Lebensjahr vollenden.
An die Fahrt in die Schweiz und nach Italien kann sie sich gleichwohl sehr gut noch erinnern, wie sie anhand von Bildern und kleinen Mitbringseln in einem der mehr als 100 sauber geführten Fotoalben am Donnerstagmorgen zwei neugierigen Redakteuren des GK und Seesener „Beobachter“ zeigt. Zwar kommt der Mercedes samt Fahrer dort nicht vor, aber Zweifel gibt es kaum, dass es sich um ein Werksfahrzeug der Sonnenwerke handelt. Und der Zeitpunkt sei ein etwas anderer gewesen, als im Internetarchiv mit Mai angegeben: „Das muss der 18. oder 19. April gewesen sein“, ist sich Frau Pförtner aufgrund der Reiseunterlagen sicher.
„Ich hatte die Geschichte noch gar nicht gelesen, aber mein Enkel war in der letzten Woche da und hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass unser Mercedes in der Zeitung ist“, berichtet sie. Zu den Besonderheiten gehörte eben auch, dass sie grundsätzlich hinter dem Fahrer auf dem Rücksitz mitgefahren sei. „Bis ich dann später mal meinen eigenen Führerschein gemacht habe“, schmunzelt sie.
Ihr Mann sei bei der Fahrt auch dabei gewesen und habe immer vorn neben dem Werks-chauffeur gesessen. Dass er auf dem Bild nicht zu entdecken scheint, könnte seine Erklärung in der Gesamtsituation haben. Ein Zollbeamter scheint mit Papieren auf das wohl noch wartende Fahrzeug zuzugehen. Möglicherweise hatte Heinz Pförtner den Wagen in diesem Moment nur kurz verlassen.
Ein Abdruck des Bildes – auf der Rückseite einige Informationen über den Fotografen – erinnert nun an das denkwürdige Zusammentreffen – „von dem ich natürlich nicht bemerkt habe, dass wir da von jemandem fotografiert worden sind“, kann Hannelore Pförtner den unglaublichen Zufall, nun nach 53 Jahren an ein solches Dokument aus fernen Zeiten zu kommen, auch noch nicht richtig fassen. Das Bild soll einen Platz unter vielen anderen bekommen, die heute die Wände eines entsprechenden Raumes in der Villa gleich hinter den Sonnenwerken zieren.

Rudolf A. Hillebrecht