Die Schärfen sind poetisch verpackt!

Die Bühne ist sein Vortragsraum, das Publikum ist die Zuhörerschar.
 
Interaktionen gibt es nicht, denn Schmickler ist Vortragender, Rezensent, Deklamierer, Leser, Sänger und Prediger, Prophet und Kassandrarufer.

Die Aula im Schulzentrum war wieder einmal bis auf den letzten Platz gefüllt, denn das Seesener Kulturforum hatte den „Scharfrichter unter den deutschen Kabarettisten“, Wilfried Schmickler, eingeladen. Sein aktuelles Programm heißt „Weiter“ und so stürmt er denn auf die Bühne.

Von Joachim Frassl

Er fühle Spannung im Raum. Sind es Ängste? Gar die Angst vor dem Gelduntergang? Das unbeirrte „Weiter, immer weiter…“ landet irgendwo später in apokalyptischen Visionen. Vorab beruhigt er das Publikum des Kulturforums: „Schlimmer als das Fernsehen heute kann der Abend hier auch nicht werden.“

Schmicklers Balladen erinnern manchmal an Degenhardt; Hanns Dieter Hüsch und Heinrich Pachl sind nicht nur kabarettistische Vorbilder, sondern auch Satire-Paten. Als Kabarettist muss Schmickler nicht tagespolitisch aktuell sein, denn als politischer Satiriker legt er den Finger in die Dauer-Wunden, gerissen durch Gier, Angst und Neid. Erst analysiert er, dann predigt er, dann singt er Balladen, dann parodiert er, dann überhäuft er das Publikum mit Definitionskettenneubegrifflichkeiten.

Die Bühne ist sein Vortragsraum, das Publikum ist die Zuhörerschar. Interaktionen gibt es nicht, denn Schmickler ist Vortragender, Rezensent, Deklamierer, Leser, Sänger und Prediger, Prophet und Kassandrarufer. Er bietet wahrlich keine leichte Kost. Die Schärfen sind poetisch verpackt. Da singt er die wehmütige Bestandsaufnahme vom SPD-„Ortsverein“, in eine Ballade verpackt. Den Bundespräsidenten und seine „Bundesbetty“ trifft des Kabarettisten harte Keule, er spricht über den Guttenberg-Virus und das Plagiats-Syndrom, über die Kabinettsfrauen…und „reden wir über was Erfreuliches: Über das Wahlergebnis der FDP in Berlin.“

„Im Kanzleramt brennt spät abends noch das Licht; die gute Mutti…“ „Weiter, immer weiter“ heißt es zu Angela Merkel. Ein marschartiges Kampflied, so klingt es. Das „Wirtschaftswachstumsbeschleunigungsgesetz“ hat Lösungen parat: „Verzicht ist etwas für Leute, die nichts haben.“

Dann fordert Schmickler das „Regenwaldnachwachsbeschleunigungsgesetz“ und zitiert/parodiert die Bundeskanzlerin. Ein faustisches Gedicht thematisiert die Gier und den Neid. Nach der Pause kommt Schmickler mit einem Mund voll Zigarettenrauch auf die Bühne, den er pantomimisch in Richtung Publikum zerstreut. Die Raucher seien aus allen öffentlichen Räumen vertrieben worden; er plädiert in Konsequenz für ein Sprechverbot in Großraumwaggons in Langsteckenzügen. Lebensmittel-Müll-Vermarkter sind Thema, ebenso die Kochshows mit ihren „Gourmets und Gourmeusen“, dann die Eck-Coffee-to-goes mit den Pappschnabeltassen zum Mitnehmen. Er sinniert über katholische Sozialisation der Jugend im Rheinland und differenziert zwischen Karwoche und Carsharing, und Golgatha sei keine Zahnpasta. Das „Weiter, immer weiter…“ wird in einem Schlusssong wieder aufgegriffen: Die Mahnungen des Satirikers, so scharf sie auch sind, zwar auf die Fehler gerichtet, aber sie scheinen ewig und systemimmanent.

Das Publikum beim Seesener Kulturforum hat die kunstvoll präparierten Scharfzüngigkeiten von Wilfried Schmickler sehr wohl verstanden und dankt begeistert mit viel Applaus. Der Kabarettist dankt in seiner Weise, durch ein kunstvoll knapp-bissig-logisch gesetztes Gedicht über das „Wir“ und die ewig „Anderen“ und indem er feststellt: „Wir Kölner haben eigentlich keinen Grund, auf etwas neidisch zu sein, ausgenommen das tolle Seesener Kulturforum“.