Die Stimme der Synagoge ist stark und schön

Der „Europäische Synagogalchor“ unter Leitung von Professor Andor Iszák zeigte, dass Musik mehr Kraft haben kann als Worte.
 
Professor Iszák ließ sich auch von einer Erkältung nicht unterkriegen.

Konzert setzt deutliches Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus

Wenn Worte nicht mehr richten können, was Worte zuvor angerichtet haben, dann kann nur noch die Musik sprechen und Antworten geben. So kann die Intention beschrieben werden, hinter dem Konzert die „Stimme der Synagoge“, das am Freitagabend vor 250 Besuchern in der St. Andreas Kirche in Seesen veranstaltet wurde.

Das Konzert mit dem „Europäischen Synagogalchor“ unter der Leitung von Professor Andor Iszák, der die Sänger an der Orgel begleitete, war ein klares Statement gegen jedwede Art des Antisemitismus und Rassismus, wie es auch Propst Thomas Gleicher in seinem Wortbeitrag vor Beginn des Konzertes formulierte.
Der Abend mit dem Synagogalchor hätte sowieso stattgefunden, antisemitische Äußerungen eines ehemaligen Seesener Ratsherren führten jedoch zu dem Entschluss das Konzert früher als ursprünglich geplant zu veranstalten, um eben dieses deutliche Zeichen gegen menschenverachtendes und menschenverletzendes Verhalten zu setzen.
CDU-Landtagsabgeordneter Rudolf Götz, der von dem Skandal um seinen ehemaligen Parteikollegen, der im Juli im sozialen Netzwerk facebook eine Juden diffamierende Äußerung kundtat, und somit direkt von den Geschehnissen und Auswirkungen betroffen war, brachte in seinem Wortbeitrag die Verdienste des Judentums, von der unsere Gesellschaft noch heute profitieren, am besten auf den Punkt. Christdemokrat Götz berichtete vom Wirken von Walther Bensemann, einem der wichtigsten Pioniere des Fußballs in Deutschland. Bensemann war nicht nur Gründer und Herausgeber des heute noch bundesweit beliebten Fußballmagazins „Kicker“, sondern er war auch maßgeblich an der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und zahlreicher Fußballvereine beteiligt, unter anderem am Vorgänger-Verein des heute weltweit bekannten FC Bayern München.
Mit dem Porträtieren dieses Mannes wollte Götz zum Ausdruck bringen, dass Antisemitismus nicht nur schändlich, sondern angesichts der großen Verdienste die wir dem Judentum bis heute zu verdanken haben, völlig unangebracht ist.
Am Tag nach der Veranstaltung war Rudolf Götz im Gespräch mit dem „Beobachter“ noch hörbar ergriffen von den Darbietungen des „Europäischen Synagogalchores“. „Dieser Abend hat wirklich viel gebracht, wenngleich die Vorkommnisse mit diesem Konzert noch nicht als aufgearbeitet gelten können. Doch die Schönheit dieser Musik ging wirklich unter die Haut“, so MdL Rudolf Götz.
Auch Seesens Bürgermeister Erik Homann sprach sich entschlossen gegen Antisemitismus aus, und erinnerte an den historischen Schatz, von dem Seesen dank des Wirkens von Israel Jacobson, dem Reformator des Judentums, profitieren darf. „Wir sind keine Stadt, die mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werden soll, sondern wir sind eine Stadt, die ebenso wie das liberale Judentum auf die Ideale der Aufklärung, Toleranz und den Erhalt der Kultur setzt“, so Bürgermeister Homann.
Auch Propst Thomas Gleicher hob die enge Verknüpfung Seesens mit dem Reformjudentum hervor: „Synagogale Konzerte haben in unserer Stadt Tradition, und sie sind Ausdruck unserer Verbundenheit mit dem Reformjudentum.“
Im Anschluss an die Wortbeiträge von Gleicher, Götz und Homann gehörte die Bühne dem „Europäischen Synagogalchor“ und Professor Andor Iszák der trotz einer heftigen Erkältung den Zauber der synagogalen Musik in der St. Andreas Kirche zum Erklingen brachte.
Auch Professor Iszàk betonte in seinen kurzweiligen Moderationen zwischen den musikalischen Beiträgen stets seine enge Verbindung mit Seesen. Dabei kam er auch beim Anblick der St. Andreas Kirche nicht aus dem Schwärmen, erinnert ihn die Architektur doch sehr stark an den zerstörten Jacobsontempel, der als Modell in der Villa Seligmann steht. „Beim Anblick des Tempel-Modells, das ein abnehmbares Dach hat, und so einen Blick ins Innere erlaubt, fühle ich mich immer sofort an die St. Andreas Kirche erinnert“, schwärmte Professor Iszák.
Der musikalische Aufbau war an diesem Abend an den Ablauf des Gottesdienstes angelehnt, wie er stets am Vorabend des Schabbat gefeiert wird. Das begeisterte Publikum bekam neben Klassikern der synagogalen Musik, zu der unter anderem Werke von Louis Lewandowski und Salomon Sulzer gehören, auch Stücke von Komponisten wie Kurt Weill, Gioachino Rossini, Alfred Rose und Franz Schubert zu hören. Der „Europäische Synagogalchor“ der erst seit fünf Jahren besteht, überzeugte dabei durch seine Stimmgewalt und die Schönheit der jüdischen Musik, die vom Orgelspiel Iszáks noch hervorgehoben wurde.
Mit fortlaufender Dauer, und das ist ein ganz besonderes Merkmal der synagogalen Musik, wurden die Stücke immer fröhlicher und führten bei Professor Iszák zu der treffenden Bemerkung: „Wir haben soviel moll in unserem Leben, da ist Musik in dur, die uns den Gottesdienst mit einem Lächeln im Gesicht verlassen lässt, genau das Richtige.“