Die Stolpersteine glänzen wieder

Die Zehntklässler der Oberschule Seesen reinigten am vergangenen Freitag die Stolpersteine vor dem Städtischen Museum.

Zehntklässler der Oberschule Seesen planen Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz

Auch 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der am 27. Januar dieses Jahres gedacht wurde, ist die Erinnerung und Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte wichtiger denn je; besonders vor dem Hintergrund, dass heute die Zahl der Zeitzeugen des Holocaust nur noch verschwindend gering ist und deren mahnende Stimme immer weniger gehört wird. Wie wichtig dieser Gedenktag in der Gegenwart ist, zeigen beispielsweise wieder öffentlich zur Schau gestellter Antisemitismus, Übergriffe und, wenn auch auf andere Art, die jüngsten Diskussionen im Zusammenhang mit der Pegida-Bewegung.
Damit es zu solchen Tendenzen gar nicht erst kommt, ist Aufklärung so früh wie möglich vonnöten. Dabei kommt der pädagogischen Arbeit in den Schulen besondere Bedeutung zu. Was Seesen angeht, so ist diese wohl als vorbildlich zu bezeichnen. Das gilt selbstredend für das Jacobson-Gymnasium, das gilt aber auch für die Oberschule. Jüngstes Beispiel: 13 Schülerinnen und Schüler der Klasse R10b haben sich bereits intensiv im Unterricht mit der Zeit des Nationalsozialismus und mit dem Holocaust auseinandergesetzt.

Beim Besuch des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora beschäftigten sie sich erstmals mit Todeslisten aus dem Lager. In diesem Sommer nun wollen sie im Rahmen einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz reisen. „Die Idee zu dieser Gedenkstättenfahrt kam von den Schülerinnen und Schülern im Anschluss an eine Diskussion über den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar und der Bedeutung dieses Tages in der heutigen Zeit“, machte der betreuende Lehrer Dr. Thomas Droste deutlich. Und der attestiert der Gruppe in der Vorbereitung „ein hohes Engagement“.
So waren die Schülerinnen und Schüler zunächst im Städtischen Museum auf Spurensuche gegangen und hatten sich mit der Seesener Geschichte auseinandergesetzt. Erstaunt stellte ein Schüler dabei fest, dass das Haus, in dem er wohnt, in der Reichspogromnacht zum 9. November 1938 als jüdisches Wohnhaus angezündet worden war. Jetzt wurde ihm auch klar, warum es bei geschlossen Türen und Fenstern in den Ecken seines Zimmers noch nach kaltem Rauch riecht. Außerdem haben die Zehntklässler das Totenbuch der Jacobson-Schule, das freundlicherweise vom ehemaligen Leiter des Gymnasiums, Rolf Ballof, zur Verfügung gestellt wurde, analysiert und die noch ungeklärten Schicksale herausgefiltert. Diese Liste wird jetzt vorab an die Gedenkstätte nach Auschwitz übermittelt werden. Vielleicht können einige dieser Schicksale geklärt werden.
Intensiv haben sich die Oberschüler aber auch mit der Bedeutung der so genannten Stolpersteine und mit der durchaus kontroversen Diskussion über sie beschäftigt. Schon vor längerer Zeit hat die Schule eine Patenschaft über den an Gerhard-Julius Hamm erinnernden Stolperstein übernommen. In der vergangenen Woche nun trafen sich die Schüler abermals im Städtischen Museum. Wie berichtet, werden dort gerade jene Stolpersteine aufbewahrt, die im Zuge der Sanierung von Poststraße und Marktstraße vorerst ihren Standort verlassen mussten. Nicht nur als Vorbereitung auf die Gedenkstättenfahrt, sondern auch, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, wurden die Messingabdeckungen mit den eingravierten Namen der ermordeten Seesener wieder mit Ökoreiniger auf Hochglanz gebracht. Äußerst willkommen dabei war die Unterstützung von Museumsleiter Friedrich Orend. Dank seiner zur Verfügung gestellten Politurpaste ging die Arbeit deutlich unkomplizierter von der Hand. Auch in der Stadt selbst waren die Schüler im Einsatz, um die dortigen Stolpersteine zu reinigen. „Kein verblassen“, so lautete das Motto der Aktion.
Weiter im Programm geht es nun am 11. April. Dann wird man mit einem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sprechen können. Darüber hinaus wird unter der Leitung von Dr. Joachim Frassl am 15. April der jüdische Friedhof in Seesen besucht. „Einen zusätzlichen Stellenwert erhält diese Gedenkstättenfahrt in Hinblick auf das von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker geforderte Postulat des „Erinnerns als Aufgabe“, die wir als Schule und ich als Leiter der Gruppe durch diese Fahrt in hohem Maße realisiert sehen“, machte Dr. Thomas Droste deutlich. Ein nicht nur für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler spannendes Projekt, welches die Brücke schlage von dem, was vor mehr als 70 Jahren hier geschah und für Seesener Bürger in Auschwitz endete, zu aktuellen Diskussionen und Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft.
Was die geplante Fahrt nach Auschwitz betrifft, so würden sich die Schülerinnen und Schüler über finanzielle Unterstützung aus den Reihen der Einwohner freuen, schließlich wird sie jeden Teilnehmer knapp 400 Euro kosten.
Gespendet werden kann unter dem Vermerk „Spende Gedenkstättenfahrt“ auf das Konto der Oberschule Seesen, IBAN: DE94278937601003384002, BIC: GENODEF1SES.