Dreifache Erinnerung, dreifaches Gedenken

Bei strömendem Regen wurde gestern in Seesen der Volkstrauertag 2014 begangen.
 
Rolf Ballof hielt die Ansprache.
 
Das Gedenken wurde musikalisch vom Sinfonischen Blasorchester des MTV Seesen unter der Leitung von Bernd Götze gestaltet.

Volkstrauertag in Seesen: Rolf Ballof hält letztmalig die Ansprache und erinnerte an die Schrecken der Kriege

Volkstrauertag 2014 in Seesen – die Gedenkfeier gestern am Ehrenmal stand wiederum nicht nur im Zeichen der Erinnerung, sondern auch im Zeichen der Mahnung. Rolf Ballof, der als Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge nach dem Totengedenken von Bürgermeister Erik Homann letztmalig die Ansprache hielt, ging auf die dreifache Erinnerung und das dreifache Gedenken in diesem Jahr ein.

Zum Ersten war damit der Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 gemeint, zum Zweiten der Anfang des mörderischsten aller Kriege im Jahr 1939 und zum Dritten die alliierte Invasion 1944.
Wie Ballof erläuterte, führte das Gedenken die Repräsentanten der damals verbündeten beziehungsweise verfeindeten Mächte in diesem Jahr mehrmals an verschiedenen Orten der Geschehnisse zusammen. Sie erinnerten an die Schrecken der Kriege und bekräftigten den Willen ihrer Völker, in Frieden zusammen zu leben, wofür sie Dankbarkeit bezeugten, und Europa gemeinsam zu entwickeln.
Die Treffen hatten Vorbilder: Man erinnere sich an das die deutsch-französische Freundschaft vertiefende Treffen zwischen Adenauer und de Gaulle am 8. Juli 1962 im Dom von Reims. Ein anderes ebenfalls hochsymbolisches Treffen: am 22. September 1984 trafen sich Präsident Mitterand und Kanzler Kohl auf dem Schlachtfeld von Verdun.

Thomas Mann zitiert:
„Frankreich ist verurteilt
und ohne jeden Auftrag“

Ballof: „Heute leben wir im Frieden mit unseren Nachbarn; so verdienstvoll die Treffen der Repräsentanten sind, aber welche friedensstiftende Wirkung hätten sie, wenn sich nicht die Völker, die Gesellschaften der Nationen in vielfältigen Formen getroffen hätten, im Sport, beim Niederlegen von Grenzbäumen, im Rahmen der Kirchen, die beim Aufbau eines Friedens Großartiges geleistet haben, bei vielfältiger Zusammenarbeit und dem Austausch in Forschung und Wissenschaft, gemeinsam bauten die Völker an der wirtschaftlichen Integration Europas, zahlreiche Städtepartnerschaften – wie hier in Seesen die Partnerschaften mit Wantage, Carpentras und Montecorvino Rovella – auch Partnerschaften zwischen Vereinen haben die Beziehungen begleitet und vertieft.“
Es sei sogar zu einer gemeinsamen Pflege der Kriegsgräber gekommen, die den Jugendlichen der Völker den gewaltsamen Tod so vieler Menschen vor Augen gestellt und deren Schicksale erfahrbar gemacht hat – wie erst kürzlich, als Russen und Deutsche eine gemeinsame Grabanlage in Rshew eingerichtet haben.
Ballof zitierte Thomas Mann, der zu Beginn des 1. Weltkrieges: „Ich bin tief überzeugt, dass Frankreich heute ohne jede Sendung, jeden Auftrag ist, zeitblind, verurteilt, desorientiert, hoffnungslos, dass es einen toten, überflüssigen Kampf kämpft und dass alles historische Recht, alle wirkliche Modernität, Zukunft, Siegbestimmtheit bei Deutschland ist.“
Der Vergleich zwischen der von Thomas Mann beschriebenen Wirklichkeit und der Wirklichkeit zeige den langen Weg, den die Völker zurückgelegt haben.
Nach dem 1. Weltkrieg führten Frankreich, Belgien, Großbritannien, die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada den 11. November, den Waffenstillstandstag, als Gefallenengedenktag ein. In Deutschland wurde die Einführung eines Volkstrauertages zwar breit diskutiert, zu einer offiziellen Einführung kam es jedoch nicht. Interessant an den Auseinandersetzungen ist laut Ballof, dass der Volksbund 1924 auf einen Vorschlag des Außenministers Stresemann, den Gefallenen ein Denkmal zu errichten, antwortete. „Wir streben ein Gefallenendenkmal „im Herzen“ des deutschen Volkes an“. Von 1926 an führte der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge jeweils im Frühjahr Veranstaltungen zum Volkstrauertag durch.
Geprägt waren diese frühen Jahre von der Trauer um die Toten des Weltkrieges, später wurden die Toten zu Helden, die Gesellschaft drängte nach Denkmalen und Heldengedenktagen. So weihte der Reichspräsident von Hindenburg 1927 das Tannenbergdenkmal ein und sagte dabei: „Nicht Neid, Hass oder Eroberungslust gaben uns die Waffen in die Hand. Reinen Herzens sind wir zur Verteidigung des Vaterlandes ausgezogen und mit reinen Händen hat das deutsche Heer das Schwert geführt. In den zahllosen Gräbern, welche Zeichen deutschen Heldentums sind, ruhen ohne Unterschied Männer aller Parteifärbungen. Sie waren damals einig in der Liebe und in der Treue zum gemeinsamen Vaterlande. Darum möge an diesem Erinnerungsmale stets innerer Hader zerschellen; es sei eine Stätte, an der sich alle die Hand reichen, welche die Liebe zum Vaterlande beseelt und denen die deutsche Ehre über alles geht!“
Das Vaterland, die Nation sollte der zentrale Bezugspunkt und Prüfstein der Gesinnung für die Menschen in Deutschland sein; Nationales Denken bestimmte so zwischen den Kriegen das Bewusstsein, und damit auch die Politik zunehmend und immer mehr. Aus der Trauer wurde aggressiver Stolz, auch der Ruf nach Rache war zu hören; aus Mahnmalen der Trauer und Pietät wurden Denkmäler, die zur Nachahmung der Helden aufriefen. Aus den Toten des Weltkrieges waren Helden geworden.

„Deutschland muss
leben, auch wenn
wir sterben müssen“

Das nationale Motto für die nun kommenden Zeiten, die den Volkstrauertag ersetzten durch den „Heldengedenktag“, war schon 1926 auf dem Schlageter - Denkmal formuliert „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“.
Viele Soldaten seien mit dem Bewusstsein „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“ in den Krieg gezogen und wie viele sind nicht mehr zurückgekommen, sondern haben in fremder Erde – wenn überhaupt – ein Grab gefunden.
Wie Ballof weiter ausführte arbeitet der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge weiter daran, Grabstellen zu finden und die Gefallenen auf Friedhöfen zu beerdigen.
Die Sammler des Volksbundes sind in diesen Tagen unterwegs und bitten um Hilfe für die Arbeit des Volksbundes.
Krieg als Mittel der Politik waren im Anschluss an die Kriege geächtet. Konflikte und Meinungsverschiedenheiten wurden friedlich gelöst. Bewährt habe sich der Aufbau eines Netzes der europäischen Zivilgesellschaften und Staaten, das Europa in ein inneres, belastbares Gleichgewicht brachte. Das engmaschige Netz europäischer Institutionen, gegenseitiger Kontrollen, permanenter Kompromisse und Zugeständnisse sei zudem erstaunlich immun gegen die Störversuche Einzelner. Die EU ist für Außenstehende, also fast alle, oft ermüdend und verwirrend. Aber die EU habe mit ihren vielen Ventilen bei Krisen bisher eine erstaunliche Tauchtiefe ausgehalten. Das wurde auch bei den Europawahlen deutlich: alle Kritik an europäischen Institutionen und Regelungen machte Halt vor der friedenssichernden Aufgabe Europas.
2012 erhielt die EU als Institution den Friedensnobelpreis: die EU und ihre Vorläufer hätten ,,mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden und Aussöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen". Das Kommuniquée betont die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und die Hinwendung von Griechenland, Spanien und Portugal zur Demokratie, es hebt den Fall der Mauer und die Erweiterung nach Osten hervor: ,,Die EU hat für größte Teile Europas aus einem Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens gemacht.“
So gesehen werde der Volkstrauertag, auch zu einem Tag, an dem Hoffnungen erfüllt sind und zu einem Tag der Dankbarkeit.
Ballof: „Hier am Mahnmal für die in Kriegen Getöteten mischt sich in unsere Trauer das Gefühl der Dankbarkeit und das Zeugnis, dass wir die Aufgabe haben, Frieden zu halten und dafür zu wirken, das Frieden sei. Ich bin sicher, dass das Gedenken des Volkstrauertages, das jährliche Treffen von Bürgern und Vereinen hier am Mahnmal in Seesen zum Frieden beigetragen hat.“
Der Blick richte sich heute über Europa hinaus auf Konflikte in der Welt, um die Ukraine, um Frieden in Syrien, im Irak, aber auch zwischen Palästina und Israel. Konflikte, die Leben und Würde von Menschen bedrohen, Leid über die Menschen bringen und auch Europa bedrohen könnten.
Abschließend rief Ballof dazu auf, in diesen Tagen der Öffnung der Mauer zu gedenken und an das Leid und den Tod so vieler Menschen an den Außengrenzen Europas.“ Dass mare nostrum auf dem Mittelmeer ab 2015 nicht mehr arbeitet, werde dazu führen, dass noch mehr Flüchtlinge auf dem Meer umkommen. „Arbeiten wir daran, dass das, was in Europa geschafft wurde, auch an anderen Orten möglich wird und dass Europa nicht zu einer die Menschlichkeit abwehrenden Festung wird.“