Ein kunsthistorischer Abend

Im Namen des Städtischen Freundeskreises hieß Renata Jahns die rund 40 Gäste, aber insbesondere auch die Referentin des Abends, Renate Wanda Gehl, herzlich willkommen. Foto: Orend

Renate Wanda Gehl referiert im Städtischen Museum aus dem Leben Lyonel Feiningers

Über 40 Besucher wollten den Vortrag von Renate Wanda Gehl im Museum hören. Der Freundeskreis Städtisches Museum hatte die Kunsthistorikerin aus Göttingen eingeladen, die sich mit dem Leben und Werk Lyonel Feiningers beschäftigte.

Gleich zu Beginn überraschte die Referentin die Anwesenden mit der Tatsache, dass der deutsch-amerikanische Künstler auch als Komponist Erfolg hatte. Sie spielte von einer eigens aus Weimar besorgten CD die Fuge Nr. 2 von Feininger an. Es folgten die Lebensdaten von Lyonel Feininger, der am 17. Juli 1871 als Sohn der angesehenen deutschen Musiker Charles Feininger (Konzertpianist) und Elisabeth Feininger (Pianistin und Sängerin) in New York geboren wurde.
Nach einer Tournee seiner Eltern durch Deutschland durfte Feininger in Deutschland bleiben und besuchte die Kunstgewerbeschule in Hamburg. 1888 bestand er die Aufnahmeprüfung der Königlichen Akademie in Berlin. Er fing früh an, für Verleger und Zeitschriften zu zeichnen. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris 1892 kehrt er im Jahr 1893 nach Berlin zurück, wo er als freier Illustrator und Karikaturist für Zeitschriften wie: „Humoristische Blätter“ und „Ulk“ arbeitete.
Während der ersten Ehe mit Clara Fürst (1901), lernte er 1905 die Künstlerin Julia Berg kennen, die er nach der Trennung von seiner ersten Frau im Jahr 1908 heiratete. Aus dieser Beziehung gingen drei Söhne hervor. Andreas Feininger, der ein bedeutender Fotograf wurde, Laurence, der sich der Musik verschrieben hatte und Theodore Lux, der ein bekannter Maler wurde.
1911 gab es für Feininger erste Kontakte mit dem Kubismus in Paris. 1912 lernte er die Künstlergruppe „Brücke“ um die Studenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennen, die als Wegbereiter des deutschen
Expressionismus gelten. Auf Einladung von Franz Marc nahm Feininger 1913 mit den Künstlern des „Blauen Reiters“ an einer Ausstellung in der Berliner Galerie „Der Sturm“ teil. 1919 wurde Lyonel Feininger von Walter Gropius als Leiter der grafischen Werkstatt ans Staatliche Bauhaus in Weimar berufen, wo er, dem ganzheitlichen Anspruch des Bauhauses folgend, seine erste Fuge komponierte.
Nach diesen ersten Daten aus dem Leben von Feininger brachte Renate Wanda Gehl den Zuhörern Werke des Künstlers durch ausführliche Bildbeschreibungen näher. So widmete sie sich den Arbeiten: „Weißer Mann“ von 1907, „Zeitungsleser“ von 1909, „Angler mit blauem Fisch“ aus dem Jahre 1912 und dem Bild „Die Radfahrer“. Anschließend sprach die Kunsthistorikerin über die Werke, die auf Usedom entstanden sind und als Motive Kirchen, Boote und Badende zeigen. Diese Naturnotizen, wie sie Feininger nannte, waren ein reichhaltiger Fundus, aus dem der Künstler in den Wintermonaten schöpfen konnte. Oft waren es nur Skizzen, die im Sommer entstanden, so auch von den Gebäuden der sogenannten Bäder-Architektur.
1923 konnte Feininger ein Arbeitszimmer im Anger-Museum in Erfurt nutzen. Hier entstanden
nur zwei Bilder mit Motiven der Stadt, aber viele Notizen über Gebäude, Kirchen und Dörfer in der Umgebung, so die bekannten Ansichten aus dem Ort Gelmeroda in Thüringen.
Als weiteren Einschub konnten die Besucher die Fuge Nr. 3 von Feininger hören. Renate Wanda Gehl ging dann auf Feiningers Aufenthalte in Deep, einem Ort an der polnischen Ostseeküste ein. Hier erhielt Feininger zahlreiche Anregungen für seine Arbeiten mit Strand-, Meer- und Schiffsmotiven. Es entstanden Werke wie: „Yachtrennen“, „Stiller Tag am Meer“, „Regamündung“ und „Vogelwolke“.
1929 erhielt Feininger den Auftrag, ein Bild der Stadt Halle zu malen. Zu diesem Zweck bezog er ein Atelier im Torturm der Moritzburg. Hier entstand die berühmte Serie seiner Halle-Bilder,
die 1931 geschlossen für das Museum in Halle angekauft wurde.
1937 übersiedelte die Familie in die USA. Im Rahmen der Aktion Entartete Kunst wurden über 400 Werke des Künstlers aus deutschen Museen beschlagnahmt und zum Teil in der gleichnamigen Wanderausstellung diffamiert. Ein Leben in Deutschland schien Feininger daher nicht mehr möglich zu sein.
Zum Schluss referierte Renate Wanda Gehl noch kurz über Feiningers Zeit in New York, wo seine Stadtansichten entstanden und als sogenannte „Manhattan-Reihe“ veröffentlicht wurden. Abschließend erklang noch die Fuge Nr. 4, die Lyonel Feininger komponiert hatte. Anhaltender Applaus der Zuhörer für die Referentin beschloss einen gelungen
kunsthistorischen Abend im Städtischen Museum.