Ein profunder Kenner der Materie

Das Modell des Tempels stand beim Besuch im Städtischen Museum buchstäblich im Mittelpunkt.
 
Prof. Dr. Guy Stern (Zweiter von links) lauscht interessiert den Ausführungen von Dr. Joachim Frassl.

US-amerikanischer Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Guy Stern (92) zu Gast in Seesen

Er bewältigt heute noch ein Arbeitspensum, das so manch jüngeren Zeitgenossen leicht an den Rand eines Burn-Outs bringen könnte, strahlt zugleich eine bewundernswerte Gelassenheit aus, sprüht vor geistiger Frische und beeindruckt vor allem durch sein hervorragendes Gedächtnis, sein Wissen und seine rhetorische Gewandtheit.

Es ist fast kaum zu glauben, dass dieser Mann in zwei Monaten seinen 93. Geburtstag feiern kann. Die Rede ist von Prof. Dr. Guy Stern, der am Donnerstag zu Gast in Seesen war.
Geboren am 14. Januar 1922 in Hildesheim, besuchte Stern dort zunächst die jüdische Volksschule und später die Andreas-Oberrealschule, das heutige Scharnhorst-Gymnasium. Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht, und Guy, der damals noch Günther hieß, wurde 1934 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus „seinem“ Sportverein, dem MTV Eintracht Hildesheim, ausgeschlossen. Mit Hilfe eines Onkels aus St. Louis gelang es ihm, im Jahr 1937 in die USA zu emigrieren. Gerade noch rechtzeitig, wie sich zeigte. Seine Eltern und Geschwister musste er zurücklassen. Wie er später erfuhr, waren sie wie Millionen andere deportiert worden und im Warschauer Ghetto ums Leben gekommen.

Rede vor dem Deutschen Bundestag

Im Krieg gehörte Stern zu den sogenannten „Ritchie Boys“, einer überwiegend aus Emigranten gebildeten Spezialeinheit des Militärnachrichtendienstes. Bis Kriegsende verhörte er in der Normandie deutsche Kriegsgefangene und Überläufer. Wieder zurück in den USA, schloss er sein Studium der Romanistik und Germanistik ab, promovierte und unterrichtete an verschiedenen Universitäten von New York über Cincinnati bis Detroit. Noch heute ist er Direktor eines Instituts des Holocaust-Museums in Detroit. Anlässlich des 60. Jahrestages der Reichspogromnacht sprach er 1998 im Deutschen Bundestag.
Auf Stern und seine Geschichte waren die Verantwortlichen des Eintracht Hildesheim von 1861 e.V. aufmerksam geworden, als sie mit professioneller Unterstützung die „dunklen Kapitel“ in der Vereinsgeschichte aufarbeiten ließen. „Ungeschehen machen können wir heute natürlich nichts mehr, aber wir wollten ein Zeichen der Versöhnung und vor allem der Freundschaft setzen“, machte Eintracht-Vorsitzender Rolf Altmann deutlich. So hatte man Guy Stern in den vergangenen Jahren mehrfach nach Hildesheim eingeladen und ihm auch die Ehrenmitgliedschaft angetragen. Seit Mai 2012 ist er zudem Ehrenbürger der Stadt Hildesheim.
In seiner Geburtsstadt hatte er am Mittwoch an der Universität eine mehr als einstündige Vorlesung ohne Manuskript gehalten und wurde anschließend mit Standing Ovations verabschiedet. Außerdem nahm er am Donnerstagvormittag an einer Ausstellungseröffnung „Jugendsport bei Eintracht Hildesheim nach 1933“ im Knochenhauer-Amtshaus teil.
Gern nahm Prof. Stern die Gelegenheit wahr, im Zuge seines jüngsten Besuches auch der Stadt Seesen, die bekanntlich als Wiege des liberalen Judentums gilt, einen Besuch abzustatten. Sein Weg führte ihn nach dem Mittagessen im Hotel „Goldener Löwe“ zunächst ins Städtische Museum. Nach der Begrüßung durch Museumsleiter Friedrich Orend war es Dr. Joachim Frassl, der den Gast und seine Begleiter mit Leben und Wirken Israel Jacobsons und dem einstigen Tempel vertraut machte. Guy Stern erwies sich dabei nicht nur als interessierter Zuhörer, sondern auch als äußerst profunder Kenner der Materie, sprich der jüdischen Reformbewegung.
„Wenn sie voll ist, einfach wiederkommen und eintauschen“, mit diesen Worten überreichte Friedrich Orend dem Gast eine Spardose „made in Seesen“ als Erinnerung. Abschließend stand noch ein Besuch der St.-Andreas-Kirche auf dem Programm.